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Geheimakte Tunguska

Ein explodierter Feuerball über der Taiga vor einem Jahrhundert gibt bis heute Rätsel auf.

Am 30. Juni 1908 um 7.16 Uhr Ortszeit sahen Rentierhirten und Pelzjäger im Gebiet der Steinernen Tunguska, eines Nebenflusses des Jenissei, am Himmel etwas, das wie eine Kreuzung aus Atompilz, Ufo und Stern von Bethlehem ausgesehen haben muss. Ein grosses, bläulich weiss leuchtendes Objekt flog von Nord nach Süd und explodierte in einem Blitz, «heller als die Sonne». Augenzeugen berichteten von einer gewaltigen Lichtsäule, Wirbelstürmen und Hitzewellen. Menschen, Rentiere und geschmolzener Permafrostboden wurden durch die Luft geschleudert; Reisende der Transsib nahmen Blitz und Donner noch in fünfhundert Kilometer Entfernung wahr.

Am nächsten Tag war die Taiga nicht wieder zu erkennen: Auf einer Fläche von 2150 Quadratkilometern waren Millionen von Kiefern – von oben nach unten – verbrannt, umgeknickt und zu fast kornkreisartigen Mustern arrangiert worden; seltsamerweise blieben die Bäume im Epizentrum fast unversehrt. Seismische Wellen und Schwankungen des Magnetfeldes wurden auf der ganzen Welt registriert. In Europa waren die Nächte eine Zeit lang so hell, dass man ohne Licht Zeitung lesen konnte.

Was vor hundert Jahren geschah, ist bis heute, trotz gut achtzig Hypothesen, nicht zweifelsfrei geklärt. Die plausibelsten Theorien gehen von einer oder mehreren Explosionen eines gewaltigen Kometen oder Steinmeteoriten aus. Aber warum haben die über vierzig Expeditionen, die seit 1927 in das unzugängliche Gebiet unternommen wurden, keine Spuren kosmischen Materials und keinen Krater gefunden (dafür aber Spuren von Cäsium 137)? 2007 will eine italienische Forschergruppe den Krater im Tschekosee lokalisiert haben; aber die Fachwelt reagierte eher skeptisch. Astro- und Geophysiker ziehen auch Vulkan- oder Erdgaseruptionen oder den Einschlag eines Uran-Asteroiden in Betracht.

Die Berichte über Flugbahn, Geschwindigkeit und Einschlagwinkel des Objekts sind so widersprüchlich, dass selbst seriöse Wissenschaftler die Möglichkeit «nicht ballistischer» Kurven oder ausserirdischer Intelligenz erwägen. Bis heute soll es in der «Zone null» nicht mit rechten Dingen zugehen. Kaum eine Katastrophe seit dem Untergang von Atlantis hat Wissenschaftler und Künstler, Parawissenschaftler und Verschwörungstheoretiker so fasziniert wie das «Tunguska-Ereignis».

Wie schon John Case in «Ghost Dancer» spielt auch Thomas Pynchon in seinem neuen Roman «Gegen den Tag» mit letzterer These; Pynchon scheint aber auch die Zündung einer vierdimensionalen «Quaternionenwaffe» durch sibirische Schamanen nicht ausschliessen zu können. Auf einschlägige Mythen der Ewenken und der kleinwüchsigen Dzopa von ausserirdischen Donnergöttern weist auch die Däniken-Fraktion gern hin. In einer Kurzgeschichte von Stuart Savoy war es eine von Pierre Curie gebastelte Atombombe; andere glauben an eine durch ein Zeitloch gefallene russische H-Bombe.

Kein Zufall jedenfalls, dass das Ereignis in der «Akte X» auftaucht und «Geheimakte Tunguska» ein beliebtes Computerspiel wurde. Indiana Jones sucht Aliens im zaristischen Russland. Tunguska ist schon verfilmt, zu Sciencefiction-Romanen verarbeitet und von Alan Parsons sogar vertont worden. In Wladimir Sorokins «Ljod»-Trilogie ist der Tunguska-Meteor Ursprungsmythos und Heiligtum einer dubiosen Sekte von Eisheiligen, die gefrorene Menschenherzen mit Hammer und Eispickel aufklopft. In Stanislaw Lems «Die Astronauten» (1951) findet eine Tunguska-Expedition im Jahre 2003 Trümmer eines abgestürzten Raumschiffs, mit dem Venusier 1908 in böser, imperialistischer Absicht unterwegs waren.

Der Zufall (oder vielmehr der russische Tunguskologe Juri Lawbin) will es, dass 2004 eben dort ein 50 Kilo schweres mysteriöses Metallteil gefunden wurde – für einige der sichere Beweis dafür, dass sich 1908 Ausserirdische einem Meteoriten weltrettend in den Weg warfen.

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