Zum Hauptinhalt springen

«Unser System kann sich rasch anpassen, aber es fehlt die Ausdauerkultur»

Brigadier Raynald Droz über die Möglichkeiten der Armee in der Krise und die Opfer, die er persönlich bringen muss.

Der Westschweizer Brigadier Raynald Droz ist in der Corona-Krise zum Gesicht der Armee geworden. Foto: Marco Zanoni
Der Westschweizer Brigadier Raynald Droz ist in der Corona-Krise zum Gesicht der Armee geworden. Foto: Marco Zanoni

Inoffiziell nennt man es «das Pentagon», jenes Gebäude in Bern, welches das Verwaltungszentrum des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport beherbergt. Wie aus dem Ei gepellt wartet Brigadier Raynald Droz in einem spartanisch eingerichteten Sitzungszimmer. Unweit seines Büros, wo er seit Tagen nicht nur arbeitet, sondern auf einem Feldbett auch übernachtet.

Die Rekruten rebellieren, weil sie nicht nach Hause dürfen und es in ihren Reihen zu Corona-Fällen gekommen ist. Seit gestern sammeln sie nun Unterschriften und fordern, dass die Rekrutenschulen geschlossen werden. Ziehen Sie das in Erwägung?

Die Armee steht im Auftrag des Bundesrats im Einsatz für Land und Leute. Es braucht uns im ­Gesundheitswesen, aber auch im Sicherheitsbereich dringend. Um diese Leistungen auch morgen und in den kommenden Monaten sicherstellen zu können, werden wir die Rekrutenschulen wenn immer möglich weiterführen. Auch die RS im Sommer wird stattfinden.

Wie viele Armeeangehörige sind Corona-positiv? Wie viele in Quarantäne?

Wir verzeichnen derzeit rund 100 Erkrankte und rund 800 Personen in Quarantäne.

Und doch verzichtet die Armee auf Tests beim Einrücken.

Wer Symptome aufweist, bleibt daheim oder wird beim Dienst­antritt sofort separiert und in Quarantäne gesetzt. Wir befolgen damit strikt die Weisungen des Bundesamts für Gesundheit. Die Tests sind knapp in der Schweiz, und ­deshalb ist es wichtig, dass man sie dort einsetzt, wo sie dringend ­benötigt werden.

Während die Zahl der Corona-Fälle in die Höhe schoss, haben eingerückte Soldaten Schiessübungen absolviert und den Umgang mit Nuklear-Schutzanzügen trainiert, bevor sie Hilfe leisteten. Warum?

Wir müssen weiter denken als nur an die Krise, in der wir stecken. Die Armee muss auch danach noch funktionstüchtig sein, darum erhalten wir sämtliche Fähigkeiten.

«Würden wir ein Feldspital betreiben, fehlte es den Spitälern an Unterstützung»

Das Militär steht auch in der Kritik, weil es an Schutzmaterial für die Soldaten fehlt.

Da steht die Armee nicht alleine da. Fest steht aber, dass alle Soldaten, die in den Spitälern Dienst leisten, voll ausgerüstet sind. Wir beschaffen nun weitere Masken. Damit sollen auch jene Personen geschützt sein, die beispielsweise in einem Fahrzeug unterwegs sind, in dem sie den Abstand von zwei Metern nicht einhalten können.

Noch sind die Masken aber nicht da.

Wegen der Lücken bei der Beschaffung der Schutzausrüstung haben wir im Moment gewisse Ausbildungen eingestellt, die nicht mit Covid-19 zusammenhängen.

Ausser Meldungen über Ihre Triathlon-Erfolge war vor der Corona-Krise in den Medien kaum etwas über Sie zu lesen. Jetzt stehen Sie im Rampenlicht. Wie gehen Sie damit um?

Diese Situation ist für mich schon sehr speziell. Glücklicherweise stresst mich der Umgang mit den Medien nicht. Und wenn meine Chefs denken, dass ich bei der Kommunikation dieser Krise etwas beitragen kann, dann mache ich das.

Haben Sie schon Fanpost bekommen?

Ich habe viele Reaktionen erhalten. Beispielsweise von Kameraden, die sich bei mir für die Arbeit bedanken, oder von Italienischsprechenden, die schätzen, dass ich auch in ihrer Sprache kommuniziere. Und ein 70-jähriger Mann schrieb mir, dass sich seine Frau – sie ist 67 Jahre alt – pünktlich zur Medienkonferenz um 14 Uhr vor den Fernseher setzt, um mich zu sehen.

Was bereitet Ihnen am meisten Bauchschmerzen, wenn Sie an die kommenden Wochen denken?

