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«Drei Schüsse! Drei Leben verloren!»

Renia Spiegel gilt als die polnische Anne Frank – ihr Tagebuch unter der Besetzung der Nazis ist ein kraftvolles Zeitzeugnis.

Ihr Tagebuch zeugt vom Grauen des Zweiten Weltkriegs in Przemysl, einer Stadt in Polen unmittelbar an der Grenze zur heutigen Ukraine: Renia Spiegel. Bild: Adam Wysocki
Ihr Tagebuch zeugt vom Grauen des Zweiten Weltkriegs in Przemysl, einer Stadt in Polen unmittelbar an der Grenze zur heutigen Ukraine: Renia Spiegel. Bild: Adam Wysocki

Als Renia Spiegel am 31. Januar 1939 zum ersten Mal in ihr Tagebuch schrieb, war sie 15 Jahre alt. Sie lebte in einer kleinen polnischen Stadt und wünschte sich eine Vertraute, der sie ihre Sorgen und Freuden, Geheimnisse und Gefühle anvertrauen könnte. Jemanden, der sie versteht, sie nicht verurteilt. «Heute ist der erste Tag unserer Freundschaft», schreibt sie. «Wer weiss, wie lange sie bestehen wird? Vielleicht bis ans Ende unseres Lebens.» Renia konnte nicht ahnen, dass dieses Ende viel zu früh kommen würde. Die Jüdin wurde am 30. Juli 1942 von einem deutschen Soldaten auf offener Strasse erschossen.

Geboren 1924, war sie auf einem stattlichen Gut der Eltern in der ­heutigen Ukraine aufgewachsen, eine unbeschwerte Zeit, die aber nur kurz dauerte. 1939 flohen Renia und ihre Schwester Ariana zu ihren Grosseltern nach Przemysl, doch mit dem Hitler-Stalin-Pakt wurde die Stadt geteilt. Renia und ihre Schwester lebten auf der sowjetischen Seite bei den Grosseltern, bis die Nazis die Stadt im Juni 1941 eroberten. Kurz zuvor hatte Renia zum ersten Mal ihren Freund geküsst.

Dem Grauen des Kriegs die Stirn geboten

Was von ihr bleibt, ist dieses Tagebuch, das ihre Stimme bis in die Gegenwart trägt. Es ist eine kraftvolle, berührende Stimme, eine Stimme, die beim Lesen Hühnerhaut erzeugt. Immer und immer wieder schreibt sie von ihrer Mutter, die im von den Nazis besetzten Warschau lebt und die ihr so sehr fehlt. Sie schreibt von ihren Ängsten, von den Schikanen durch sowjetische Soldaten oder Nazis, dem Grauen der Pogrome. Sie schreibt aber auch, wie sie sich verliebt, wie sie mit ihren Freundinnen zur Schule geht und in all dem Chaos und Grauen ein normales Leben zu führen versucht. Immer wieder drückt sie ihre Gedanken und Gefühle auch in Gedichten aus – es sind die berührenden Zeugnisse einer jungen Frau, die dem Grauen des Kriegs die Stirn bietet.

Was von ihr bleibt, ist dieses Tagebuch, das ihre Stimme bis in die Gegenwart trägt.

Nach ihrem Tod nahm ihre Schwester Ariana Elzbieta Bellak das auf Polnisch verfasste Tagebuch an sich und bewahrte es jahrzehntelang auf, ohne es jemandem zu zeigen. Erst 2014 gab sie es einem polnischen Filmemacher zum Lesen, der sofort die Kraft dieses Zeitzeugnisses erkannte. Die beiden gründeten eine Stiftung und publizierten das Tagebuch 2016 auf Polnisch, 75 Jahre nachdem Renia ihren letzten Eintrag geschrieben hatte.

Das letzte Kapitel

Dieser entstand in den Tagen, als die Nazis mit gross angelegten Erschiessungen in den polnischen Juden-­Ghettos begannen. Der Grossvater ­hatte Renia auf einem Dachboden im Ghetto versteckt, während er ihre Schwester Ariana hinausschmuggelte. Sie überlebte, aber Renia starb, ­obschon sie in ihrem letzten Eintrag fleht: «Rette uns, Herr. Du hast mich vor Kugeln und Bomben geschützt, hilf mir zu überleben, hilf uns!»

Das Tagebuch umfasst 700 hand­geschriebene Seiten und erscheint diese Woche zum ersten Mal in ­englischer Sprache. Der letzte Eintrag stammt von Renias Freund: «Drei Schüsse! Drei Leben verloren! Es passierte letzte Nacht um 22.30 Uhr. Das Schicksal entschied, mir meine Liebsten von mir zu nehmen. Mein Leben ist vorbei. Alles, was ich hören kann, sind Schüsse, Schüsse, Schüsse . . . Meine liebste Renia, das letzte Kapitel deines Tagebuchs ist ­komplett.»

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