Übeltäter heuerten nach Sex-Skandal wieder bei Hilfswerken an

Oxfam entliess sieben Mitarbeiter wegen Prostituierten-Partys auf Haiti, verschwieg aber die Gründe. Die neuen Arbeitgeber beschweren sich nun.

Die britische Hilfsorganisation Oxfam steht wegen Verfehlungen von Mitarbeitern und dem Verhalten der Führung in der Kritik.

Die britische Hilfsorganisation Oxfam steht wegen Verfehlungen von Mitarbeitern und dem Verhalten der Führung in der Kritik. Bild: Keystone

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Es geht um Sex mit Prostituierten, möglicherweise mit minderjährigen, und es geht vor allem um den Ruf einer der grössten britischen Hilfsorganisation: Sieben Mitarbeiter von Oxfam, die nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 mit bis zu einer halben Million Todesopfern als Aufbauhelfer auf die Insel gekommen waren, sollen ausschweifende Sexpartys gefeiert haben, was gegen den Verhaltenskodex der Organisation verstösst.

Übers Wochenende kamen weitere pikante Details ans Licht. Die Verfehlungen der sieben längst nicht mehr für Oxfam tätigen Mitarbeiter sind das eine Thema, das andere ist das Verhalten der Führungsspitze der Hilfsorganisation in der Causa. Warum informierte die Stiftung weder die Öffentlichkeit noch die Behörden, geschweige denn andere Hilfsorganisationen, dass sexuelle Fehltritte hinter dem Abschied der Mitarbeiter steckten?

Mit (falschen) Empfehlungsschreiben ausgestattet

Die Stiftungsaufsicht und das Entwicklungshilfeministerium in London wollen das Vorgehen von Oxfam nun überprüfen. Eine Sprecherin von Premierministerin Theresa May verlangte eine «umfassende und schnelle Untersuchung». Bei den sieben Männern handelt es sich um Mitglieder des damaligen Führungsteams in Haiti, die den Wiederaufbau koordinieren sollten. Keiner von ihnen war Haitianer.

Die Oxfam-Zentrale in Oxford erhielt im Sommer 2011 Hinweise auf das Fehlverhalten. Nach einer internen Untersuchung trennte sich die Organisation schnell von den sieben Männern. Oxfams Pressemitteilung von September 2011 nennt Machtmissbrauch und Regelverstösse als Gründe, nicht jedoch, dass es um Prostitution und Sexpartys ging. Das wurde erst jetzt bekannt, nachdem der britischen Tageszeitung «Times» der nie veröffentlichte Untersuchungsbericht zugespielt worden war und Mitarbeiter mit der Zeitung gesprochen hatten.

Die Verschwiegenheit der Hilfsorganisation nutzte den Übeltätern: Sie heuerten einfach bei anderen Hilfsagenturen an. So war Oxfams diskreditierter Landeschef später, von 2012 bis 2014, Missionsleiter der französischen Gruppe «Action contre La Faim» – Aktion gegen den Hunger – in Bangladesh. Die «Times» berichtete am Wochenende, dass vier weitere Organisationen Beteiligte des Skandals eingestellt hätten. Die Hilfsgruppen klagen, sie seien von Oxfam nicht gewarnt worden, einige Männer hätten sogar Empfehlungsschreiben der Stiftung präsentiert. Ein Oxfam-Sprecher sagte dazu, solche Briefe hätten Manager keinesfalls für die sieben Männer verfasst. Er legte nahe, dass Empfehlungen gefälscht sein könnten.

Partys im Oxfam-«Puff»

In der Times schildern anonyme Oxfam-Beschäftigte, wie die Sexpartys in Haiti abliefen. Junge Prostituierte sollen halb nackt herumgelaufen sein, ihr einziges Kleidungsstück: Oxfam-T-Shirts. Die Männer sollen ihr von Oxfam gemietetes Haus als «Puff» bezeichnet haben, und ihre Sexorgien nannten sie «Frischfleich-Grillpartys». Einige der zitierten Mitarbeiter äusserten die Sorge, dass unter den Prostituierten 14- bis 16-Jährige gewesen sein könnten.

Die Stiftung betonte in einer Stellungnahme, dass die Anwesenheit von Minderjährigen nicht belegt sei. In Haiti ist Prostitution verboten, jedoch weit verbreitet. Die Stiftung zeigte ihre ehemaligen Mitarbeiter allerdings nicht bei der Polizei an. Zur Begründung sagte ein Sprecher, dass die Polizei solche Vorwürfe wegen des Chaos' vor Ort ohnehin nicht verfolgt hätte.

Ex-Chefin rechtfertigt sich

Barbara Stocking, Oxfam-Chefin bis 2013, verteidigt ihre Entscheidung, die Gründe für die Entlassungen nicht veröffentlicht zu haben. Andernfalls hätte sie unschuldige haitianische Mitarbeiter von Oxfam zu Angriffszielen gemacht, und das mitten während des Wiederaufbaus nach dem Erdbeben, sagte Stocking in einem Fernsehinterview. Ihr Nachfolger an der Spitze, Mark Goldring, sieht das anders: «Im Nachhinein betrachtet wäre es mir viel lieber gewesen, wenn wir über sexuelle Verfehlungen gesprochen hätten», sagte er.

Ein Sprecher des Entwicklungshilfe-Ministeriums sagte, Oxfam sei gegenüber dem Ministerium und der Stiftungsaufsicht nicht offen genug gewesen. Dem Führungsteam habe es an Urteilskraft gemangelt. Ministerin Penny Mordaunt verlangt ein Treffen, möglichst rasch. Die Stiftungsaufsicht Charity Commission prüft nun, ob Oxfam genug dafür tut, Fehlverhalten zu verhindern und aufzudecken.

Die Organisation muss der Behörde alle Informationen zu dem Skandal schicken. Haitis Botschafter in London nannte die Enthüllungen «schockierend, beschämend und inakzeptabel». Wolle Oxfam verlorenes Vertrauen wiedergewinnen, müsse die Stiftung «tief in sich gehen». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2018, 17:18 Uhr

Ähnliche Vorfälle auch im Tschad?

Medien berichteten am Sonntag, dass Ähnliches wie auf Haiti auch im zentralafrikanischen Tschad passiert sei. Das britische Wochenblatt «The Oberserver» schrieb, im Jahr 2006 seien wiederholt mutmassliche Prostituierte in das Haus des Oxfam-Teams eingeladen worden. Ein leitender Mitarbeiter sei damals wegen seines Verhaltens entlassen worden.
Laut «Observer» leitete damals ein Mitarbeiter die Oxfam-Arbeit im Tschad, der später nach Haiti wechselte. Er verliess die Organisation im Jahr 2011 nach Berichten über Besuche von Prostituierten in seinem Haus.
Oxfam wollte die Vorwürfe zum Tschad am Sonntag weder bestätigen noch dementieren. Man prüfe den Bericht, sagte ein Sprecher. (SDA)

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