«Sexuelle Belästigung findet in der Nacht und auf der Strasse statt»

Die «Hände weg»-App soll Übergriffe verhindern und Opfern helfen. Sie ist auch in der Schweiz ein Thema, sagt die Projektleiterin.

Eine App hilft Frauen gegen öffentliche sexuelle Belästigung. (Bild: zvg von Handsaway)

Eine App hilft Frauen gegen öffentliche sexuelle Belästigung. (Bild: zvg von Handsaway)

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Zwei Jahre ist es her, seit ein Mann in der Pariser Metro vor Alma Guiaro seinen Penis entblösste. Helfen wollte ihr niemand. Geschockt erzählte die damals 28-Jährige das Erlebnis ihren Freundinnen und realisierte, dass viele Ähnliches zu berichten wussten. Als Abhilfe für solche sexuellen Übergriffe lancierte Guiaro im Oktober 2016 für Frankreich die Applikation Handsaway (Deutsch: Hände weg). Die bisherigen Erfahrungen mit der App teilte Projektleiterin Lucile Dupuy.

Wie funktioniert Handsaway?
Die App ist eine Art Solidaritätsplattform für die Bevölkerung. Sie ermöglicht es, Opfern und Zeugen von öffentlicher Belästigung einen geolokalisierten Alarm auszulösen. Die Warnung wird anschliessend an sogenannte Street Angels (Deutsch: Engel der Strasse) gesendet, die auf die sexuellen Übergriffe reagieren können.

Wie sieht dies konkret aus?
Die meisten Street Angels offerieren kurz nach dem Alarm Hilfe und Beratung. Sie fragen beispielsweise, wie es der Person geht, ob sie telefonieren wolle oder ob man sie zu der Polizei oder beim nächsten Gang durch die gefährliche Strasse begleiten soll. Vielen Opfern hilft es, mit jemandem ausserhalb des Freundeskreises zu sprechen.

Wie viele Meldungen sind in den vergangenen zwei Jahren eingegangen?
Insgesamt waren es 1250 Meldungen, also gut 45 bis 50 monatlich. Die Nutzerzahl ist auf 30’000 gestiegen, davon sind 30 Prozent männlich.

So funktioniert die Handsaway-App.

Gleichzeitig erweitern die Meldungen auch einen Datensatz. Weshalb?
Weder in Frankreich noch in der Schweiz gibt es Daten bezüglich sexueller Belästigung in der Öffentlichkeit. Dem versuchen wir entgegenzuwirken: Wer als Opfer oder Zeuge einen Alarm auslösen will, beantwortet zuvor Fragen zur Art, Ort und dem Zeitpunkt der sexuellen Belästigung oder des Übergriffs. Informationen zu den Aggressoren sammeln wir dagegen nicht.

Was zeigen die Daten?
Bisher ist es überwiegend zu verbalen (rund 70 Prozent) und weniger zu körperlichen Übergriffen gekommen. Diese haben meist am Abend und in der Nacht stattgefunden. Zudem zeigen die Meldungen, dass die Übergriffe häufiger auf der Strasse als im öffentlichen Verkehr vorgekommen sind. Doch ist diese Angabe mit Vorsicht zu geniessen, da sie auch darauf zurückgeführt werden kann, dass es in den Métro-Tunneln schlechte Internetverbindung gibt. Auch hausieren wir mit dem Datensatz noch nicht bei den Behörden, da er derzeit noch zu klein ist.

Geht eine Meldung ein, wird diese für einige Stunden auf einer Karte angezeigt. Weshalb?
30 Minuten nachdem eine Meldung gemacht wurde, erscheint sie für 48 Stunden auf der Map. Die Verzögerung ermöglicht es den Opfern, das Gebiet zu verlassen und warnt trotzdem anschliessend Nutzer vor der möglichen Gefahr. Doch löschen wir die Meldungen auf der Karte schlussendlich wieder, da wir nicht Angst vor gewissen Gebieten und Quartieren schüren wollen. Jedoch können wir uns vorstellen, zu einem späteren Zeitpunkt mögliche Gefahrenzonen an die Behörden zu melden und konkrete Schritte von ihnen zu fordern.

