Oberstes Gericht spricht heiligen Grund in Ayodhya den Hindus zu

Das Urteil nach jahrzehntelangem Streit wühlt Indien auf: Radikale Hindus hatten 1992 eine Moschee zertrümmert - nun darf dort ein Tempel gebaut werden.

Eine hinduistische Pilgerin betet im indischen Ayodhya vor einem Bild der Götter Rama, Rama, Sita und Lakshman.

Eine hinduistische Pilgerin betet im indischen Ayodhya vor einem Bild der Götter Rama, Rama, Sita und Lakshman.

(Bild: Keystone)

Arne Perras@tagesanzeiger

Die obersten Richter Indiens liessen sich lange Zeit mit ihrem Urteil zu Ayodhya, und das ist kein Wunder. Kaum ein Ort im Land ist religiös und politisch so aufgeladen, kaum ein Ort hat eine so grosse Sprengkraft für den inneren Frieden. Wie unter einem Brennglas zeigen sich in Ayodhya die Bruchlinien der indischen Gesellschaft. Wenn hier die religiösen Spannungen zwischen Hindus und Muslimen eskalieren, dann erfassen die Schockwellen solcher Eruptionen den ganzen Subkontinent mit mehr als einer Milliarde Menschen.

Es geht um Land, das mehreren Gruppen heilig ist, und um die Frage, welche Gläubige wo beten und wo bauen dürfen. Indiens Verfassungsgericht hat dazu nun das letzte und juristisch massgebliche Wort gesprochen, indem es den zähen Streit um den umkämpften Grund und Boden in Ayodhya rechtlich entschieden hat.

Die Richter sprachen das umstrittene Areal demnach komplett den Hindus zu, die den Ort als Geburtsstätte ihrer Gottheit Ram verehren. Den Muslimen, deren Herrscher einst im 16 Jahrhundert an gleicher Stelle eine Moschee errichteten, wird nun ein anderes Stück zugeteilt, wo sie für sich eine neue religiöse Stätte errichten können.

Ayodhya ist ein Ort, an dem der indische Säkularismus eine seiner finstersten Stunden erleben musste. Die Bilder von Dezember 1992 sind nicht vergessen, sie gingen um die ganze Welt. Damals stürmten Zehntausende eifernde Hindus die Babri-Moschee in Ayodhya, der Mob zertrümmerte in wenigen Stunden das gesamte historische Gotteshaus.

Die Attacke löste blutige Unruhen zwischen den Religionsgruppen in mehreren Teilen Indiens aus, 2000 Menschen starben. Es war der Sündenfall, vor dem sich die gemässigten Kräfte immer fürchteten – der Triumph der Radikalen setzte ein gefährliches Zeichen. Seither legte der Staat den Konflikt auf Eis. Dass nun ein Urteil fiel, war einerseits überfällig, andererseits wird dürfte es aber auch alte Wunden aufreissen.

Schon seit Langem lagern in Ayodhya die Blöcke für den Tempelbau

Der Staat weiss um die Brisanz und liess Ayodhya in eine Hochsicherheitszone verwandeln, um den möglichen Ausbruch von Unruhen zu verhindern. Hindus rechneten seit langem damit, dass das Urteil ihnen den Weg frei machen würden für den Bau eines Ram-Tempels. Sie glauben, dass die Babri Moschee einst auf einem alten Hindu-Heiligtum errichtet worden war. Wer Ayodhya in den vergangenen Jahren besuchte, konnte mit Steinmetzen reden, die schon alle Teile für einen neuen Hindu-Tempel fertig gemeisselt und verziert haben. Die Blöcke lagern in grossen Bauhöfen in Ayodhya, die Baupläne sind fertig, seit Jahren schon.

Angesichts der Tragweite des Urteils wurden in Uttar Pradesh ein generelles Versammlungsverbot verhängt. Zudem wurden in dem Bundesstaat vorsorglich alle Schulen bis Montag geschlossen und Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Tausende Polizisten und paramilitärische Einheiten patrouillierten am Tag des Urteils, um mögliche Gewalt schon im Keim zu ersticken. Premier Narendra Modi hatte zuvor zur Ruhe aufgerufen und erklärte, wie immer das Urteil ausfalle, dass es für «niemanden Sieg oder Niederlage sein» werde.

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