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Der Demagoge

Das Schimpfwort hat Konjunktur. «Der Demagoge hatte die Volksvertreter belogen», schreibt Roger de Weck in einem Nachruf zu Lebzeiten auf Christoph Blocher.

«Er ist ein Demagoge», behauptet Gesine Schwan, Bundespräsidenten-Kandidatin der SPD, vom Vorsitzenden der Linkspartei, Oskar Lafontaine. Und Norman Podhoretz, Vordenker der Neokonservativen in den USA, weiss: «Barack Obama ist der erste Demagoge in der amerikanischen Politik seit den Dreissigerjahren.» Ob links oder rechts, dies- oder jenseits des Atlantiks, «Demagoge» ist ein beliebter Vorwurf. Auch ein massiver. Der Demagoge wiegelt gemäss Wörterbuch die Massen auf, attackiert verleumderisch seine Gegner und missbraucht seine Macht dazu, das Volk zu Üblem zu verleiten.

Das war nicht immer so. Im antiken Athen, wo er zum ersten Mal auftritt, meinte der Begriff keinen Verführer, sondern einen Führer des Volkes (griechisch demos = Volk, agein = führen), oder schlichter: einen Politiker. Wo sich einige tausend Männer Woche für Woche zusammentrafen, um Beschlüsse für ihre «polis», den Stadtstaat, zu fassen, brauchte es Experten, welche die Dossiers studiert hatten und sie den Bürgern erklären konnten. Zwar hielt man in der athenischen Demokratie die «isegoria», das Rederecht für alle, hoch, aber dem Bauern vom attischen Dorf dürfte das Reden in der «ekklesia» (Volksversammlung) halt schwerer gefallen sein als dem Städter, für den die Politik ein Fulltime-Hobby war.

Leisten konnten sich diesen Zeitvertreib allerdings nur Reiche. Oft aus aristokratischen Familien stammend, hatten sie eine höhere Bildung genossen, etwa in Rhetorik. Und das Arbeiten überliessen sie anderen, den Banausen (griechisch banausoi = Handwerker) und vorab den Sklaven - ohne Sklaverei hätte es keine direkte Demokratie gegeben. Es brauchte Musse, um Ämter auszuüben, Dossiers zu beackern, Meinungen zu kanalisieren, Anträge zu formulieren, auf Entscheidungen hinzuwirken.

Parteien gab es noch keine, und jeder Anschein von Klüngelei war den Athenern verdächtig, sofort witterten sie «xynomosia», Verschwörung gegen die Demokratie, und drohenden Bürgerkrieg und reichten Klage gegen einzelne Politiker ein. Amtsträger, vom grossen Perikles bis zu seinem umstrittenen Nachfolger Kleon, mussten öffentlich beteuern, dass sie jede Geselligkeit mieden - Christian Mann nennt das in seiner neuen Studie «Die Demagogen und das Volk» den «inszenierten Freundschaftsverzicht».

Das politische und das soziale System sollten möglichst säuberlich getrennt sein. Vornehme und Reiche durften in der Demokratie nicht mehr zu sagen haben als der einfache Bauer, und die meisten Ämter wurden daher ausgelost. Trotzdem waren Interferenzen zwischen den beiden Systemen nicht zu verhindern, dafür war die griechische Kultur viel zu gesellig. Beim Symposium, dem Herrenabend, wurde bestimmt auch politisch lobbyiert und gedealt. Aber so richtig in Verruf gekommen sind die Demagogen erst, als es mit der Demokratie bergab ging.

Der Geschichtsschreiber Thukydides sah in den letzten Jahrzehnten des 5. Jahrhunderts vor Chr. eine neureiche, profitgeile Politikerschicht im Aufstieg. Aristophanes, der berühmte Komödienautor, verhöhnte die namentlich genannten Demagogen als korrupt und unfähig - die Beschimpften sassen im Theaterpublikum.

Nach Athens Niederlage im Peloponnesischen Krieg gegen Sparta (304 vor Chr.) schlugen auch die Philosophen zu. In Platons «Gorgias» wirft Sokrates den Demagogen vor, sie sagten dem Volk aus Eigennutz nicht Wahrheiten, sondern Nettigkeiten. Ähnlich schroff tönte es bei Aristoteles in der «Politik»: «Der Demagoge ist der Schmeichler des Volkes.» Nicht das Volk herrsche in der Demokratie, es sei gerade umgekehrt: Das Volk gehorche den Demagogen. Die Beispiele liessen sich mehren. Die allermeisten Intellektuellen der Antike waren Antidemokraten. «Die Griechen haben keine Theorie der Demokratie entwickelt», klagt der englische Historiker Moses I. Finlay. So überlebte der Demagoge bloss als Schimpfwort.

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