«Gegen 3,2 Tonnen komme ich nicht an»

Franco Knie gehört zu einer der berühmtesten Familien der Schweiz. Von seinem Vater lernte er den Umgang mit Elefanten. Im Zirkus hat er seine Frau Linna kennen gelernt, und inzwischen steht das Paar mit Sohn Chris und den Elefanten in der Manege des Knie.

«Elefanten sind neugierig und wollen beschäftigt werden», sagt Franco Knie junior. Wenn sie noch jung sind, erhalten die Tiere eine Grundausbildung. Als Erstes müssten sie ihren Namen kennen und ihren Platz finden, erklärt Franco Knie.

«Elefanten sind neugierig und wollen beschäftigt werden», sagt Franco Knie junior. Wenn sie noch jung sind, erhalten die Tiere eine Grundausbildung. Als Erstes müssten sie ihren Namen kennen und ihren Platz finden, erklärt Franco Knie.

(Bild: Nadia Schärli)

Herr Knie, wann waren Sie das letzte Mal für längere Zeit von Ihrer Familie getrennt? Franco Knie junior: Das ist länger her und kommt selten vor. Etwa alle zwei, drei Jahre besucht meine Frau mit unserem Sohn ihre Familie in China. Das geht nur während der Winterpause. Ich bleibe dann zu Hause und trainiere mit den Tieren die neue Nummer.

Wie weit gehen die Vorstellungen von Familie zwischen der Schweiz und China auseinander? Chinesen pflegen das Familienleben noch intensiver als wir und sorgen füreinander bis ins hohe Alter. Ihr Umgang ist sehr respektvoll.

Ihre Familienmitglieder sind zugleich Geschäftskollegen.Wie verändert das Ihre Arbeit? Ich bin in dieses Modell hineingewachsen, ich kenne es nicht anders. Berufliches und Privates fliessen ineinander über.

Ist es anstrengend, wenn man das nicht klar trennen kann? Überhaupt nicht. Ich finde es angenehm, dass ich nicht Bürozeiten einhalten oder den Feierabend abwarten muss, wenn es etwas zu klären gibt. Wir können jederzeit über das Geschäft reden und trotzdem eine ganz normale Familie sein.

Eine ganz normale Familie? Na ja, wahrscheinlich reisen wir mehr als andere Familien, und während acht Monaten im Jahr wird die Familie sehr gross. Das ist schon nicht ganz normal. Und auf jeden Fall abwechslungsreich.

Bleibt da überhaupt ein wenig Privatsphäre? Man muss sie einplanen. Wenn wir unterwegs sind, ist das Leben sehr intensiv, und natürlich sitzen wir abends bei schönem Wetter zusammen und essen gemeinsam. Die Zeit, in der man sich zurückzieht oder für sich sein will, muss man sich bewusst nehmen.

Belastet Sie die Dauerpräsenz? Nein. Ich bin schon nicht permanent 24 Stunden präsent. Aber in der Regel bin ich auf dem Gelände erreichbar. Am Morgen trainiere ich mit den Elefanten, es folgen Büroarbeit, Kontrollgänge, Besuche der Werkstätten, und dann ist am Nachmittag vielleicht Vorstellung, am Abend sowieso.

In welchen Situationen wünschen Sie sich, Mitglied einer Durchschnittsfamilie mit Einfamilienhaus und einer Katze zu sein? Nie. Das mag für viele Leute stimmen, aber ich persönlich finde das langweilig.

Aber es hat doch sicher auch Nachteile, der grossen Zirkus-Dynastie Knie anzugehören? (Überlegt lange) Mir fällt nichts ein. Wir sind nicht immer gleicher Meinung. Aber das ist kein Nachteil, sondern normal – und produktiv.

Sie sind nicht im Zirkus aufgewachsen. Nein, meine Schwester und ich haben bei meiner Mutter ausserhalb des Zirkusses gelebt. Ich kenne also das Einfamilienhausleben durchaus, wenn Sie das meinen. Ich habe Informatiker gelernt und gerne in diesem Beruf gearbeitet. Das war eine wichtige Erfahrung.

