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Wie eine Hahnenkamm-Abfahrt auf zwei Rädern

Roger Rinderknecht macht im olympischen BMX-Wettbewerb ab heute Jagd auf eine Medaille – auf einer Piste mit bis zu zwölf Meter langen Sprüngen und einem selbst konzipierten Sportgerät.

Weite Sprünge: Zwei BMX-Fahrer beim Training auf dem Olympiakurs.
Weite Sprünge: Zwei BMX-Fahrer beim Training auf dem Olympiakurs.
Keystone
Rasant: Auf der Startrampe beschleunigen die Fahrer auf rund 60 km/h.
Rasant: Auf der Startrampe beschleunigen die Fahrer auf rund 60 km/h.
Keystone
Vergangenheit: 2008 in Peking scheitert der Winterthurer in den Halbfinals.
Vergangenheit: 2008 in Peking scheitert der Winterthurer in den Halbfinals.
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Der Winterthurer Roger Rinderknecht will sich heute in der Klassierungsrunde in eine gute Position katapultieren. Sein Ziel ist der Final der Top 8 vom frühen Freitagabend. Die Supercross-Piste, auf der sich die BMX-Spezialisten um olympische Ehren streiten sucht Ihresgleichen. Die Fahrer stürzen sich von einer acht Meter hohen Startrampe in die Tiefe und beschleunigen bis zum ersten Sprung auf rund 60 km/h. Für BMX-Verhältnisse sei dies eine Herausforderung, die mit der Anfangsphase der Kitzbüheler Hahnenkamm-Abfahrt zu vergleichen sei, gibt der Schweizer Nationaltrainer Philip Wildhaber zu Protokoll.

Wie beim Ski- oder Boardercross ist es wichtig, früh in die erste Kurve einzubiegen und sich nicht einklemmen zu lassen. «Ellbogen raus!» lautet das Motto. Körperkontakt oder Stürze sind nicht immer zu vermeiden. Auf dem 450 Meter langen Kurs gehen die Athleten pro Serie während rund einer halben Minute an die Grenzen ihrer Maximalkraft. Auf den grössten Wellen sind Sprünge von bis zu zwölf Metern zu erwarten.

«Dann kann es schon gefährlich werden»

Die Aufgabe könnte durch schlechte Wetterbedingungen noch erschwert werden. In den Trainings machte den Fahrern insbesondere der Wind zu schaffen. «Wenn man während eines Sprungs eine Böe erwischt, kann es schon gefährlich werden», sagt Rinderknecht. Wenn es zu regnen beginnt, könnte die Startrampe sehr rutschig werden. Bei zu misslichen Verhältnissen dürften aber die Organisatoren ein Einsehen haben und das Programm anpassen. Rinderknecht hofft, dass sich die nicht allzu schlechten Wetterprognosen bestätigen.

Anhand der Klassierungsrunde – das Feld der Männer umfasst 32 Teilnehmer – wird die Setzliste für die Viertelfinals von morgen Donnerstag erstellt. Je weiter vorne man sich heute einreihen kann, desto kleiner ist die Gefahr, dass man zu Beginn der K.o.-Phase auf viele hochkarätige Gegner trifft. «Deshalb muss man von Beginn an Vollgas geben. Schonen kann man sich während keiner Sekunde des Wettkampfs», erklärt Rinderknecht.

In den Viertelfinals gibt es pro Achter-Gruppe drei Serien. In jeder Staffel ziehen jene zwei mit der geringsten Anzahl Rangpunkte direkt in die Halbfinals vom Freitag ein. Zwei weitere Fahrer bekommen in einer Zusatzrunde eine weitere Chance auf das Weiterkommen. «Um Energie zu sparen, vor allem im mentalen Bereich, wäre es schon wichtig, wenn ich keine Umwege machen müsste. Das Programm ist anstrengend genug», meint Rinderknecht, der in seiner Disziplin mit seinen 31 Jahren zur alten Garde zählt. Zwischen den Einsätzen geniesse die Regeneration höchste Priorität.

Bei der Olympia-Premiere des BMX in Peking hatten für ihn die Halbfinals Endstation bedeutet. Diesmal soll es für den Final reichen. Eine Medaille anzukündigen sei vermessen, er gelte jedoch sicher als aussichtsreicher Aussenseiter, so Rinderknecht. Als einzigem Schweizer kann es ihm nur recht sein, dass jede Nation maximal drei Athleten an den Start schicken darf. Aus dem amerikanischen Team, aus dem im Mai an den Weltmeisterschaften in Birmingham gleich acht Fahrer vor ihm gelandet sind, können ihm nur Connor Fields, David Herman und Nicholas Long ein Spitzenresultat streitig machen.

Wenn er den Einzug unter die Top 8 tatsächlich schafft, sei nichts mehr auszuschliessen, glaubt Rinderknecht. «Im Final gibt es nur noch einen Lauf. Und in diesem kann immer alles passieren. Ich bin so gut drauf wie bisher noch nie in meiner Karriere.» Zuversicht verleiht ihm die gelungene Vorbereitungsphase. Anders als vor Peking 2008 habe er diesmal in den Wochen vor den Sommerspielen nicht andauernd an Olympia denken müssen und dadurch Kraft verschwendet. «Ich habe gemerkt, dass ich für solch ein Highlight nach und nach eine gewisse Spannung aufzubauen habe. Und dass es besser ist, wenn ich lockerer an die Sache herangehe.»

Tüfteleien mit BMC

Rinderknecht gilt als Tüftler. Sein sieben Kilogramm leichtes Rad ist ein Prototyp, den er selber konzipiert hat. Unterstützt wurde er dabei vom bekannten Hersteller BMC. «Mein Produkt ist weit entfernt von einem herkömmlichen BMX-Rad», sagt Rinderknecht. Als Einziger im Feld sei er beispielsweise mit Scheiben- und nicht mit Felgenbremsen unterwegs. Dies sei sicherer und könne in einem entscheidenden Moment zu einem wichtigen Faktor werden.

Die Ende der Sechzigerjahre in Kalifornien entdeckte Disziplin hat auch im Material-Bereich enorme Fortschritte erfahren. Die Aufnahme in die olympische Familie hat dem BMX einen Schub verliehen. Trotzdem ist das Bicycle Moto Cross noch nicht über den Status einer Randsportart hinausgekommen. Ob sich dies mit London 2012 ändert, wird Rinderknecht zumindest als Aktiver nicht mehr miterleben. Ende Jahr tritt er zurück. Wahrscheinlich wird er der Szene in einer anderen Funktion treu bleiben. Entsprechende Job-Angebote habe er bereits erhalten. Sein Know-how ist gefragt.

si/ak

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