Geschichte

Mein Grossvater, der tollkühne Pionier der Schweizer Fliegerei

GeschichteAb Donnerstag feiert die Schweizer Luftwaffe mit der Flugschau Air14 das 100-jährige Bestehen. Furchtlose Pioniere wie Adolf Schaedler haben diese Waffengattung gross gemacht. Sein Enkel Samuel Buri erzählt von einem technikbegeisterten Mann, für den die Fliegerei alles bedeutete.

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Zum 90. Geburtstag am 29. August 1983 erfüllt Samuel Buri seinem Grossvater einen Herzenswunsch: einen Besuch im Spital, gekleidet in Offiziersuniform. Buri, damals 22-jährig und gerade zum Leutnant befördert, macht das besondere Geschenk gerne. «Du kommst ja nicht einmal mit Stiefel und Säbel», begrüsst Adolf Schaedler seinen Enkel. Kurz vor seinem Tod am 13. September 1983 löst die Uniform in Schaedler noch einmal Erinnerungen aus an eine Zeit, in der sich junge Draufgänger wie er voll entfalten konnten.

Erste Flugzeuge am Himmel

Es ist die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Damals tragen Offiziere schicke Uniformen mit Säbeln und Stiefeln. Am europäischen Himmel tauchen sonderbare Maschinen auf, mit denen Menschen fliegen können. Im Oktober 1910 sieht Adolf Schaedler als 17-Jähriger an einem Flugtag in Bern erstmals, wie tollkühne Männer Flugzeuge in die Luft bringen. Der Urner beschliesst, selber eine solche Maschine zu bauen – und zu fliegen.

«Bei meinem Grossvater zu Hause war die Fliegerei allgegenwärtig. Die Bibliothek war voller Fliegerbücher. Bei Gesprächen kam er immer irgendwann aufs Fliegen zu sprechen», erinnert sich sein Enkel Samuel Buri, heute Gemeindeschreiber von Langnau im Emmental. Buri bewahrt den Nachlass des Grossvaters und gewährte dieser Zeitung exklusiven Einblick. Es sind Zeugnisse der Pionierzeit der Schweizer Fliegerei vor hundert Jahren: Fotos, Baupläne, Pilotenbrillen und Fliegerhauben, Zeitungsausschnitte, Brevets und Notizen.

Sein Grossvater sei schon immer technikbegeistert und fasziniert von der Elektrizität gewesen, weiss Buri: «Als Junge bewahrte er in seinem Zimmer Drähte und Dynamos auf.» Eine Anekdote zeugt von der Fingerfertigkeit Schaedlers. Eine Überschwemmung im Keller von Buris Elternhaus beschädigte die Modelleisenbahn. «Mein Grossvater hat jede einzelne meiner Lokomotiven auseinandergeschraubt, die Einzelteile gereinigt und wieder zusammengebaut. Die Lokomotiven funktionieren heute noch», sagt Buri.

Pioniere in der Bügelstube

Es ist dieses Geschick und wohl auch jugendlicher Übermut, mit denen Schaedler ab dem Jahr 1912 den Bau seines ersten Flugzeugs vorantreibt. Drei Freunde helfen ihm dabei. Der Vater des einen Freundes zeigt sich als grosszügiger Investor. Die Mutter des anderen Freundes stellt ihre Bügelstube als Werkstatt zur Verfügung. Die Grösse des Raumes hat Einfluss auf das Vorhaben der vier Freunde. Schaedler muss seinen ursprünglichen Bauplan ändern und die Länge des Flugzeugrumpfs verkleinern.

Im November 1913 ist es so weit: Schaedler und einer seiner Freunde stellen ihre erste Maschine, die sie Dädalus nennen, auf die Berner Allmend. Das Flugzeug mit seinem luftgekühlten, 28 PS starken Dreizylinder-Hilzmotor will aber nicht abheben. Es bleibt bei Luftsprüngen. Davon lassen sich die Flugpioniere nicht entmutigen. Sie bauen ein verbessertes Modell. Es ist leichter und verfügt über einen kleineren Rumpf, was den Luftwiderstand verringert.

Am Vormittag des 19. April 1914, einem Sonntag, setzt sich Schaedler an den Steuerknüppel der Dädalus II – dieses Mal auf dem Beundenfeld in Bern. Der damals 21-Jährige schafft es, das Flugzeug in die Luft zu bringen.

