Nur jede sechste Gemeinde kann auf neues Bauland hoffen

Die meisten der 351 Gemeinden im Kanton Bern werden kein Land mehr einzonen können. Etwa jede sechste hat noch Chancen, schätzt der Kanton. Alle anderen müssen sich arrangieren mit dem, was sie haben.

Grafik: Daniel Barben


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In 167 der 351 Berner Gemeinden wohnen und arbeiten weniger Menschen, als der Kanton für ­angemessen hält. Dies ergibt eine exklusive Auswertung dieser ­Zeitung.

Fast die Hälfte aller ­Gemeinden unterschreitet also den Richtwert zur sogenannten Raumnutzerdichte ihres Raumtyps. Das ist für sich genommen kein Problem. Einigen Gemeinden dürfte dies auf den ersten Blick sogar recht sein.

Die meisten Gemeinden erhalten nichts mehr

Negativ zu spüren bekommen solche Gemeinden die adminis­trative Einordnung erst, wenn sie bei der nächsten Ortsplanungs-revision neues Bauland einzonen möchten. Dann müssen sogar noch mehr als diese 167 Gemeinden ihre Hoffnungen begraben, weil sie die kantonalen Vorgaben dazu nicht erfüllen. Dieses Schicksal trifft viele Gemeinden im Jura, im Oberaargau, im Seeland und im Berner Oberland.

«Unsere vorläufige Analyse ­ergibt, dass etwa 60 Gemeinden Bauland einzonen können», sagt Kantonsplanerin Katharina Dob­ler. «Matchentscheidend ist, wie viele unüberbaute Bauzonen Gemeinden noch haben.» Im Grossen und Ganzen gilt: Jetzt müssen vorhandene Reserven genutzt werden.

«Unsere vorläufige Analyse ergibt, dass etwa 60 Gemeinden Bauland einzonen können.»Kantonsplanerin Katharina Dobler

Das sind Parzellen, die heute noch nicht bebaut sind, oder solche, auf denen grössere Häuser gebaut werden können. 31 Gemeinden haben sogar zu grosse Reserven für die nächsten 15 Jahre. Sie stehen nun gegenüber dem Kanton in der Pflicht. Eigentlich müssen sie überzähliges Bauland auszonen.

Sogar die Stadt Thun ist betroffen

Weil der Richtwert für die Raumnutzerdichte je nach Raumtyp unterschiedlich hoch ist, trifft das Einzonungsverbot sogar Städte. Thun etwa wird das frühere Ideal der Gartenstadt mit ihren durchgrünten Siedlungen heute zum Verhängnis.

Ihr fehlen die Argumente gegenüber dem Kanton, der im Richtplan die strengeren nationalen Vorgaben gegen die Zersiedelung nun durchsetzt. Bevor Thun neues Bauland einzonen darf, muss die Stadt das ­bestehende Siedlungsgebiet besser nutzen, was in Thun mit ­Unverständnis quittiert wird.

Rund um die Städte herum, in den Agglomerationen also, unterschreiten etwa Port bei Biel, Spiez, Bolligen oder Matten bei Interlaken den Richtwert deutlich. Sie dürfen ziemlich sicher nicht mit neuem Bauland rechnen. Etwas weiter ausserhalb sind Diemtigen, Brienz, Niederbipp und Zweisimmen unterdurchschnittlich genutzt.

Das Siedlungsgebiet Bolligens wird nicht intensiv genug genutzt. Will Bolligen bauen, muss das wohl innerhalb des heutigen Siedlungsgebiets geschehen. Bild: Keystone

Tourismuszentren als Sonderfälle

Besonders auffallend ist die Diskrepanz zwischen Richt- und effektivem Wert bei den Tourismuszentren. Von den fünf Gemeinden dieser Kategorie (Adelboden, Grindelwald, Kandersteg, Lauterbrunnen und Lenk) erreicht keine den angepeilten Richtwert.

Dieser Umstand hat eine Vorgeschichte: «Diese fünf Gemeinden wollten, dass der Kanton ­ihnen ein höheres Bevölkerungswachstum zugesteht», erläutert Dobler. Im Richtplan sei man ­ihnen nun in mehrfacher Hinsicht entgegengekommen.

Für die Berechnung des Baulandbedarfs für Wohnungen wird laut Dobler ein Bevölkerungswachstum von 8 Prozent innerhalb der nächsten 15 Jahre angenommen, dies notabene in Regionen, wo die Bevölkerung in den vergangenen Jahren teilweise abnahm.

