Warum die Grenze zwischen Stadt und Land verschwimmt

Der Einfamilienhausteppich im Mittelland oder Shoppingzonen an der Autobahn: Sind diese städtisch oder ländlich? Die alte Definition, dass 10'000 Einwohner eine Stadt bilden, taugt nicht mehr.


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Eigentlich ist die Unterscheidung von Stadt und Land simpel: Wenn sich viele Häuser ballen, in denen eine grosse Anzahl von Menschen wohnt und arbeitet, dann handelt es sich um eine Stadt. Alles andere ist Land: kleinere Ansammlungen von Häusern, Dörfer, Streusiedlungen, einzelne Bauernhöfe, unverbaute Natur.

Was aber ist der nicht abreissende, lockere Häuserteppich zwischen Thun und Bern? Eine lang gezogene Stadt? Oder doch eher Land? Ist Davos, wo sich in der Skisaison bis zu 50'000 Menschen aufhalten, im Winter eine Stadt, im November und im April aber ein Dorf, wenn die Gäste weg sind und weniger als 10'000 Menschen dort oben wohnen? Und das Wohnblockensemble Kappelisacker im Grünen am Waldrand von Ittigen, ist das ein Stadtteil auf dem Land?

Weder Stadt noch Land

Die eindeutige Unterscheidung von Stadt und Land ist schwierig geworden. Städte und Dörfer sind entlang von S-Bahn-Linien und Autobahnen zu funktionalen Räumen zusammengewachsen. Es sind Zwischenbereiche und Mischformen entstanden, die nicht mehr auf Anhieb als ländlich oder städtisch erkennbar sind. Das gilt etwa für Zonen um autobahnnahe Einkaufszentren wie das Shoppyland in Schönbühl.

Die Unsicherheit, wie man die Stadt vom Land trennt, widerspiegelt sich auch in den amt­lichen Definitionen. Wann eine Gemeinde als Stadt gilt, das ist in den letzten fünf Jahren von den zuständigen Ämtern des Bundes grundlegend überarbeitet worden.

Die alte 10'000er-Definition

2000 legte das Bundesamt für Statistik noch fest, dass eine Gemeinde dann eine Stadt ist, wenn sie mindestens 10'000 Einwohner zählt. Mit dieser statischen Grösse aber lassen sich die räumlichen Veränderungen der Ge­genwart nicht mehr erfassen. Als etwa 2009 neun Gemeinden des Val de Travers im Neuenburger Jura fusionierten, entstand dort zwar eine Gemeinde mit über 10'000 Einwohnern. Sie besteht aber aus lauter zerstreuten Dörfern oder Feldern und verfügt über kein eindeutiges Zentrum. Von einer Stadt kann keine Rede sein.

Speziell ist auch der Fall von Köniz. Der Berner Vorort ist mit 41 000 Einwohnern die viertgrösste Gemeinde des Kantons und die zwölftgrösste der Schweiz, er ist also eindeutig eine Stadt. Dennoch lehnten es die Einwohnerinnen und Einwohner 2004 in einer lokalen Abstimmung im Verhältnis von 10 zu 4 deutlich ab, Köniz künftig eine «Stadtgemeinde» zu nennen. Das vielteilige Köniz versteht sich weiterhin als Dorf und wird immer noch von einem Gemeindepräsidenten statt einem Stadtpräsidenten regiert.

Auch der Schweizerische Städteverband, die Lobbyvereinigung der Schweizer Städte, grenzt die Stadt noch durch eine minimale Einwohnerzahl vom Land ab. Der Verband nimmt schon Orte ab 5000 Einwohnern in seine Reihen auf, wenn diese gemäss Statuten «durch ihre Tradition und ihre Entwicklung städtischen Charakter haben». Zu den 131 Mitgliedern des Verbands gehören so auch der Kantonshauptort Appenzell oder Arosa, La Neuve­ville, Moutier und St. Moritz.

Wir wollten von Bernerinnen und Bernern wissen: Wo fängt für euch die Agglomeration an? Video: Florine Schönmann & Quentin Schlapbach

Die neue Definition von 2012

Mit seiner Publikation «Raum mit städtischem Charakter» hat das Bundesamt für Statistik (BFS) 2012 die Ära hinter sich gelassen, in der man Städte aufgrund der Einwohnerzahl und der Gemeindegrenzen definierte. Das BFS geht neu davon aus, dass Städte dynamische und veränderliche Zentren mit Bewohnern, Beschäftigten, Bildungs- und Kulturinstitutionen sowie Übernachtungsmöglichkeiten sind – und dass diese Städte eine räumliche Ausstrahlungskraft haben, die sich in einem wachsenden Agglomerationsraum mit Pendlerbewegungen abbildet.

Das BFS hat neben einem städtischen und einem ländlichen Raumtyp noch eine dritte Kategorie definiert: den «intermediären» Raum, der städtische wie auch ländliche Merkmale aufweist. Dort finden sich etwa ­grössere Orte ausserhalb der ­Ballungsräume wie Kirchberg bei Burgdorf.

Die Agglo und ihre Kerne

Die neuen Kategorien machen es nicht einfacher, einen Ort eindeutig der Stadt oder dem Land zuzuteilen. Im Gegenteil. Denn die neue Methode, mit der das BFS die Agglomerationen erfasst, erinnert an ein kompliziertes Vermessungsprogramm. Das Amt legt ein Gitter mit Rasterzellen von 300 auf 300 Meter Grösse über die ganze Schweiz. In jeder Zelle erfasst man die Mischziffer EBL, die sich aus Einwohnern, Beschäftigten und Logiernächten zusammensetzt.

Berühren sich genug Rasterzellen mit je 500 EBL, sodass sie eine Ballung von mindestens 15'000 EBL ergeben, dann spricht man von einer Agglomerationskernzone. Bildet ein solcher Kern mit seinen Vororten einen Raum von mindestens 20'000 Einwohnern, dann nennt das BFS diesen Raum ei­nen Agglomerationsgürtel. Alles klar?

Das Amt legt also neu zuerst eine gemeindeübergreifende Agglomeration fest. In diesem Raum checkt es dann ab, wo es städtische Kerne gibt. Eine Agglomeration kann mehrere ­Kerne haben wie etwa der Raum Visp-Brig oder Amriswil- Romanshorn am Bodensee. Eine Gemeinde gehört laut BFS dann zu einem Agglomerationsgürtel, wenn ein Drittel ihrer Beschäftigten in einen Agglomerationskern pendelt.

Das Bundesamt definiert noch eine weitere Kategorie: Kerne ausserhalb von Agglomerationen. Im Kanton Bern sind das Lyss, Langenthal, Burgdorf oder Spiez. Und wo ist nun das Land? Alle übrigen Gemeinden, die weder Teil einer Agglomeration noch Kerne ausserhalb einer Agglomeration sind, gehören zum «Raum ohne städtischen Cha­rakter».

Nach der Definition des BFS von 2012 gibt es im Kanton Bern vier Agglomerationen: Bern, Biel, Thun und Interlaken. 17 Berner Gemeinden gelten offiziell als städtisch: Es sind dies der Grösse nach: Bern, Biel, Thun, Köniz, ­Ostermundigen, Burgdorf, Steffisburg, Langenthal, Lyss, Muri, Spiez, Münsingen, Belp, Ittigen, Zollikofen, Münchenbuchsee und Interlaken.

Ist das noch Land? Oder schon Stadt? Oder ein Mix von beidem? Blick aus dem Grünen auf die Gäbelbach-Wohnblocks in Bern-West. Bild: Andreas Blatter

Verschiedene Raumtypen

Agglos, Stadt und Land nach der Methode des BFS minutiös mittels Planquadraten abzustecken, das kommt den Raumplanern ­allzu engräumig vor. «Die Aufteilung in Stadt und Land ist ein ­alter Zopf», schreibt das Bundesamt für Raumentwicklung in seiner Publikation «Forum Raumentwicklung» von 2015.

Das Amt hat unser Land deshalb im Jahr 2012 im «Raumkonzept Schweiz» in funktionale Grossräume unterteilt. Am städtischsten sind die drei Metropolitanregionen Zürich, Genf-Lausanne und Basel, am ländlichsten die Berggebiete. Für das Raumentwicklungsamt aber lassen sich selbst Berggebiete und urbane Wirtschaftszentren nicht sauber trennen, sie gehen ineinander über und sind wirtschaftlich ver­bunden.

Werden Stadt und Land durch die abstrakten Planspiele der Raumplaner besser erkennbar? Kaum. Vielleicht ist es ohnehin falsch, Stadt und Land auf der geografischen Landkarte verorten zu wollen.

Stadt und Land als Denkweise

Der in Huttwil aufgewachsene und nun in Zürich tätige Politgeograf Michael Hermann hält Stadt und Land für ein idealtypisches Gegensatzpaar zur Analyse von Volksabstimmungen – und für eine «Sehnsuchtsformel». Stadt und Land bezeichnen heute in Hermanns Augen Mentalitäten, Denkweisen und Milieus: «Städtisch bedeutet progressiv und offen gegenüber Wandel und Globalisierung. Ländlich meint konservativ und bewahrend und umfasst vor allem die von der SVP dominierten Regionen.»

Die beiden Lebenswelten lassen sich nicht sauber trennen. Auch auf dem Land leben Menschen, die offen sind für die Welt. In den Städten aber suchen Bewohner oft ein fast schon dörf­liches Gartenidyll. Besonders in den Agglomerationsgürteln haben die Bewohner laut Hermann bisweilen zwei Seelen in ihrer Brust: «Sie arbeiten in der Stadt, spüren aber dennoch eine Skepsis gegenüber der Stadt und wollen nicht dort wohnen.»

Die Agglomerationsgürtel sind für Michael Hermann «volatile Zonen». Je nach Abstimmungsthema setze sich dort mal die städtisch-weltoffene Haltung durch oder aber eine ländlich- bewahrende wie 2014 bei der SVP-Initiative gegen Masseneinwanderung.

Die Grüss- und Töffligrenze

Der Stadt-Land-Graben verläuft heute oft mitten durch die zersiedelte Aggloschweiz. Will man ihn lokalisieren, muss man vielleicht auf optische Signale statt auf Statistiken achten. Bei der Fahrt aus der Stadt hinaus in die Vororte erkennt man den Beginn des Landes daran, dass am S-Bahnhof die Jugendlichen plötzlich auf Mofas sitzen. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Grüssgrenze: Sagt man Passanten auf dem Trottoir guten Tag, dann hat man die städtische Anonymität hinter sich gelassen und ist auf dem Land. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.07.2017, 06:08 Uhr

BZ-Sommerserie

Mit den langen Ferien beginnt auch unsere Sommerserie. Das Thema lautet Stadt-Land. Zum Auftakt wird erläutert, wie städtisch und ländlich heute definiert wird. In weiteren Folgen widmen wir uns den Frisuren auf dem Land oder einem ­Städter auf der Alp.

Wir zeigen die schönsten Wanderrouten in der Stadt Bern und beliebte Ausflugsziele in ländlichem Gebiet. In den nächsten fünf Wochen erscheint täglich mindestens ein Artikel zum Thema Stadt-Land. Zum Abschluss werden wir am 12. August in einem Quiz Ihr Stadt-Land-Wissen testen. stü

Wo der Kanton Bern städtisch oder ländlich ist

Weil der Kanton Bern so viel­gestaltig und grossflächig ist wie kein anderer Schweizer Kanton, hat das kantonale Amt für Gemeinden und Raumordnung das ganze Kantonsgebiet in fünf Raumtypen unterteilt. Jede Berner Gemeinde wird einem dieser Typen und damit auch einer Unterteilung von Stadt und Land zugeordnet. Raumtyp 1 und 2 gelten als städtisch. Typus 1 sind die urbanen Kerngebiete der Agglomerationen mit den grossen Zentrumsgemeinden. Typus 2 umfasst die Agglomerationsgürtel und Zentrumsachsen mit Orten wie Lyss, Herzogenbuchsee oder Jegenstorf.
Die Raumtypen 3 bis 5 sind ländlich. Typus 3 umfasst zentrumsnahe ländliche Gebiete, wozu etwa Aarwangen, Frauenkappelen oder Krauchthal gehören. Typus 4 sind die Hügel- und Berggebiete mit Ortschaften wie Habkern, Ursenbach oder Oberlangenegg. Typus 5 sind die unbewohnten Hochgebirgslandschaften. svb

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