Absturz über Bern

Doch der Erfolg hat einen schmerzhaften Preis. Das «Berner Tagblatt» berichtet: «Dabei fiel der Apparat aus einer Höhe von fünf Metern zu Boden und wurde zertrümmert. Der Flieger kam mit einigen leichteren Verletzungen davon.» Tatsächlich wird Schaedler bewusstlos ins Salemspital gebracht, wo er wieder zu sich kommt. Die Diagnose lautet auf Gehirnerschütterung. Schaedler selbst spricht von einem «wütenden Sausen und Bohren in meinem Kopfe».

Ein Jahr nach seinem Absturz liest Schaedler von einem Studienkollegen, der das Militärfliegerbrevet abgelegt hat. Zu diesem Zeitpunkt tobt der Erste Weltkrieg seit acht Monaten. Die Schweizer Militärs erkennen kurz nach Kriegsausbruch im August 1914, dass Flugzeuge in der Kriegsführung zunehmend an Bedeutung gewinnen werden. Hauptmann Theodor Real erhält vom Bundesrat den Auftrag, eine Fliegertruppe aufzustellen. Real bietet acht Wehrmänner, die im Besitz von zivilen Fliegerbrevets sind, auf das Beundenfeld auf. Einer davon ist der spätere nationale Fliegerheld und einzige Deutschschweizer in der Truppe der ersten Stunde, Leutnant Oskar Bider. Manche Piloten bringen ihre eigenen Flugzeuge und Mechaniker mit nach Bern.

Dank Beziehungen erhält Schaedler, der bei Kriegsausbruch noch bei der Artillerie eingerückt ist, ein Aufgebot zur neu gegründeten Militärfliegerschule in Dübendorf. Er habe sich am 27. Mai 1915 um 15 Uhr bei Hauptmann Real zu melden. Chefpilot Bider höchstpersönlich übernimmt die Ausbildung des angehenden Kampffliegers. Am 15. März 1916 nimmt Schaedler das Militärfliegerbrevet in Empfang. Das Zivilfliegerbrevet legte Schaedler bereits am 17. August 1915 ab – als 58. Schweizer Flugzeugpilot überhaupt. Während des Kriegs tritt die junge Schweizer Luftwaffe selten in Aktion. Im Aktivdienst konzentrieren sich Schaedler und seine Kameraden deshalb auf Entwicklung und Schulung.

Spitzenlohn für Testpilot

Der Dienst bei der neuen Waffengattung führt Schaedler zu den Eidgenössischen Konstruktionswerkstätten K+W in Thun, die heute in Teilen in der Ruag weiterexistieren. K+W beschäftigen Schaedler ab April 1916 im Zivilleben als Flugzeugbauer und Einflieger, wie Testpiloten damals genannt werden. Der Lohn ist für einen 23-Jährigen zu einer Zeit, in der Familien in der Schweiz hungern müssen, mehr als fürstlich. Das «Einfliegen des ersten neuen Apparates» bezahlt die K+W mit 1000 Franken, die «Abnahme eines jeden neuen Flugzeugs» mit 250 Franken. 1000 Franken von 1916 entsprechen heute etwa 30'500 Franken.

Während des Ersten Weltkriegs festigt Schaedler seinen Ruf als Schweizer Flugpionier. Er überfliegt mit Passagieren als Erster den Niesen und den Jungfraugipfel. Zudem unternimmt Schaedler Höhenflüge auf bis zu 7300 Meter. Doch eines ist ihm verwehrt geblieben: der Offiziersrang. Als Testflieger verdiente Schaedler zwar gut, musste jedoch seine Militärkarriere vernachlässigen. So schafft er es lediglich bis zum Adjutant-Unteroffizier. «Ich weiss von meiner Mutter, dass ihn das manchmal gewurmt hat», sagt sein Enkel Samuel Buri. «Seine Vorgesetzten haben ihn aber stets als gleichwertigen Kameraden behandelt und ihn etwa als Aviatikpionier an Gedenkanlässe eingeladen.»

Wie gross muss Schaedlers Freude gewesen sein, als ihn sein Enkel, der frischgebackene Offizier, zum 90. Geburtstag in Uniform besucht.

Die Lebensmittelpunkte des Fliegerpioniers Adolf Schaedler
Bitte klicken Sie auf die Markierungen, um zusätzliche Informationen zu erhalten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.08.2014, 14:55 Uhr

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