Dass viele der kleinen Unternehmen an dieser Krise zugrunde ­gehen könnten. Dahinter stehen Menschen, die sich mit ihrem Geschäft ihren Lebenstraum verwirklichen. Sie haben nicht nur ihr ­gesamtes Geld, sondern auch ihr Herzblut reingesteckt. Völlig unerwartet und innert kürzester Zeit geht das nun alles kaputt.

Ebenfalls innert kürzester Zeit hat Frankreich eine Zeltstadt errichtet, wo das Militär ein grosses Feldspital für Corona-Kranke betreibt. Weshalb tut das die Schweizer Armee nicht?

Wir haben von Anfang an strategisch einen anderen Weg gewählt und beschlossen, unsere Leute direkt in den zivilen Gesundheitseinrichtungen einzusetzen. Würden wir ein Feldspital betreiben, könnten wir darin zwar schätzungsweise 800 Leichterkrankte betreuen. Es würde dann aber den Spitälern an Unterstützung fehlen – also dort, wo die Schwerkranken liegen und Intensiv- ­sowie Notfallstationen betrieben werden müssen.

Rund 80 Prozent der Aufgebotenen haben sich unmittelbar nach der Alarmierung gemeldet. Was geschieht mit jenen, die nicht einrücken?

Wir haben nach der Alarmierung per SMS einen schriftlichen Marschbefehl verschickt und kontaktieren alle Ferngebliebenen. Zudem arbeiten wir nun akribisch auf, weshalb sie nicht einrücken und ob dies gerechtfertigt ist oder nicht.

Wird die Militärpolizei die Verweigerer abholen?

Nein. Im konkreten Fall wäre das unverhältnismässig. Wenn die Leute für ihr Fernbleiben jedoch keine guten Gründen anführen können, werden wir ihre Dossiers der Militärjustiz übergeben, und sie müssen mit Konsequenzen rechnen.

Von wie vielen Personen reden wir?

Ich schätze, dass es jetzt bis zu 250 sind.

Sie haben nun schon einige Wochen Krisenerfahrung gesammelt. Welche Lehren ziehen Sie?

Für diese Analyse ist es zu früh. Positiv ist, dass sich unser System rasch anpassen kann. Aber ich stelle auch fest, dass uns beispielsweise die Ausdauerkultur fehlt.

Das heisst?

Unsere Wiederholungskurse oder Übungen dauern nur wenige ­Wochen – daran haben wir uns gewöhnt. Wenn die Leute antreten, wissen sie, dass der Spuk nach kurzer Zeit wieder vorbei ist.

Und nun haben die Eingerückten kürzlich erfahren, dass sie nicht drei Wochen, sondern drei Monate im Dienst bleiben.

Ja, und das ist spürbar. Wir haben ihnen nicht nur das Wochenende und den Ausgang gestrichen. Sie schlafen wenig, leisten teilweise emotional fordernde Einsätze, müssen mit dem Risiko einer Ansteckung umgehen – und haben dabei selbst zu Hause Angehörige, um die sie sich Sorgen machen. Die Summe all dieser Emotionen ist sehr belastend.

Nehmen sich psychologische Betreuer den Betroffenen an?

Ja, wir setzen jetzt psychologisch-pädagogische Spezialisten ein. Denn das Schlimmste, das in einer solchen Situation passieren kann, ist, dass die Leute ihre Probleme mit sich selbst ausmachen – und der Druck steigt und steigt.

Ist in Stein gemeisselt, dass die Soldaten bis im Juni nicht mehr nach Hause können?

Nein. Wie wir das mit den freien Tagen organisieren, klären wir noch ab. Für mich ist klar: Die Leute bis Ende Juni im Dienst zu behalten, ist die letzte Option.

Apropos Ausdauer. Sie verbringen kurze Nächte auf dem Feldbett, essen auf dem Weg von einem Rapport zum nächsten und bestreiten jeden zweiten Tag Medienkonferenzen – wie lange halten Sie noch durch?

Meine Frau und ich haben vereinbart, dass zwei Monate mit dieser Intensität kein Problem sind.

Sie sind ein ambitionierter Ironman-Athlet und trainieren viel draussen. Das Virus zwingt nun auch Sie zum Dauereinsatz drinnen. Fehlt Ihnen das Training?

Diese Krise verlangt mir tagsüber so viel Energie ab, dass mir am Abend der Wille fürs Training schlicht fehlt. Bei der Stange hält mich, dass ich meine Form nicht verlieren will. Deshalb sitze ich am Morgen um vier Uhr auf dem Hometrainer.

Sie wollten sich in einem Monat für die Ironman-Weltmeisterschaft in Hawaii qualifizieren.

Ja. Das muss jetzt alles ein Jahr warten. Ich werde nach Corona wieder mit dem Aufbau beginnen müssen. Aber in verschiedenster Hinsicht gilt das für viele von uns.

----------

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOS – App für Android – Web-App
Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch