«Ich habe fertig. Für immer.»

Bern

Vor seinem Tod hat Alexander Tschäppät einen berührenden Brief an die Trauernden geschrieben. Verlesen wurde er von seiner Lebenspartnerin Christine Szakacs.

Ausschnitte aus der Abdankungsfeier für Alexander Tschäppät. Ab Minute 3:00: Christine Szakacs verliest den Abschiedsbrief Ab Minute 8:25: Bundesrätin Simonetta Sommaruga Ab Minute 13:10: «W. Nuss vo Bümpliz»

Geschätzte Anwesende

Zu Beginn dieses Jahres machten wir uns im Freundeskreis Gedanken, wie nach meinem Tod ein Gedenkgottesdienst im Berner Münster aussehen könnte. Wir sprachen von Orgelmusik, wir sprachen von Blumen, von Trompeten und von Büne Hubers «W. Nuss vo Bümpliz». Wir sprachen von der Predigt. Und wir sprachen von Reden.

Als einer, der viel und oft reden durfte, wurde mir klar, dass dies ein Anlass sein würde, an dem ich nichts mehr zu sagen habe. Gleichzeitig merkte ich, dass es mir wichtig ist, mich von euch, die ihr euch heute hier versammelt habt, mit ein paar wenigen Worten zu verabschieden. Ich möchte von jenen Menschen Abschied nehmen, mit denen ich in den 66 Jahren, die mir gegönnt waren, eine Strecke meines Weges gemeinsam gehen durfte.

Am eigenen Begräbnis zu reden oder reden zu lassen, ist eine heikle Sache. Sie bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen Selbstüberschätzung und Pflichtgefühl.

Zwischen Aufrichtigkeit und Schönfärberei.

Zwischen Souveränität und Unbeholfenheit.

Zwischen Vermächtnis und Verlegenheit.

Zwischen Erleichterung und Schmerz.

Zwischen Angst und Gottvertrauen.

Und zwischen vergeblicher Hoffnung und einer beunruhigenden Gewissheit. Es ist die Gewissheit um das Unbekannte, Ungesicherte und das möglicherweise gänzlich Bodenlose, das uns alle erwartet.

Der Tod war mir immer fern und fremd. In seiner Konsequenz blieb er diffus, nicht zu fassen, im Grunde undenkbar. Vor dem Tod hatte ich nie wirklich Angst. Angst hatte ich vielmehr vor dem Sterben. Ich hatte Angst, Unerledigtes zurückzulassen. Unbesprochenes. ­Unausgesprochenes.

Das Sterben ist nun vorbei. Ich habe fertig. Diesmal für immer.

Vielen von euch, die sich die Zeit genommen haben, heute hier zu sein, war ich in den letzten 20 Jahren persönlich und über meine Ämter hinaus freundschaftlich verbunden. Mit anderen lag ich im vehementen Diskurs. Uns alle verband das Ringen um eine Idee, das Wissen um Verbundenheit und Verbindlichkeit.

Oft erlebte ich ein Miteinander, das von Respekt, Anerkennung und Wertschätzung geprägt war. Wenn Enttäuschungen und Verletzungen geschahen, durfte ich auf Freunde zählen und auf meine Familie.

16 Jahre durfte ich die Geschicke dieser unserer Stadt mitbestimmen. Die Geschicke der schönsten Stadt der Welt. Ihr werdet diese Arbeit nun ohne mich tun. Ich wünsche mir und euch, dass dies gelingt.

Ich wünsche uns allen, dass Aufrichtigkeit die gemeinsamen Anstrengungen bestimmt, Leidenschaft und das Wissen, dass im öffentlichen Leben das kostbarste Gut, das wir verlieren können, die politische Kultur ist. Die gegenseitige Achtung. Der Umgang miteinander. Und das Vertrauen der Menschen zueinander und in die Welt.

Die letzten Momente im Leben sind nicht von ungefähr Momente von Verstehen, von Dankbarkeit und von Ver­söhnung. Ich bitte euch, die Hand, die ich euch nicht mehr geben kann, anzunehmen, um ein letztes Mal Adieu zu sagen. Oder um Frieden zu schliessen.

Ich danke euch dafür herzlich.Euer Alexander Tschäppät

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