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Schlechte Noten für «Mille feuilles»

Frühfranzösisch: Zusammen mit den Passepartout-Kantonen hat der Kanton Bern Frühfranzösisch eingeführt. Das dafür entwickelte Lehrmittel «Mille feuilles» gleicht dem Frühenglischlehrmittel, mit dem die Zürcher gerade Schiffbruch erleiden.

Im Kanton Zürich rebellieren ganze Schulen gegen das eigens fürs Frühenglisch entwickelte Lehrmittel. Es sei zu kompliziert und überfordere die meisten. Zudem fehle es an Übungsmaterial, der Aufwand für die Lehrer sei zu hoch (wir berichteten).

Auch im Kanton Bern ist seit den Sommerferien ein neues Lehrmittel im Einsatz (siehe Box). «Mille feuilles», so der Name, wurde fürs Frühfranzösisch ab der dritten Klasse entwickelt. Wie einst das Zürcher Englischlehrmittel, so priesen die Fachleute auch «Mille feuilles» als Unterrichtsmaterial, das modernste pädagogische und didaktische Ansprüche erfülle. Margreth Däscher, Projektverantwortliche bei der Berner Erziehungsdirektion, betonte bei verschiedenen Gelegenheiten, dass sie «schaurig den Plausch» am neuen Lehrmittel habe.

Fortschritte kaum messbar

Aber reicht es, wenn Fachleute und vielleicht auch die Schülerinnen und Schüler den Plausch haben? Oder droht das Frühfranzösischlehrmittel ebenso Schiffbruch zu erleiden wie das Englischlehrmittel im Kanton Zürich? Laut Urs Kalberer, Bündner Sekundarlehrer und Sprachdidaktiker, muss die Methode des Sprachenlernens nicht modern, sondern effektiv sein. Er kennt das umstrittene Zürcher Englischlehrmittel und hat sich für diese Zeitung mit «Mille feuilles» auseinandergesetzt. Er stellt dem Lehrmittel kein gutes Zeugnis aus und sieht durchaus Parallelen zum Zürcher Lehrmittel.

So bei den Lernzielen. Danach sollen die Kinder kommunikative Handlungsfähigkeit, das Bewusstsein für Sprache und Kulturen sowie lernstrategische Kompetenzen erwerben. «Das eigentliche Erlernen der Sprache wird mit Inhalten angereichert, die mit dem Spracherwerb nur indirekt etwas zu tun haben», sagt Kalberer. Dazu komme, dass sich die Lernziele nur schwer oder gar nicht überprüfen liessen.

Auch übersteige «Mille feuilles» die intellektuelle Fähigkeit der meisten Primarschüler. Ein Lernziel laute etwa: «Ich habe gelernt, die Rückmeldungen und Beurteilungen von Mitschülern als Chance zum Weiterlernen zu nutzen.» Laut Kalberer ein sehr ambitioniertes Ziel für einen Maturanden. «Aber was soll ein Drittklässler damit konkret anfangen?»

Umstrittenes Konzept

«Mille feuilles» basiere zudem, wie das Zürcher Lehrmittel auch, auf dem sogenannten handlungsorientierten Lernen. Ein laut Kalberer sehr zeitintensives Konzept, das sich für motivierte Erwachsene, nicht aber für Primarschüler eignet. Ausserdem stelle das Lehrmittel sehr hohe Anforderungen an das organisatorische Geschick der Lehrkraft: «Unverständlich, dass man eine derart umstrittene Methode flächendeckend einsetzt.»

Kalberer kritisiert auch den linguistischen Ansatz des Lehrmittels. Dieser sieht vor, das Hören und Verstehen in der Fremdsprache zu fördern. Dafür wäre jedoch viel mehr Input und eine hervorragende Sprachkompetenz der Lehrer nötig, sagt Kalberer. «Mit nur drei Wochenlektionen fehlt allerdings die Zeit.» Der Input werde zudem durch die langen deutschen Sequenzen im Lehrmittel zusätzlich verringert.

Fachleute ohne Plan?

Kalberers Fazit zu «Mille feuilles» ist vernichtend: «Bei den Lehrmitteln zeigt sich, dass die Promotoren des frühen Sprachunterrichts nicht wissen, wie man Primarschülern eine Fremdsprache beibringt.» Zwar haben die sechs Passepartout-Kantone die Entwicklung von «Mille feuilles» nicht finanziert. Sie haben sich gegenüber dem Schulverlag jedoch verpflichtet, das Lehrmittel zu nutzen. Bleibt die Hoffnung des Berner Erziehungsdirektors Bernhard Pulver (Grüne), dass die Kinder mit Frühfranzösisch die Hemmungen verlieren, in der fremden Sprache zu sprechen. Doch auch hier zweifelt Kalberer: «Spätestens mit der Pubertät sind alle Hemmungen wieder da.»

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