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James Stewart, 1908–1997

Er spiele, sagte er einmal, nur Variationen seiner selbst, und von all seinen Figuren sei ihm die in Frank Capras «It's a Wonderful Life» (1946) die liebste.

Das ist jener wunderbare Film, in dem der Himmel ein Einsehen hat und einen Engel schickt, um einem guten Mann zu zeigen, dass die Welt ohne ihn ärmer und elender wäre. Als George Bailey, der nie durfte, was er wollte, sondern wurde, was er musste, verzweifelt der Schauspieler James Stewart dort fast an der Bedeutungslosigkeit seines Anstands. Wir aber wissen, dass in ihm der Funke brennt, der die Menschlichkeit einer Kleinstadt am Glühen hält. Und tatsächlich konzentrieren sich in diesem George sehr harmonisch die Charakteristika der meisten Stewart-Rollen: diese zur äussersten Rechtschaffenheit entschlossene Schlacksigkeit; dieses graziöse, manchmal hinterlistige Ungeschick; die Treuherzigkeit eines sanftmütigen Pfadfinders; das unakademische Provinzlertum, das auf die gescheitesten, menschenfreundlichsten Lösungen kommt; oder eben auch diese leichten Seelenverschattungen angesichts der eigenen Gewöhnlichkeit, in der er doch geradezu heroisch ist. Click here to find out more!

Für die Weltläufigkeit, nach der er sich sehnt, ist so ein George Bailey nicht gemacht. Vielleicht war es auch James Stewart nicht. Eigentlich hat man ihn sich in keiner Rolle je als Grossstädter vorgestellt, immer kam er sozusagen aus Indiana, wo man die Nachbarn noch kennt und grüsst – und wo er 1908 geboren wurde.

Das alles war schon da, als er 1939, ebenfalls für Capra, als Mr. Smith nach Washington ging, ein Pfadfinderschaf unter Wölfen, denen er dann die amerikanische Verfassung vorlas. Es hat in den Siebzigerjahren den dauernd unterschätzten Strafverteidiger Hawkins in der gleichnamigen Fernsehserie ausgezeichnet, eine der letzten Altersrollen (nicht dass er besonders alt war damals, aber seine Schwerhörigkeit war lang schon gravierend). Und dazwischen erreichte die kämpferische Friedfertigkeit auch einmal den Stand eines gelinden Wahnsinns: In Henry Kosters «Harvey» (1950) spielte Stewart einen freundlichen Süffel, dessen bester Freund ein unsichtbarer Riesenhase ist. Es war einer seiner liebenswertesten Filme und Lob und Inbegriff einer strahlenden Sanftmut.

Das Düstere gelang ihm nie so gut, selbst unter der Regie von Alfred Hitchcock nicht, der ihn in «Rear Window» (1954) ins Zentrum eines kalten Voyeuristen-Experiments stellte. Es war nicht seine künstlerische Natur. Aber an der Grenze zur Düsternis – in den klugen Western von Anthony Mann und John Ford zum Beispiel, in «Winchester '73» (1950) oder «The Man Who Shot Liberty Valance» (1962) – konnte die Menschenfreundlichkeit auf beeindruckende Art hartherzig und tödlich werden.

Auch da allerdings war ihm das vernünftige Wort lieber als die Waffe. Im wirklichen Leben und Altern soll er hingegen nicht die Seele von Mensch gewesen sein wie in vielen seiner Filme. Seine Kommunistenfresserei und die stolze Trauer, mit der er den Tod eines Sohnes in Vietnam hinnahm, wirken nachträglich doch etwas beunruhigend. Der urdemokratische Reservist (im militärischen Rang eines Brigadegenerals) scheint besonders schwer gehört zu haben, wenn es um die Stimmen eines neuen Amerika ging.

Er hat früh Gehör und Haare verloren. Das verband ihn mit dem kürzlich verstorbenen Richard Widmark. Zusammen spielten sie 1961 im Western «Two Rode Together» mit falschem Haar und derart an den Anweisungen vorbei, dass es aus dem grossen John Ford einmal herausbrach: «Fünfzig Jahre in diesem verdammten Geschäft, und wo ende ich? Als Regisseur von zwei tauben Toupets.»

Am 20. Mai würde James Maitland Stewart, ein sanfter Star, 100 Jahre alt. Das Zürcher Filmpodium zeigt aus diesem Anlass im Mai und Juni eine ganze Reihe seiner Filme.

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