Sie ist eine Dreckschleuder, und sie ist stolz darauf

Die amerikanische Umweltaktivistin Erin Brockovich, dank Hollywood weltberühmt, kämpft gegen BP.

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Krebserregende Unkrautvernichter in Kansas und Florida, Arsen in Tennessee, giftige Bürodämpfe in New Jersey, Grundwasserverschmutzung in Texas, ölverseuchte Böden in New York: Wo immer es gefährlich wuchert, sickert, dampft und fliesst, rennt und redet Erin Brockovich gegen die Verhältnisse an. Die 50-jährige Umweltaktivistin ermutigt die lokale Bevölkerung, organisiert Widerstände, bündelt Sammelklagen und geht auf die Konzerne los.

Unweigerlich hat BP sie nach der Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko jetzt am Hals. «Ihr dürft weder auf BP noch auf das Weisse Haus warten», ruft Brockovich den Inselbewohnern von Grand Isle in Louisiana zu. «Ihr habt Rechte, und wir können helfen», sagt sie den Fischern in Pensacola, Florida. «Verlangt von BP Schutzmasken, wenn ihr den Strand von ihrem Öldreck befreit», empfiehlt sie den Bewohnern von Violet, Mississippi. Dann reist sie weiter, eine Unermüdliche, die fürs Leben gerne streitet. Ja, sagt sie in Interviews, sie sei eine Dreckschleuder und stolz darauf.

Ehrendoktor

Dabei hat Erin Brockovich weder Recht noch Umweltwissenschaften noch sonst etwas studiert, obwohl sie für ihre Einsätze einen Ehrendoktor bekommen hat. Die Anwaltsgehilfin aus Kansas denkt auch an kein Studium; «ich verlöre meine Kraft», sagt sie.

Das muss sie nicht begründen. Denn Erin Brockovich deckte in den Neunzigern in langen Recherchen einen grossflächigen Umweltskandal auf. Die Firma Pacific Gas & Electric hatte in der kalifornischen Kleinstadt Hinkley jahrelang das Grundwasser verseucht, worauf viele Einwohner erkrankten. Brockovich, von einem Autounfall und Geldnöten geplagt, zog alleine drei Kinder gross. Gleichzeitig arbeitete sie als Sekretärin für Ed Marsy, einen streitbaren Anwalt in Los Angeles.

Schamlos über Medien verbreitet

Mit ihm hatte sie zwar dauernd Krach und irritierte auf der Kanzlei mit heftigen Auftritten und grellen Kleidern. Ungeachtet ihrer Garderobe erstritt sie mit ihrem Chef vor Gericht die Rekordsumme von 333 Millionen Dollar für die betroffene Bevölkerung. Der Prozess von 1993 machte Brockovich reich und Hollywood auf sie aufmerksam. Der packende, nach ihr benannte Film von Steven Soderbergh brachte Julia Roberts vor zehn Jahren einen Oscar ein und machte Erin Brockovich weltberühmt. Der Film, sagt sie übrigens, bilde ihre Geschichte «zu 98 Prozent korrekt» ab.

Weder Geld noch Ruhm haben sie von ihrer Arbeit abgehalten, wobei sie ihre Anliegen schamlos geschickt über alle Medien verbreitet. Bei ihren Auftritten redet sie klar, aber nie sentimental. Dann lässt sie sich mit ihren Fans fotografieren.

Probleme mit Drogen

Dass ihre Tochter Elizabeth die dauernde Abwesenheit ihrer Mutter nicht verkraftete und mit Drogen Probleme bekam, haben konservative Kreise mit Häme kommentiert. Brockovich bereute ihr Versagen öffentlich und mit derselben Direktheit, mit der sie ihre politischen Anliegen vorträgt. Wobei sie auch die Linke irritieren kann; obwohl sie demokratisch wählt, hat sie offene, wenn auch vorübergehende Sympathien für Sarah Palin geäussert.

Amerika liebt seine Aufsteiger und Kämpfer, sie symbolisieren den Kampf der Pioniere gegen das undurchdringliche System, ob Staat oder Konzern, ob mit Gewehr oder Gesetzbuch. Und sie bestätigen den innigen Mythos, wonach jeder es in diesem Land schaffen kann, wenn er oder sie nur stark genug ist. Selbst Ed Marsy, ihr damaliger Chef, musste vor seiner Angestellten kapitulieren. «Ich wollte sie mehrmals feuern», gestand er einmal, «aber es hat nie funktioniert. Ihr gehen die Argumente einfach nicht aus.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2010, 23:46 Uhr

Erin Brockovich. (Bild: Keystone )

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