«Marc Rich war kein Profilierungsneurotiker»

Interview

Der ehemalige Jetsetter-Zahnarzt John Schnell zählte zu Richs besten Freunden. Gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz sagt er, wie er Rich privat erlebte.

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Christian Lüscher@luschair

Marc Rich ist weltbekannt. In den Medien war er der «geniale Rohstoffhändler», eine «kontroverse Figur», «obskurer Geschäftsmann», und er war Amerikas «most wanted man». Über seinen Sinn fürs grosse Geschäft wurde viel publiziert. Aber wie war Rich als Privatmensch? Und wie nahmen ihn die Leute in St. Moritz wahr, wo er jahrelang in «Gefangenschaft» lebte? Bewacht von Bodyguards, weil ihn das FBI entführen wollte?

Einer, der diese Frage wie kein Zweiter beantworten kann, ist Hans Schnell, In Promikreisen bekannt als John Schnell. Der ehemalige Starzahnarzt, «Bohrinsel der Reichen und Berühmten» nannte die «Süddeutsche Zeitung» seine Praxis, ist jemand, der grundsätzlich nicht negativ über Menschen spricht. «Ich rede nie schlecht über Menschen. Selbst der grösste Gauner hat eine positive Seite», stellt Schnell klar. Er kennt Rich bestens, weil er ihn auf einer Kundenliste hatte. Und er zählte zu Richs absolut engstem Freundeskreis.

«Call me Marc»

Im Gespräch mit Bernerzeitung.ch/Newsnetz blickt Schnell auf eine tiefe Freundschaft mit dem berühmten Rohstoffhändler zurück. Kennengelernt haben sich die beiden in seiner Praxis in den 80er-Jahren. Eine Patientin, die mit dem spanischen Adel befreundet war, empfahl ihn Marc Rich. Die erste Begegnung mit dem Rohstoffhändler sei sehr angenehm gewesen. «Ich hatte keine Ahnung, wer Rich war. Seine Freundlichkeit beeindruckte mich», erinnert sich Schnell. Nach dem dritten Termin sei er bereits per Du gewesen. «Everybody calls you John. Call me Marc», soll Rich zu Schnell gesagt haben. «Das war der Beginn einer wundervollen Freundschaft», blickt Schnell zurück.

Von seinen Geschäften und seinem Milliardenvermögen habe Schnell lange nichts gewusst. Man habe lieber bei einem Glas Rotwein über hochinteressante Themen geplaudert. Erst als ein Zeitungsartikel Richs fragwürdige Deals bekannt machte, wurde Schnell bewusst, mit wem er tatsächlich am Tisch sass. «Unsere Freundschaft litt aber keine Sekunde darunter», erklärt der ehemalige Zahnarzt.

Überhaupt habe er Marc Rich anders erlebt, als ihn die Medien immerzu in ihren Berichten beschrieben. Rich sei ein äusserst grosszügiger Mensch gewesen, der sein Umfeld mit «fantastischen» Nachtessen verwöhnen konnte. Dass Rich Milliardär war, habe man an seinem Auftreten nicht bemerkt. Rich habe ein bescheidenes Verhalten an den Tag gelegt. Protzigkeit sei ihm fremd gewesen. «Er war ein ausserordentlich netter und anständiger Mensch. Selten begegnete ich einem so kultivierten Menschen», erinnert sich Schnell.

Keiner dieser typischen Jetsetter

Privat sei Rich «wortkarg» gewesen. «Ein scheuer, zurückhaltender Mann», meint Schnell. Zwar habe er stundenlang euphorisch über Geld und das Geschäft fachsimpeln können. Es seien spannende Momente gewesen. Ansonsten habe er Rich als ruhigen Menschen erlebt, der zudem auch sehr leise sprach. «Marc Rich war kein Profilierungsneurotiker, wie man sie in St. Moritz haufenweise antrifft. Über seinen Reichtum hat er nie gesprochen», sagt Schnell. Seine introvertierte Art sei wohl auch ein Grund gewesen, weshalb Rich in der Öffentlichkeit selten anzutreffen war. «Marc Rich war überhaupt keiner dieser typischen Jetsetter.»

Auch in St. Moritz nicht? «Nein», betont Schnell. «Ich kann das sagen, weil ich ihn in St. Moritz bekannt machte und ihn vernetzte», erklärt Schnell. Mit der High Society vor Ort könne man Rich ohnehin nicht vergleichen. Es sei nicht einfach gewesen, Rich an Partys einzuladen. «Wenn, dann verschickte Rich Einladungen», sagt Schnell. Woher dies rührte? «Ganz einfach. Marc Rich suchte sich sein Umfeld aus», erklärt der ehemalige Star-Zahnarzt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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