Weshalb sind Sie trotzdem zum Zirkus gegangen? Es war das Zirkusblut, das 1999 durchgedrückt haben muss. Damals sagte ich meinem Vater, dass ich in den Zirkus kommen möchte. Das freute ihn. Bei einem Gastspiel in Bern bin ich beim Circus Knie eingezogen, und als wir nach Genf kamen, habe ich bereits beim Aufbau mitangepackt.

Und heute treten Sie mit Elefanten auf. Genau. Komischerweise. (Lacht) Irgendwie kam ich damals vom Zeltaufbau zum Elefantenstall. Und da bin ich immer noch.

Bis 1999 hatten Sie nichts mit Elefanten am Hut? Meine Schwester und ich verbrachten als Kinder die Ferien im Zirkus und hatten in dieser Zeit Kontakt mit den Tieren. Als ich definitiv zum Zirkus ging, waren sie mir also nicht fremd. Aber natürlich ist das Zirkusleben als Kind ein anderes, als wenn man dort arbeitet. Erst später merkte ich, wie streng die Arbeit ist. Es brauchte eine gewisse Zeit, bis ich mit den Elefanten umgehen konnte. Die Erfahrung meines Vaters hat sehr geholfen und war sehr wichtig.

Wie haben die Elefanten auf den Chefwechsel vom Vater zum Sohn reagiert? Ich ging ja nicht gleich zu ihnen und habe sie herumkommandiert. Wichtig war, dass ich zuerst ihren Charakter kennen lernte. Das war ein langsamer Prozess. Ich habe sie viel beobachtet und meinem Vater bei der Arbeit zugeschaut.

Sind Ihre Elefanten untereinander verwandt? Nein. In unserer Herde sind ausschliesslich Kühe, altersmässig sind sie durchmischt.

Wären männliche Tiere zu gefährlich? Im Zirkus haben wir die Infrastruktur nicht, um sie artgerecht und sicher zu halten. Bullen können in gewissen Phasen, während der sogenannten Musth, aggressiv sein. Sie haben einige Tonnen mehr Gewicht als die Kühe und sind wahnsinnig kräftig.

Die weiblichen Elefanten scheinen aber auch schon wahnsinnig kräftig zu sein... Das ist so. Und wenn sie nicht wollen, ist nichts zu machen. Gegen 3,2 Tonnen komme ich nicht an.

Wie machen Sie, dass sie wollen? Elefanten sind neugierig und wollen beschäftigt werden. Wenn sie jung sind, sind sie sehr verspielt und flexibel, fast weich. In diesem Alter beginnen wir mit der Grundausbildung. Zuerst müssen sie ihren Namen kennen und ihren Platz finden. Dann folgen Appellübungen, die Tiere lernen, sich zu setzen, sich hinzulegen, Rüssel und Füsse zu heben. Schritt für Schritt bringen wir ihnen diese Dinge bei, die älteren Tiere ziehen wir als Vorbilder hinzu.

Bei Ihrem Auftritt mit den Elefanten sind auch Ihre Frau und Ihr siebenjähriger Sohn Chris dabei. Setzen Sie Ihre Familie jeden Abend einem Risiko aus? Ich setze uns auch einem Risiko aus, wenn wir über den Fussgängerstreifen gehen – und Sie (zur Fotografin, die zum Fotografieren unter das Schrägdach getreten ist) riskieren, sich gleich den Kopf an der Decke anzuschlagen (lacht). Die Elefanten kennen die Abläufe und sind an Zuschauer gewöhnt. Was ihnen bekannt ist, bereitet ihnen keine Probleme, in vertrauten Situationen fühlen sie sich wohl. Für mich darf es allerdings nicht Routine werden, ich muss aufmerksam bleiben. Und natürlich wissen meine Frau und mein Sohn, worauf sie achten müssen. Ausserdem ist Chris während der Vorstellung immer unter Beobachtung durch einen Mitarbeiter.

