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Vor den WahlenOstermundigens Auswahl

Anders als vor vier Jahren erhält der amtierende Gemeindepräsident Thomas Iten bei den Wahlen Ende September Konkurrenz.

Die Gemeinde Ostermundigen: Wer wird sie in den nächsten vier Jahren führen?
Die Gemeinde Ostermundigen: Wer wird sie in den nächsten vier Jahren führen?
Foto: Raphael Moser

Es dauert nicht mehr lange bis zu den Wahlen in Ostermundigen. In zwei Monaten entscheiden die Bürgerinnen und Bürger sowohl darüber, wer für die nächsten vier Jahre ihr Gemeindepräsident oder ihre Gemeindepräsidentin sein soll, wie auch über die Positionen des siebenköpfigen Gemeinderates und diejenigen des Parlaments. Anders als in anderen Wahljahren war es aber lange Zeit still in der Agglogemeinde, ein Wahlkampf wegen Corona überhaupt kein Thema.

Wahlkampf? Das wird bei der Verteilung der Sitze für den Gemeinderat und das Parlament wohl auch weiterhin ein Fremdwort bleiben. Alle bisherigen Gemeinderäte lassen sich zur Wiederwahl aufstellen. «Deshalb ist die Ausgangslage für uns nicht optimal», erklärt zum Beispiel Renate Bolliger, Präsidentin der EVP Ostermundigen. Die Partei strebt zwar mithilfe einer Listenverbindung von GLP, FDP und den Piraten einen dritten Mitte-Gemeinderatssitz an, legt ihr Augenmerk aber auf das Parlament. «Dort hoffen wir auf ein gutes Resultat.»

Ausgangslage

Etwas anders präsentiert sich die Lage, wenn es um das Amt des Gemeindepräsidiums geht. Der parteilose Thomas Iten hat diesen Posten seit acht Jahren inne und stellt sich den Ostermundigerinnen und Ostermundigern für eine weitere Amtszeit zur Verfügung. Er sei motiviert, sich auch in den nächsten vier Jahren für seine Bürger einzusetzen, erklärte Iten, als er seine Kandidatur Ende Februar bekannt gab.

Zuerst sah es nicht danach aus, als würde Thomas Iten Konkurrenz bekommen. In den Reihen der Parteien hiess es, ein amtierender Gemeindepräsident werde in der Regel nicht angegriffen. Dann aber nominierte die SP, aus der Iten 2012 ausgetreten ist, die 47-jährige Bettina Fredrich als Kandidatin für das Gemeindepräsidium.

Bettina Fredrich fordert Thomas Iten bei der Wahl für das Gemeindepräsidium heraus.
Bettina Fredrich fordert Thomas Iten bei der Wahl für das Gemeindepräsidium heraus.
Foto: Franziska Rothenbühler

Gestaltungswille und Demokratie

«Die SP war in der letzten Legislatur bei weitem die aktivste Partei in der Gemeinde», begründet Kathrin Balmer, Sektionspräsidentin der SP, die Kandidatur. Sie spricht vor allem von der Fusion, die die SP aufs Tapet gebracht habe und vom «grossen Gestaltungswillen», den es in ihren Reihen gebe. «In der jetzigen Konstellation – mit einem parteilosen Präsidenten und zwei Mitgliedern im Gemeinderat – können wir unsere Anliegen aber nicht immer wunschgemäss umsetzen», fügt Balmer an.

Ausserdem habe die SP den Ostermundigerinnen und Ostermundigern – aus demokratischer Sicht – eine Auswahl bieten wollen und deshalb eine eigene Kandidatin ins Rennen geschickt, so die Sektionspräsidentin. Das wird auch bei der SVP begrüsst. «Es ist gut, dass es zu einer richtigen Wahl kommt», sagte Präsident Hans Wipfli im Juni gegenüber dieser Zeitung.

Erwartungen und Chancen

SP-Sektionspräsidentin Balmer ist sich bewusst, dass es Bettina Fredrich nicht leicht haben wird, Thomas Iten in seinem Amt herauszufordern. «Das ist gegen einen Bisherigen immer schwierig.» Zumal er von den anderen Parteien in der Gemeinde getragen wird. «Wir stehen zu 100 Prozent hinter unserem Gemeindepräsidenten», sagt etwa Renate Bolliger von der EVP. Thomas Iten mache einen guten Job, heisst es aufseiten der BDP.

Trotzdem: Die SP halte Fredrich keineswegs für chancenlos, «sonst hätten wir sie nicht nominiert», so Kathrin Balmer. Es könne beispielsweise gut sein, dass die Corona-Krise Auswirkungen auf die Wahlen haben werde. Abschätzen aber könne man das nicht.

