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Festtage in der PandemiePolitiker sagen Weihnachten ab – wegen Corona

Bundesrat und Kantone gehen davon aus, dass grosse Familienfeste nicht stattfinden können. Viele Massnahmen dürften durchgehend bis ins Frühjahr gelten.

Bundesrat Alain Berset geht davon aus, dass viele Corona-Massnahmen auch an Weihnachten gelten werden.
Bundesrat Alain Berset geht davon aus, dass viele Corona-Massnahmen auch an Weihnachten gelten werden.
Foto: Marcel Bieri, Keystone

Abgesagt, alles abgesagt: Wegen Corona gibt es keinen Weihnachtsmarkt in Basel, keinen Sternenmarkt in Bern und auch kein «Wienachtsdorf» auf dem Zürcher Sechseläutenplatz. Die Mega-Weihnachtsparty bei Glencore in Zug ist ebenso gestrichen wie das Weihnachtsessen der Gemeindeverwaltung Murgenthal. Egal ob in Münsingen, Cham oder Unterengstringen: Kerzenziehen finden reihenweise nicht statt. Auch die Krippenspiele von Henggart bis Untervaz und zig Weihnachtskonzerte fallen aus. Selbst der Samichlaus bleibt heuer vielerorts zu Hause in seiner Waldhütte.

Was bleibt dann noch übrig? Am Ende könnten selbst die Christmetten an Weihnachten der Pandemie zum Opfer fallen. Und sogar die Feiern mit den Liebsten im engen Kreis der Familie sind gefährdet. Momentan dürfen sich in der Schweiz maximal nur zehn Personen im privaten Kreis treffen. Ade Familienfest mit Cousinen, Onkeln, Grossmüttern und Kindern.

Merkel schwört Deutschland ein

Ausgerechnet jetzt, wo ohnehin schon viele Menschen an sozialer Verarmung leiden, droht also auch nach dem Fest der Liebe das Aus. In Deutschland ist deshalb unter dem Slogan «Rettet Weihnachten» bereits eine heftige Diskussion entbrannt. Nach steigenden Fallzahlen und verschärften Kontaktbeschränkungen rechnet gemäss einer Umfrage die Hälfte der Deutschen damit, Weihnachten in der Isolation verbringen zu müssen. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel sah sich genötigt, Stellung zu beziehen ohne die Hoffnung auf grosse Feste nähren zu können. «Es wird ein Weihnachten unter Corona-Bedingungen sein, aber es soll kein Weihnachten in Einsamkeit sein», sagte sie.

Die Debatte kommt nun auch in der Schweiz in Fahrt. Erstmals melden sich Politiker und Wissenschaftler zu Wort und prophezeien Weihnachten, die nur im engsten Familienkreis stattfinden können. «Wenn wir die Fallzahlen nicht senken können und das Gesundheitssystem weiterhin stark belastet ist, werden wir auf grosse Familienfeste an Weihnachten eher verzichten müssen», sagt der bernische Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg. Um selber gleich anzufügen: «Das wäre schade.»

Kantone verlangen mehr Vorgaben vom Bund

Noch pessimistischer ist man im Wallis, das derzeit besonders strenge Corona-Regeln hat. «Im Moment würde ich keine Weihnachtsfeier mit vielen Leuten planen», sagt Regierungspräsident Christophe Darbellay. Er geht davon aus, dass auch über die Festtage Kontaktbeschränkungen gelten werden. «Man sollte sich keine Illusionen machen. Weihnachten wird dieses Jahr etwas anders.»

Darbellay verlangt sogar persönlich vom Bund, dass er die Massnahmen nicht schnell aufhebt. «Es wäre wichtig und richtig, wenn der Bundesrat landesweite Covid-Massnahmen auf längere Zeit beibehalten würde, bis ein Impfstoff eingesetzt werden kann.»

Berset sagt grosse Feste faktisch ab

Gesundheitsminister Alain Berset sieht auch keine Anhaltspunkte, dass die Corona-Massnahmen bis Weihnachten wesentlich gelockert werden könnten insbesondere, was die Beschränkung privater Treffen anbelangt. Die grosse Party sagt er faktisch ab: «Ich würde im Moment nur mit zehn Leuten eine Weihnachtsfeier planen.»

Weihnachts-Shopping wie hier in Zürich ist zwar möglich – aber nur mit Maske. Ob die Geschenke alle persönlich übergeben werden können, ist wegen Corona alles andere als klar.
Weihnachts-Shopping wie hier in Zürich ist zwar möglich – aber nur mit Maske. Ob die Geschenke alle persönlich übergeben werden können, ist wegen Corona alles andere als klar.
Foto: Michele Limina

Über konkrete Lockerungen oder umgekehrt sogar weitere Verschärfungen will Berset nicht sprechen, macht aber klar, dass die derzeitigen Regeln als Mindeststandard längere Zeit Bestand haben werden. Von einem Winterpaket ist die Rede, dessen Kern Homeoffice, Verbot von Grossveranstaltungen und private Kontaktbeschränkungen bis im Frühling Bestand haben muss. Als der Bundesrat das Paket vor gut einer Woche erlassen hat, sagte Berset: «Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die Regeln für die kommenden Wintermonate bleiben.»

Taskforce empfiehlt, draussen zu feiern

Auch die wissenschaftliche Taskforce des Bundes erwartet, dass ein Grundstock an Massnahmen bis im Frühjahr in Kraft bleibt. «Selbst wenn die Ansteckungszahlen sinken sollten, müssen wir dafür sorgen, dass die Situation nicht erneut aus dem Ruder läuft», sagt Präsident Martin Ackermann. Bezüglich Weihnachten meint er zwar, dass sich die Lage momentan rasch ändere. Und man deshalb noch nicht sagen könne, was in sechs bis sieben Wochen genau möglich sei. Aber auch für den Taskforce-Chef ist klar: «Weihnachten werden wir in diesem Jahr nicht so feiern können, wie wir uns das gewohnt sind.»

Weihnachten löst Emotionen aus. Und bei einem unsorgfältigen Umgang damit dürften Politiker und Wissenschaftler sofort den Zorn im Volk über die Corona-Massnahmen weiter anheizen. Deshalb versucht man auf allen Seiten zu signalisieren, dass Zusammenkünfte trotz allem nicht ganz abgesagt werden müssen. «Wir verfolgen die Lage, und je nach Entwicklung sind vielleicht auch einzelne Öffnungsschritte möglich», sagt der Berner Regierungsrat Schnegg.

Quarantäne, um Weihnachten zu retten?

Der Taskforce-Chef bringt zum Beispiel Ideen ins Spiel, wie man unter Corona-Bedingungen Weihnachten feiern könnte. «Ich denke etwa an Treffen im Freien», sagt Ackermann. Die Waldweihnacht war ja schon vor der Pandemie ein Alternative zum Fest in der warmen Stube. Zudem plädiert Ackermann dafür, vor den Festtagen ein strenges Regime durchzuziehen. «Wir können uns in den zwei Wochen vor Weihnachten in eine Art Vorquarantäne begeben und uns möglichst isolieren. Dadurch senken wir die Gefahr, andere Leute mit dem Virus anzustecken.»

20 Kommentare
    hiltirh

    Draussen feiern das ist wohl für Partygänger möglich. Eine Familie mit Kinder und Enkelkinder, da möchte ich gerne wissen, wie dies funktionieren soll?