«Er interessierte sich für das Leben in der Schweiz»

Der Davoser Hotelier Ernst Wyrsch konnte Nelson Mandela zweimal beherbergen. Wyrsch erzählt von seinen Begegnungen mit der «lebenden Legende».

Rupen Boyadjian@RupenB

Rund 100 Staatschefs und 70 Nobelpreisträger haben bei Ihnen im Hotel Belvédère in Davos übernachtet, darunter auch Nelson Mandela. Was hat ihn speziell gemacht?
Er war eine der wenigen lebenden Legenden. Er kam mit einer aussergewöhnlichen Geschichte. Man spürte, dass dereinst viele Strassen, Plätze und Flughäfen nach ihm benannt werden. Er ist einer von vielleicht fünf, die in hundert Jahren noch in Erinnerung bleiben. Ich hatte auch das Glück, mit ihm kurz sprechen zu können.

Wie wirkte er auf Sie?
Er war sehr gross, und entsprach damit nicht der Vorstellung, die man von einem alten Mann hat. Gleichzeitig hatte er eine zarte Stimme, die auch mit seinem kräftigen Handschlag kontrastierte. Seine Augen und sein Lächeln verliehen ihm eine charismatische Ausstrahlung. Er war ein Charmeur und hatte auch im hohen Alter Schalk in den Augen.

Wie war sein Besuch im Hotel?
Er kam 1998 und 1999 ans WEF. Wir mussten vorsichtig sein mit Kamera-Blitzlichtern, denn er hatte sehr sensible Augen. Er nahm jeweils die Abkürzung über unsere Direktionswohnung, damit er weniger Treppen steigen musste. Er war nicht mehr sehr mobil und empfing viele Leute in unserem Hotel. Er interessierte sich für die Menschen hier – für mich oder auch das Putzpersonal. Er fragte, woher sie kämen. Mandela hielt bei uns auch eine Ansprache. Er faszinierte die Menschen, obwohl er rhetorisch gar nicht so stark war. Sein Charisma machte die Ansprache zu einem Erlebnis.

Was sagte er?
Er äusserte einen Satz, der danach auch von den Zeitungen zitiert wurde: Wenn ein Schweizer Banker aus dem Fenster springt, dann solle man ihm folgen. So gross war damals das Vertrauen. Aus heutiger Sicht ist das schon fast lustig. Generell machte er viele Vergleiche zwischen Schweizer Werten, Traditionen, Demokratie und der Situation in Südafrika.

Sagte er auch Persönliches?
Ich kann mich noch gut erinnern, wie er auf die Frage antwortete, weshalb er im Alter keine Bitterkeit entwickelte. Er sagte, das sei etwas, das man sich aneigne, aber auch bewusst ablehnen könne. Das war ein starker Satz. Ein ganzer Themenblock drehte sich um die Frage, weshalb er keinen Hass hege für die, die ihn ins Gefängnis brachten und 27 Jahre lang dort hielten. Er sagte sinngemäss, dass man mit Hass den Pfad der Differenz und der Gewalt nie verlassen könne. Seine Erkenntnis aus 27 Jahren Haft sei, dass man Versöhnung nur erreichen könne, wenn man einen Schritt vorwärts mache. Das habe er dann so gemacht, auch wenn es ihm viele Anfeindungen aus den eigenen Reihen gebracht hatte.

Was sagte er zu Ihnen?
Wir hatten ein kurzes Gespräch in unserer Wohnung. Er fragte, was unsere Kinder machen, wo es Schwierigkeiten geben kann, wenn man in der Schweiz aufwächst. Er interessierte sich für das Leben in der Schweiz, und fragte beispielsweise, was die Vor- und Nachteile des Wohnens in den Bergen sind. Mit seiner nächsten Frage ging er auf das ein, was ich geantwortet hatte. Ich erachte das als oberste Form der Anerkennung. Er hatte Freude an der Begegnung mit anderen Menschen. Aber es war nicht einfach, an ihn heranzukommen, da ihn seine Entourage abschottete. Seine Leute wollten ihn zum Weitergehen drängen, aber er wehrte sich und sagte: ‹Lass mich jetzt reden›. Das war bei Bill Clinton sehr ähnlich. Es ist für mich deshalb nicht erstaunlich, dass die beiden Politiker ein sehr herzliches Verhältnis pflegten. Sie sind sich in ihrer Ausstrahlung ähnlich.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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