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Bewegung im Corona-Winter«Nur in der Stube hocken führt zu Stimmungstiefs oder Depressionen»

Die Menschen bleiben im Corona-Winter zuhause – und bewegen sich dadurch viel weniger. Physiotherapeut Urs Keiser sagt, warum das schädlich ist und was man dagegen tun kann.

«Trainiert ein Mensch regelmässig, führt das nachhaltig zu einem zufriedeneren oder gar glücklicheren Dasein», sagt Urs Keiser.
«Trainiert ein Mensch regelmässig, führt das nachhaltig zu einem zufriedeneren oder gar glücklicheren Dasein», sagt Urs Keiser.
Mauritius images / Axel Schmies

Sie malen hinsichtlich der körperlichen Aktivität der Schweizer in den kommenden Monaten ein düsteres Bild. Warum?

Im Winter sind die Menschen grundsätzlich weniger aktiv als in den Sommermonaten. Die Pandemie verstärkt diese Untätigkeit.

Wir befinden uns im Slowdown und nicht, wie im Frühling, im Lockdown. Das müsste Sie als Physiotherapeut doch freuen.

Der Lockdown war in der Schweiz keine Ausgangssperre. Obwohl es hiess, «bleiben Sie zu Hause», profitierten die Leute vom Frühling und Sommer. Sie betätigten sich an der frischen Luft, wanderten, begannen zu laufen oder Velo zu fahren. Nun haben die Behörden das Leben zwar nicht so stark heruntergefahren wie damals. Trotzdem wird sich die Situation punkto Bewegung im Vergleich zum Lockdown markant verschlechtern. Es entsteht jetzt quasi eine unheilige Allianz, die unsere Gesundheit gefährdet.

Wie meinen Sie das?

Der Aufruf zum Homeoffice, die Angst vor der Ansteckung, die Quarantänen und Isolationen kommen zum nasskalten Wetter hinzu, sodass sich die Menschen noch weniger bewegen werden als im Winter üblich.

Bereitet Ihnen das Sorgen?

Ja, vor allem im Sinne der Gesamtgesundheit der Bevölkerung. Zwar befanden wir uns nie in einer vergleichbaren Situation. Trotzdem ist zu erwarten, dass der Bewegungsmangel seinen Preis haben wird.

Auch wenn dieser nur wenige Monate so akzentuiert sein wird?

Ja.

Eine italienische Studie hat gezeigt, dass sich Kinder während der Pandemie täglich zwei Stunden weniger bewegen als sonst. Eine andere, dass Erwachsene zurzeit durchschnittlich nicht nur fünf, sondern ganze acht Stunden am Tag sitzen. Mit welchen Konsequenzen müssen wir rechnen?

Mit einigen. Denn mangelnde Bewegung wirkt sich auf den gesamten Menschen aus. Auf seinen Körper, aber auch auf seinen psychischen Zustand. Wir brauchen Bewegung, um gesund zu bleiben, aber auch um glücklich zu sein.

Was heisst das konkret?

Bewegung führt für viele Menschen zur simplen Befähigung, alltägliche Dinge zu meistern – es geht zum Beispiel um Selbstständigkeit, die wiederum Lebensumstände prägen kann.

Wie meinen Sie das?

Denken Sie an einen Senior, der noch in den geliebten eigenen vier Wänden leben kann, weil er mobil genug ist. Weil er noch in der Lage ist, in die Dusche zu steigen. Kommt ihm diese Fähigkeit abhanden, weil er sich jetzt kaum noch bewegt, kann das heissen, dass er in ein Pflegeheim umziehen muss. Es geht aber nicht nur um die Senioren.

Bewegungsmangel beeinträchtigt uns alle?

Genau. Hinlänglich bekannt sind die negativen Konsequenzen auf das Herz-Kreislauf-System oder das drohende Übergewicht. Training fördert aber beispielsweise auch die Knochendichte, was besonders bei Frauen ein wichtiger Aspekt ist. Körperliche Betätigung macht Menschen aber auch stresstoleranter. Das ist in einer gesellschaftlich und wirtschaftlich angespannten Situation, wie wir sie durchleben, besonders gefragt.

Sie sagen, Bewegung mache den Menschen auch glücklich.

Ja, denn nur immer in der eigenen Stube zu hocken, führt zu Stimmungstiefs oder Depressionen – gerade in der dunklen Jahreszeit. Das hat mit den fehlenden Glückshormonen wie Dopamin, Serotonin oder Endorphin zu tun. Sie werden vermehrt produziert, wenn der Körper aktiv ist. Es muss dabei nicht ein Training im hochintensiven Bereich sein. Eine mittlere Intensität reicht schon – etwa dann, wenn ein Mensch das Gefühl hat, seinen inneren Schweinehund überwinden zu müssen.

Das klingt nach einer kurzfristigen Lösung.

Das erhellende Gefühl hält immerhin einige Stunden an. Dabei muss es aber nicht bleiben.

Sondern?

Zwar schüttet das Gehirn bei einer Anstrengung Hormone wie Dopamin oder Serotonin nur in bestimmten Regionen aus. Trainiert ein Mensch aber regelmässig, erhöht sich die Ausschüttung dieser Hormone dauerhaft und in verschiedenen Regionen des Gehirns. Das führt nachhaltig zu einem zufriedeneren oder gar glücklicheren Dasein.

18 Kommentare
    Philipp M. Rittermann

    ich empfehle die tägliche dosis "corona-news" in den medien so tief wie möglich zu halten. das hilft.