Was könnte eher zum Problem werden: dass ein Elefant aus Tollpatschigkeit jemanden umstösst oder dass er unberechenbar ist? Tollpatschig sind die Elefanten nicht, sie achten sehr genau darauf, wo sie hintreten. Sie sind mir zwar auch schon auf den Fuss getreten, aber das ist nicht so schlimm, wie man sich das vorstellt.

Wie schlimm denn? Der Elefantenfuss besteht grösstenteils aus Fettgewebe, er ist weich und gepolstert. Elefanten gehen sozusagen auf Highheels: Ab den Fussnägeln wachsen die Knochen nach oben, darunter befinden sich Fettpolster. Ein Fusstritt gibt zwar einen immensen Druck, ist aber weich und deshalb anders als der eines Pferdes.

Ihr Vater musste den Zeh operieren, weil ihm ein Elefant auf die Füsse getreten war. Das war eine spezielle Situation. Der Elefant stand während der Vorstellung auf dem Podest. Mein Vater hat ihn heruntergerufen und ging zu spät zur Seite. Der Elefant kam mit den Vorderbeinen runter, konnte nicht mehr bremsen und ist mit dem Huf auf seinem grossen Zeh gelandet.

Haben Sie einen strengen Vater? Nein. Schon als wir als Kinder die Ferien bei ihm verbrachten, war er nie wirklich streng. Er stellte zwar Regeln auf, aber wir hatten es locker und gut mit ihm.

Gilt das auch für die Arbeit mit den Elefanten? Das ist etwas anderes. Da war es wichtig, dass er meine Fehler korrigierte. Man muss für diese Arbeit auch mit sich selber sehr streng sein und Disziplin haben. Wenn etwas nicht funktioniert, ist es nicht die Schuld des Tieres, sondern unsere. Am Anfang war die Arbeit intensiv und streng für mich. Aber ich wollte es so, und wenn es anders wäre, wären wir nicht so erfolgreich und nicht der Circus Knie.

Was soll Ihr Sohn einmal werden? Das soll er selbst bestimmen. Ich durfte auch selber entscheiden. Mein Vater sagt ebenfalls, er sei nie gezwungen worden. Dieses Leben ist wohl in unserem Blut und ich hoffe schon, dass mein Sohn beim Zirkus bleibt.

Ihr Sohn konnte im Zirkus den Kindergarten besuchen und nun auch die Schule. Gibt es auch einen Hütedienst? Nein, dafür besteht kein Bedarf, wir schauen gegenseitig zu unseren Kindern. Sie sind auch schon mehr oder weniger selbstständig, nur auf Chanel, die zweijährige Tochter von Géraldine, muss man noch gut aufpassen.

Während der Wintermonate ist Ihre Familie der Tiere wegen an Rapperswil gebunden. Nicht nur der Tiere wegen. Das gesamte Winterquartier befindet sich in Rapperswil. Wir haben dort unsere Werkstätten, Lagerhallen, das Büro und den Kinderzoo.

Auch die Wohnung? Nein. Unsere Eltern wohnten während der Winterpause zwar immer in einer Wohnung oder in einem Haus. Ich aber bleibe mit meiner Familie im Zirkuswagen.

Den ganzen Winter? Ja, er steht gleich beim Kinderzoo. Wenn etwas ist, bin ich schnell bei den Tieren. Wir haben einen grossen, wintertauglichen Wagen. Ich bin sowieso den ganzen Tag am Arbeiten, Chris ist in der Schule, somit hat meine Frau genügend Platz im Wagen. Und mir persönlich passt es gut, weil ich weder Zeit noch Lust habe, im Winter den ganzen Wagen aus- und im Frühling wieder einzuräumen.

Berner Zeitung

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