Kritiken und Antworten

Gleichzeitig äussert die Partei leise Kritik am aktuellen Amtsinhaber Iten. «Wir wünschen uns, dass er sich bei gewissen Themen – wie etwa der Fusion – klarer positioniert und mehr Herzblut zeigt», sagt Balmer. Für den Geschmack der SP wartet der Gemeindepräsident häufiger ab, als dass er handelt. «Wenn es um konkrete Umsetzungen geht, ist Thomas Iten häufig zu zögerlich.»

Thomas Iten schüttelt den Kopf: «Wir schlagen gerade beim Thema Fusion ein sehr hohes Tempo an.» Wegen Corona wurde beispielsweise die Konsultationsfrist für den Online-Fragebogen vom Mai auf Mitte Juli verschoben. So blieben der Gemeinde statt über zwei Monate gerade mal zehn Tage Zeit, diese zu sichten und auszuwerten, damit man sie im August präsentieren kann. «Wer so etwas sagt, sieht nicht hinter die Abläufe und Prozesse», so der Gemeindepräsident. Je grösser eine Gemeinde, desto mehr Zeit würden diese in Anspruch nehmen. «Schneller, als wir jetzt schon vorwärtsmachen, geht es gar nicht.» Gleichzeitig müsse sein Umfeld ihn immer wieder darauf hinweisen, das Tempo in Projekten zu drosseln, da es ihm nicht schnell genug vorwärtsgehen könne.

Thomas Iten will weitere vier Jahre Gemeindepräsident von Ostermundigen bleiben.
Thomas Iten will weitere vier Jahre Gemeindepräsident von Ostermundigen bleiben.
Foto: Valérie Chételat

Zeitpunkt und Corona

Welche Positionen und Überzeugungen die Kandidatin der SP an den Tag legen würde und wie sie diese umsetzen will, das ging bisher in der turbulenten Zeit unter. Denn gerade in Bezug auf den Wahlkampf hat Corona und vor allem der Lockdown der SP einen Strich durch die Rechnung gemacht. «Wäre das nicht passiert, hätten wir viel früher und intensiver auf Bettina Fredrich aufmerksam machen können», sagt Kathrin Balmer. Wegen der geschlossenen Schulen sei aber die Kinderbetreuung an erster Stelle gestanden und nicht der Wahlkampf.

So aber ist die SP-Frau bis im Juni noch gar nicht wirklich in Erscheinung getreten, viel mehr als eine Mitteilung über die Kandidatur gab es im Frühling nicht. Der ganze Vorlauf von März bis Mai sei quasi ins Wasser gefallen, so Balmer. In zwei Wochen wollen die Partei und Bettina Fredrich nun aber ihre Positionen und Ziele öffentlich bekannt geben.

Auch für den amtierenden Gemeindepräsidenten hat die Corona-Pandemie einiges verändert. «Die Prioritäten haben sich definitiv verschoben.» Der Wahlkampf sei nun mal nicht an erster Stelle gestanden, zu wichtig sei die Arbeit für die Gemeinde in dieser Zeit gewesen, in der alles anders lief als sonst.

Motivation und Reflexion

Die Monate mit Corona seien noch intensiver gewesen, als es das Amt des Gemeindepräsidenten sowieso schon sei, sagt Iten. Man dürfe sich aber trotzdem nicht aus der Ruhe bringen lassen, ist er überzeugt. Dass Thomas Iten nicht wie vor vier Jahren still gewählt wird, sondern sich diesmal einer Wahl stellen muss, stört den Ostermundiger nicht. «Das gibt einem die Gelegenheit, noch besser zu reflektieren, was man in den letzten Jahren gut gemacht hat und was einem vielleicht weniger gut gelungen ist.» Iten ist «genauso motiviert wie am ersten Tag», auch in den nächsten vier Jahren die verschiedenen grossen Projekte, die auf die Gemeinde zukommen, voranzutreiben – es sind grosse Dinge wie die Ortsplanungsrevision, die ganze Umgestaltung beim Bahnhof, die Fusion, das Tram. «Das sind Vorhaben, die mit grosser Sorgfalt erarbeitet werden müssen, und das braucht seine Zeit.» Und dafür müsse jemand die Gemeinde leiten, der das ganze Räderwerk kenne, hinter alle Prozesse sehe und für Kontinuität sorge. «Dabei kommt mir sicher zugute, dass ich seit der dritten Klasse in Ostermundigen wohne und quasi zu jedem Randstein irgendeinen Bezug habe.»