«Fantastisch, unglaublich, unvergesslich»

Grossbritannien suhlt sich zum Abschluss von Olympia in Superlativen. Die englischen Medien feiern London 2012 als das beste Sportfest aller Zeiten und haben dabei völlig recht, findet Bernerzeitung.ch/Newsnetz-Redaktor Sebastian Rieder.

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Sebastian Rieder@RiederSebastian

Terrorgefahr, Superstau, schlechtes Essen und mieses Wetter – was war im Vorfeld nicht alles über diese Sommerspiele geschrieben und befürchtet worden. London werde die grösste Festung der Welt hiess es, während sich die olympische Fackel Ende Juli der Stadt näherte. Lang und breit wurde über das Kriegsschiff auf der Themse und die Abwehrraketen mitten in den Wohnquartieren am Stadtrand berichtet. Tatsächlich waren auch über 40'000 Soldaten und Polizisten im Einsatz, aber auffällig oder gar störend war die Präsenz der Sicherheitskräfte nie.

Augenfällig waren dafür die rund 70'000 Volunteers, die sich während den Spielen vom Buckingham Palast bis zum Olympischen Park als bunte Schmetterlinge entpuppten. Wie auf einer übergrossen Spielwiese animierten die vielen freiwilligen Helfer die Besucher schon auf dem Weg ins Stadion und sorgten rund um die Uhr für gute Laune. Eine Wohlfühloase war auch das olympische Dorf, das den Sportlern eine kulinarische Vielfalt und einen unkomplizierten Zugang zu den Wettkampfstätten bot. Diverse Delegationsleiter sprachen bereits in der ersten Woche von perfekten Konditionen und einem Umfeld, das im Spitzensport konkurrenzlos ist.

44 Weltrekorde und ein Bürgermeister in Hochform

Die aussergewöhnliche Qualität der äusseren Bedingungen führte bei vielen Athleten zu aussergewöhnlichen Leistungen. Was dazu führte, dass die sonst schon begeisterten Zuschauer in den Stadien und die Millionen Sportfanatiker vor den TV-Geräten insgesamt 44 Weltrekorde bestaunen durften. Aber auch jene Athleten, die weit von Spitzenresultaten entfernt waren und sich jenseits der Diplome klassierten, lobten die Atmosphäre in London als einzigartig und die Organisation der Logistik als vorbildlich.

Sogar das Wetter spielte mit: Nur vereinzelt Regenschauer, meistens viel Sonne, die nicht nur die Athleten, sondern auch den Bürgermeister von London zur Hochform aufliefen liess. Boris Johnson musste vor den Spielen für seinen Enthusiasmus und den bedingungslosen Willen, die besten Spiele aller Zeiten zu organsisieren, von allen Seiten harsche Kritik einstecken. Die Medien, seine politischen Gegner, ja selbst die Taxifahrer, die den Olympiastreifen nicht befahren durften, stellten sich quer – und das wortwörtlich. Sie allen sahen London wegen der Olympischen Spiele im Chaos versinken. Das Gegenteil war der Fall, selbst während der Stosszeiten war der Verkehr ein Vergnügen. Es schien, als wäre es während der Sommerferien zum Exodus der Stadtbürger gekommen. Die Strassen frei, die U-Bahn über weite Strecken mit Sitzplatzgarantie – für kurze Zeit war in der Presse dann sogar von einer Geisterstadt die Rede. Eine übertriebene Einschätzung, aber die Polemik im Vorfeld hatte wohl zahlreiche Touristen vor einer Reise in die Weltstadt abgeschreckt.

Horrende Kosten und versprochene Nachhaltigkeit

Von der eigenen positiven Prognose bestätigt, setzte Boris Johnson vergangene Woche zum Rundumschlag an und wagte den nächsten Ausblick. London werde schon in naher Zukunft die Früchte dieser Sommerspiele ernten können, denn das sportliche Spektakel diene der Metropole als Magnet für neue Menschenmassen. Euphorisiert vom gelungenem Ende liess sich der Bürgermeister – vielleicht schon in Gedanken an Rio 2016 – während der Abschlussfeier im Olympiastadion zu einem ausgelassen Tänzchen hinreissen. Für einen kurzen Moment muss er wohl alle seine Sorgen vergessen haben, aber spätestens als die Raketen des letzten Feuerwerks über der 650-Millionen-Franken teuren Leichathletik-Arena in den Himmel schossen, dürfte Boris Johnson wieder bewusst geworden sein, welche Kosten noch auf ihn niederprasseln werden.

Wie bei allen Olympischen Spielen wurde auch für London 2012 das vorgesehene Budget pulverisiert. Ursprünglich waren Auslagen von rund drei Milliarden Franken geplant, die Schätzungen gehen von 12 Milliarden Franken aus – die Unkosten für die Sicherheit (Polizei und Securities) sind dabei noch nicht eingerechnet. Schwierig auszurechnen ist auch der finanzielle Mehrwert und die Nachhaltigkeit für die Stadt. Negative Beispiele wie in Athen 2004 und Peking 2008, wo heute viele Sportstätten vor sich hinrosten, soll es in London nicht geben. So fällt das mediale Echo nach dem perfekten Verlauf trotz der horrenden Ausgaben durchwegs positiv aus. Von BBC bis The Times lassen sich die Spiele mit den Worten «fantastisch, unglaublich und unvergesslich» feiern. Sogar die Revolverblätter, die es mit der Wahrheit nicht immer so genau nehmen und einen angeschossenen Feind lieber ganz niederstrecken als noch einmal aufleben zu lassen, haben die Salven eingestellt und zierten den Bürgermeister zusammen mit OK-Chef Lord Sebastian Coe mit einem Lorbeerkranz.

Ticketskandal als einziger Wermutstropfen

Die blumige Bilanz der Boulevardblätter hat London 2012 vor allem auch der britischen Delegation zu verdanken, die sich mit 29 Goldmedaillen auszeichnete und die Nationenwertung auf Rang 3 abschliesst. Bei allem Enthusiasmus um das Team Great Britain mit den fabelhaften Fünf Andy Murray, Mo Farah, Bradley Wiggins, Chris Hoy und Jennifer Ennis geht der Ticketskandal aus der ersten Woche fast vergessen. Zur Erinnerung: Viele einheimische Fans hatte keine Karte mehr erhalten und standen stundenlang in der Schlange, während in den Stadien gleichzeitig zahlreiche Sitzplätze leer blieben. Dieser Eklat war trotz der ausverkauften Tribünen auf die vielen VIP's der Sponsoren zurückzuführen, die sich für den Auftakt der Spiele nicht interessierten oder lieber den Auslauf im Herzen der Stadt genossen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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