Bern

Das Weinen der Kinder ausgeblendet

BernEiner der schlimmsten Missbrauchsfälle der Schweiz: Ein 57-jähriger Sozialtherapeut hat über 100 sexuelle Übergriffe auf Behinderte in mehreren Heimen gestanden. Am Montag sagte der Mann vor Gericht aus.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Prozess gegen einen 57-jährigen Sozialtherapeuten hat heute begonnen, der sexuelle Übergriffe auf über 100 Behinderte gestanden hat. Bei seinen Taten sei ihm nicht bewusst gewesen, was er den Opfern antue, sagte der Angeklagte vor dem Regionalgericht Bern.

Strafrechtlich verantworten muss sich der Mann in 33 Fällen, die nicht verjährt sind. Die Anklage lautet auf Schändung, sexuelle Handlungen mit Kindern, Abhängigen und Anstaltspfleglingen, Pornografie sowie Verletzung des Geheim- oder Privatbereichs. Der Mann hatte die Übergriffe teilweise gefilmt.

Im Zentrum des ersten Prozesstages stand die Befragung des Beschuldigten, der sich seit 2011 im vorzeitigen Strafvollzug befindet. Der Sozialtherapeut war 2010 verhaftet worden, nachdem zwei Bewohner eines Behindertenheims im Kanton Aargau ihren Eltern von sexuellen Kontakten mit ihrem Betreuer berichtet hatten.

Die Verhaftung bezeichnete der Mann als eine Art «Erleichterung». Er sei damals unter grossem Druck gestanden. Es sei ihm bewusst gewesen, dass er seinen Beruf, der ihm alles bedeutet habe, nie mehr werde ausüben können, wenn seine pädophilen Neigungen bekannt würden. Auf die Idee, sich jemanden anzuvertrauen, sei er aber nicht gekommen.

Machtgefälle «nicht bewusst»

Der Mann wirkte vor Gericht gefasst und zeigte sich kooperativ. Seine Aussagen waren aber oft bruchstückhaft und undeutlich. Es fiel ihm sichtlich schwer, seine Taten zu erklären. Er sehe mit einem «gewissen Schrecken», was er angerichtet habe. «Es tut weh, dass ich es nicht rückgängig machen kann».

Damals sei er davon ausgegangen, dass die sexuellen Handlungen im gegenseitigen Einvernehmen passiert waren. In einige der Buben sei er verliebt gewesen. Bei den Übergriffen habe er anfänglich jeweils aufgehört, «wenn ich Widerstand oder Angst spürte». Mit der Zeit habe er es aber ausgeblendet, wenn die Opfer weinten.

Er habe nachher jeweils ein schlechtes Gewissen gehabt, aber «meine Gefühle waren stärker». Dass zwischen ihm als erwachsenem Betreuer und den minderjährigen Heiminsassen ein Machtgefälle bestand, sei ihm erst im Nachhinein klar geworden.

2003 fast überführt

Bei den Opfern handelt es sich mehrheitlich um schwerst behinderte Kinder und Jugendliche. Die Missbräuche begannen bereits 1982. Die strafrelevanten 33 Fälle beziehen sich auf den Zeitraum von 2000 bis 2010.

Im Jahre 2003 geriet der Mann ein erstes Mal ins Visier der Justiz und wäre fast überführt worden. Ihm konnte damals aber keine Straftat nachgewiesen werden. Auf die Frage des Gerichtspräsidenten, warum er nicht bereits damals reinen Tisch gemacht habe, sagte der Angeklagte lediglich: «Ich habe mir die Frage auch schon gestellt.»

Urteil am Freitag

Der Prozess wird am Dienstag mit den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung fortgesetzt. Es werden keine Zeugen befragt. Mehrere Opfer haben Zivilklagen auf Schadenersatz und Genugtuung eingereicht. Möglicherweise kommt es zu einem aussergerichtlichen Vergleich. Das Urteil des Regionalgerichts wird am Freitag bekannt gegeben.

Der schwere Missbrauchsfall löste bei seinem Bekanntwerden 2011 schweizweit Bestürzung und Entsetzen aus. Die Sozialbranche musste sich unangenehme Fragen gefallen lassen. Wie konnte es passieren, dass der Sozialtherapeut immer wieder neue Anstellungen fand, obwohl er zum Teil als schwierig und unkooperativ galt und deshalb zwei Mal entlassen wurde?

Im Herbst 2011 lancierten Heim- und Behindertenverbände eine Charta, welche die Unterzeichner zu einer Null-Toleranz-Politik und zu Präventionsmassnahmen gegen sexuelle Übergriffe verpflichteten. (bru/sda)

Erstellt: 17.03.2014, 11:55 Uhr

Artikel zum Thema

Berner Sozialtherapeut: Die meisten Missbrauchsfälle sind verjährt

Rückschlag für Opfer und Angehörige: In der Schweiz kommt es nur in 33 Fällen zur Anklage gegen den ehemaligen Sozialtherapeuten, der in Heimen Kinder missbraucht hatte. Er hatte über 100 Taten gestanden. Mehr...

Service

Schnelle Info für zwischendurch

Lesen Sie die Nachrichten aus der Region in Echtzeit.

Service

Mitdiskutieren, teilen, gewinnen.

News für Ihre Timeline.

Die Welt in Bildern

Guguuus: Die Trickfigur Olaf aus dem Disneyfilm Frozen schaut um die Ecke eines Hochhauses in Manhattan. (23. November 2017)
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...