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Willard Van Orman testoren

In seinem Essay «Was es gibt» zählt sich der amerikanische Logiker und Philosoph Willard Van Orman Quine zu denen, die «einen Sinn für Wüstenlandschaften haben».

Tatsächlich prägen nüchterne Genauigkeit und Ökonomie des Denkens alle seine Schriften, und diese Art scheint angeboren gewesen zu sein. So berichtet Quine in seiner Autobiografie, wie er als Kind die realen Flugdauern zwischen Ländern kalkulierte, wenn er Pilot spielte. Er war ein zwanghafter Hersteller von Listen, und von seiner frühen Leidenschaft für die Geografie berichtet er, dass sie viel mit Strukturen zu tun habe: «Ich war interessiert an Grenzen und daran, wohin man kommt, wenn man so oder so vorgeht.»

Quine wurde vor 100 Jahren, am 25. Juni 1908, in Akron, Ohio, geboren – der Anfang einer Reise, die im übertragenen wie im buchstäblichen Sinn Grenzen überschritt. Nach seiner Promotion bei Alfred North Whitehead in Harvard 1932 reiste er nach Europa. In Wien traf er den neopositivistischen Philosophen Rudolf Carnap, und diese Begegnung war ein Wendepunkt in einer langen, bemerkenswerten Karriere. Erstmals, so Quine, sei er intellektuell «eher von einem lebendigen Lehrer als von einem toten Buch» angefeuert worden.

Von Quines zahlreichen, sehr anspruchsvollen Publikationen in den Bereichen der Logik, der Ontologie, der Sprachphilosophie und der Erkenntnistheorie gilt sein Aufsatz «Zwei Dogmen des Empirismus» (1951) längst als Klassiker. Gegen das erste Dogma des Empirismus – die Unterscheidung zwischen analytischen Sätzen, die Beziehungen zwischen Begriffen darlegen, und synthetischen, die einen empirischen Gehalt haben – argumentiert Quine, dass es keine Kriterien für eine solche Trennung gebe. Das zweite Dogma ist die Idee, dass es möglich ist, einzelne Sätze zu überprüfen; dagegen zeigt Quine, dass Sätze ihre Bedeutung nur innerhalb einer allumfassenden Theorie erhalten. Verifiziert oder falsifiziert werden nie einzelne Sätze, sondern immer die ganze Theorie, in der sie vorkommen.

Die philosophische Sprengkraft dieser Argumentationen ist enorm. Nach Quine besteht das Wissen nicht aus Bausteinen, sondern wir versuchen, die Welt eher durch ein netzartiges System von Begriffen zu erfassen; und es ist nicht offensichtlich, was in diesem System revidiert werden muss, wenn unsere Theorien mit der Erfahrung nicht übereinstimmen. Mit der Verwerfung des Unterschieds zwischen analytischen und synthetischen Sätzen gerät aber auch eine im letzten Jahrhundert weit verbreitete Selbstauffassung der Philosophie ins Wanken – nämlich die Vorstellung, dass sie keine Aussage über die Welt macht, sondern sich mit reiner Begriffsanalyse beschäftigt.

Obwohl Quine ein radikaler Denker war und sein Leben sich über das ganze 20. Jahrhundert erstreckte (er starb am 25. Dezember 2000), kommen die wichtigsten Ereignisse der Weltgeschichte in seiner Autobiografie nur als Randnotizen vor. Vom Ende des Ersten Weltkrieges erwähnt er nur gerade die fernen Pfiffe von Schiffen, und im Zusammenhang mit 1968 war die Hauptsorge des Harvard-Professors, in Ruhe arbeiten zu können.

Trotzdem ist es verfehlt, ihm – wie es manche Kritiker getan haben – politisches oder soziales Desinteresse vorzuwerfen; denn hat das letzte Jahrhunderte nicht genug unter erhobenen Wahrheitsansprüchen und falschen Propheten gelitten? Die Klarheit und Sorgfalt von Quines Ausführungen und die Unbestechlichkeit seines Urteils zeugen vielmehr von einer Haltung, die durchaus als moralisch zu charakterisieren ist. Wüstenlandschaften mögen trocken erscheinen, aber sie besitzen eine eigentümliche Schönheit und lassen keine Illusionen entstehen: «Ich habe versucht, die Wahrheit zu sagen», schreibt Quine in seiner Autobiografie, «und es ist nicht einfach gewesen.»

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