«In Frankreich und der Schweiz fehlen Statistiken.»

Seit dem Start der #MeToo-Bewegung ist etwas mehr als ein Jahr vergangen. Ihre App ist zuvor entstanden. Hat die Bewegung trotzdem einen Einfluss auf Ihre Arbeit?
Vor #MeToo gab es viele Stimmen, die unsere Arbeit sowie die öffentliche Belästigung zu minimieren versuchten. Seither ist dies nicht mehr möglich. Als Folge davon ist auch das Interesse an der App gestiegen. So stossen wir vermehrt bei privaten Firmen, in Politik und in den Medien auf offene Ohren. Auch beobachten wir, dass Frauen öfter den öffentlichen Austausch über ihre Erlebnisse wagen und wieder Hoffnung fassen, dass sich bezüglich der Belästigungen in der Öffentlichkeit etwas ändern kann.

Kritiker – darunter auch Frauen – sehen es problematisch, dass in der #MeToo-Diskussion banale Geschichten neben Vergewaltigungen stehen.
Ich glaube, wir können problemlos gegen mehrere Themen vorgehen. Auch der Kampf gegen sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen ist nicht inkompatibel. Unsere App bietet hierzu einen gemeinsamen Startpunkt, auch wenn die anschliessend benötigte Hilfe je nach Fall unterschiedlich aussehen kann. Zudem glaube ich nicht, dass es reale und nicht reale Übergriffe gibt. Es ist von den Gefühlen der Opfer abhängig, welche Auswirkungen eine sexuelle Belästigung hinterlässt und welche psychologische Unterstützung dafür benötigt wird.

Wo stehen wir in Europa denn bezüglich Massnahmen gegen sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit?
Es gibt einen Wandel, doch geht dieser langsam vor sich. Ein Jahr ist zu kurz, um eine grosse Entwicklung zu sehen. Dies wird sicherlich fünf bis zehn Jahre in Anspruch nehmen. Höchsten Handlungsbedarf sehe ich derzeit beispielsweise in der Bildung. Die Schulen und Universitäten müssen vermehrt den Umgang mit dem anderen Geschlecht trainieren. Zudem braucht es Schulungen der Polizisten bezüglich der Verfolgung von Meldungen, die die öffentliche Belästigung betreffen.

Sie haben sich am Wochenende in Bern mit Aktivisten und Behörden aus Lausanne und Zürich zum Thema Frauenrechte ausgetauscht. Decken sich die Probleme?
Klar, sexuelle Belästigung gibt es sowohl in Frankreich wie in der Schweiz. Auch fehlen in beiden Ländern entsprechende Statistiken. Die Kampagnen in Lausanne und Zürich unterscheiden sich insofern von Handsaway, da sie von Behörden lanciert wurden, während wir eine Bürgerbewegung sind. Zudem sind die Aktionen in der Schweiz bisher auf die einzelnen Städte beschränkt.

Wird es die App auch bald in der Schweiz geben?
Es laufen hierzu Gespräche, doch ist es noch zu früh, diesbezüglich Aussagen zu machen. Wir wollen keinesfalls den Behörden oder der Polizei den Platz streitig machen. Technisch ist eine Ausweitung hingegen problemlos möglich. So hat beispielsweise vor kurzem Belgien unsere App implementiert – unter neuem Namen: «Touche Pas Ma Pote» (Deutsch: Fass meine Freundin nicht an). (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.11.2018, 19:12 Uhr

Lucile Dupuy

Lucile Dupuy (23) ist seit Juni 2018 Projektleiterin bei HandsAway. Zuvor absolvierte die Französin einen Master Abschluss an der EDHEC Business School in Lille. Sie hat die Applikation bereits vor zwei Jahren auf ihrem Mobiltelefon installiert, musste in dieser Zeit aber glücklicherweise keinen sexuellen Übergriff melden. (Bild: Sarah Fluck )

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