Der Kanton erwartet, dass die heute lose bebauten Dörfer hauptsächlich ihre unüberbauten Baulandreserven nutzen, wie Dobler ergänzt. Im Klartext: Neues Bauland wird es nicht geben. Denn die fünf als Tourismuszentren eingestuften Gemeinden haben zusammen fast doppelt so viel Bauland vorrätig wie die Stadt Bern – dies bei rund zehnmal weniger Einwohnerinnen und Einwohnern.

Auch andersherum gibt es Schwierigkeiten

Die Herausforderung von Gemeinden, die deutlich über dem Richtwert zur Nutzungsdichte liegen, muss aber nicht unbedingt kleiner sein. Selbst wenn der Kanton dort ein weiteres Wachstum begrüssen würde – bis 2045 erwartet er 170 000 zusätzliche Einwohner auf dem Kantonsgebiet –, reagiert dafür die ansässige Bevölkerung zunehmend skeptisch.

«Jene, die können, wollen nicht mehr wachsen, jene die wollen, dürfen nicht mehr.»Walter Wirz, Gemeindeplaner Ostermundigen

Ostermundigens Gemeindeplaner Walter Wirz, dessen Gemeinde den Richtwert um fast 50 Prozent übertrifft, fasst das Dilemma treffend ­zusammen: «Jene, die können, wollen nicht mehr wachsen, jene die wollen, dürfen nicht mehr.»

Insgesamt geht der Kanton Bern von 525 Hektaren zusätzlichem Bauland aus für die nächsten 15 Jahre. Das ist ein Drittel des bisherigen Zuwachses. Am idealsten wäre es gemäss dem Richtplan sowieso, wenn das künftige Wachstum gänzlich innerhalb des heutigen Siedlungsgebiets unterkäme. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.07.2017, 06:52 Uhr

Drei Kriterien

Für die sogenannte Raumnutzerdichte addiert der Kanton die Wohnbevölkerung und die Arbeitsbevölkerung. Diese Summe dividiert er anschliessend durch die Siedlungs­fläche. Der Kanton hat die Berechnungsmethode aufgrund kritischer Rückmeldungen zum Richtplan etwas milder ausgestaltet.

Profitiert davon haben vor allem ländliche Gemeinden, die sonst stärker ins Minus gefallen wären. Der Richtwert ist der Median sämtlicher vergleichbarer Gemeinden. Logischerweise befindet sich also die Hälfte der Gemeinde unter und die andere Hälfte über dem Schnitt.

Jede Gemeinde im Kanton Bern ist einem von sieben Raumtypen zugeordnet. Für die Kategorie Städte beträgt der Richtwert 158 Raumnutzer pro Hektare, für urbane Kerngebiete und Agglomerationen 85 Raumnutzer pro Hektare, für Zentren ausserhalb des urbanen Kern­gebiets und Zentren innerhalb der Agglomeration oder auf Entwicklungsachsen sind es 57 Raumnutzer pro Hektare, für Gemeinden im äusseren Agglomerationsgürtel und Tourismuszentren beträgt der Wert 53 Raumnutzer pro Hektare, zen­trumsnahe ländliche Gemeinden kommen noch auf 39 Raumnutzer pro Hektare, während Gemeinden im Hügel- und Berggebiet 34 Raumnutzer pro Hektare aufweisen sollten.

Die Raumnutzerdichte ist ein wichtiges Puzzleteil zur Berechnung des Baulandbedarfs für die nächsten 15 Jahre. Von zentraler Bedeutung ist zudem, wie stark die Siedlung gemäss Richtplan überhaupt noch wachsen soll. Thun, das zum Raumtyp «Städte» gehört, soll demnach um 12 Prozent zulegen. Bei Gemeinden, die dem Raumtyp «Hügel- und Berggebiete» zugeteilt sind, beläuft sich das zugestandene Wachstum auf noch 2 Prozent.

Ob am Ende der Kanton grünes Licht für neues Bauland gibt, hängt schliesslich davon ab, wie viel bereits eingezontes, aber noch unüberbautes Bauland vorhanden ist in einer Gemeinde.

Dort, wo der Kanton Entwicklungsschwerpunkte setzt, ist eine Abweichung von diesen Grundsätzen möglich.

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