Pässe mit und ohne

Zurzeit gibt es im Vereinigten Königreich britische Pässe mit der Aufschrift «Europäische Union» und solche ohne.

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Alles redet von Aufschub. Nur nicht der britische Innenminister. Sajid Javid kanns nicht erwarten, bis das Vereinigte Königreich raus ist aus der EU. Immerhin sei es «nun fast drei Jahre her, dass unser Land für Austritt gestimmt hat», erklärt Javid seine Ungeduld. Sein Ministerium jedenfalls vertrödle keine Zeit und schiebe nichts auf in eine ungewisse Zukunft: «Es setzt diese Entscheidung zügig um.» Die Situation in Grossbritannien ist kurios. Seit Anfang April gibt das Innenministerium nämlich ausser den bislang üblichen Pässen bereits Pässe ohne die beiden Wörter «Europäische Union» vorn auf dem Umschlag aus.

Grund dafür ist, dass man den Brexit ursprünglich für den 29. März erwartete. Die Passbehörden waren angewiesen, für die Zeit danach ein EU-freies Design, zunächst noch auf burgunderrotem Grund, einzuführen. Im Herbst sollen dann die alten, dunkelblauen Pässe wieder eingeführt werden, die Britannien zu Zeiten des Spätkolonialismus noch hatte. Dafür will Javids Ressort getreulich sorgen.

Beide Versionen gültig

Verblüfft – und oft missmutig – halten Passempfänger nun ihre nagelneuen Reisedokumente in Händen. Pro-Europäer können nicht glauben, dass ihr frisch ausgestellter Pass keinen Hinweis auf die Europäische Union mehr enthält, «obwohl wir ja noch gar nicht aus der EU ausgeschieden sind». Brexiteers wiederum empören sich darüber, dass sich auf ihrem Pass noch immer die beiden verhassten Wörter finden. Ihnen kann es nicht schnell genug gehen, bis «Europa ganz und gar getilgt ist» von ihrem Reisepapier.

Ein Paar, das im März am gleichen Tag neue Pässe beantragt hatte, erhielt zu seiner Überraschung zwei verschiedene Versionen – einen Pass mit und einen ohne EU auf dem Cover. Minister Javid erklärt das damit, dass Restbestände an alten Vorlagen noch genutzt würden, während schon neue Pässe ausgegeben werden. Niemand habe in dieser Sache eine Wahl, hat das Innenministerium entschieden. Beide Versionen seien gleichermassen gültig. Das wisse auch die EU.

Ein Passempfänger namens Steve Rowe, der just seinen am 1. April ausgestellten Pass in Empfang nahm und sich darüber freute, «dass weiter Europäische Union draufsteht», fügte hinzu: «Ich vermute, dass wir uns noch über den Brexit streiten werden, wenn dieser Pass im Jahr 2029 abgelaufen ist.»

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