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Drei Generationen von fein gestrickter Normalität

Türkisblau leuchtet Denny die gesuchte Spule entgegen: Aus diesem Zwirn hatte Dennys Mutter in den Sechzigern den Hochzeits-Dashiki für seinen Vater Red genäht. Konventionen waren was für Langweiler. Aber jetzt ist 2012, eine Zeit der Angepasstheit, und Reds vier erwachsene Kinder sind gar nicht erfreut, dass ihr Vater den knalligen Kaftan zum Begräbnis der Mutter tragen will. Nur Denny, das schwarze Schaf der Familie, ist bereit, das altersschwache Stück für den traurigen Anlass herzurichten.

«Ich hab die hohle Hand ans Fach gehalten, und die Garnrolle ist hineingefallen», erzählt Denny später. Der Agnostiker in ihm ist ebenso perplex über die kleine Epiphanie wie darüber, dass er sie seiner christlichen Schwägerin anvertraut. Diese Passage, die im Finale gerade mal eine halbe Seite füllt, gab dem 450-seitigen Buch den Titel: «A Spool of Blue Thread». Wie sie gewirkt ist, das Unfassbare integriert, ist exemplarisch fürs Buch, für Tylers Œuvre, ja, für klassische Middlebrow-Literatur überhaupt.

Just als wir Windhund Denny aufgeben, rutscht mit der Spule ein Zeichen der Versöhnung in den Text. Es verweist – gekonnt unaufdringlich – auf die lange Vorgeschichte verfehlten Liebens und Strebens: Einen ideologisch aufgeladenen Streit um blaue Farbe gab es schon bei Dennys Grosseltern. Tausend Bedeutungshöfe tun sich auf, als die Spule springt: so viel Raffinement in so einer Marginalie! Der Roman, der um Dennys in die Demenz abgleitende Mutter rotiert, besteht aus lauter solchen Marginalien. Unmerklich, wie beim Stricken eines Pullis mit hochkompliziertem Muster, wächst ein dichtes Ding heran: das stimmige Bild einer Familie im Laufe dreier Generationen. Die Durchschnittsmenschen aus Tylers literarischem Urort Baltimore verhandeln zivilisiert Ehekrise, Kinderleid, Altersverlorenheit.

Die Grande Dame des Familienromans gibt das vertraute Programm: die Ambivalenz der Bürgerlichkeit, die sich selbst seziert und daran delektiert; den amerikanischen Traum und sein Scheitern. Behaglich sei diese Literatur sogar beim Schildern des Untergangs, sagen zwar Zweifler. Doch die Bestsellerautorin schafft tolle Tränendrüsenaugenblicke mit ethischem Mehrwert; wohliges Weh ist ihr emotionaler Soundteppich.

Die (nicht religiöse) Quaker-Tochter Tyler findet, dass zu wenig nette Normalos – Middlebrows – in der Literatur vorkommen, und schafft Abhilfe. 1967 zog sie nach Baltimore, in eine «modrige Gegend der oberen Mittelschicht voller alter Damen», erinnert sie sich gern. «Ich begann, darüber zu schreiben.» In den Achtzigern folgten Verfilmungen und Preise, etwa für «Dinner at the Homesick Restaurant». Nick Hornby bekannte damals, als Autor die männliche Version von Anne Tyler sein zu wollen, und John Updike verkündete: «Diese Autorin ist nicht nur gut, sie ist verteufelt gut.»

Ja, das ist sie. Wie sie die Disharmonien des Lebens in harmonische Literatur überführt, berührt uns, oft gar contre cœur. 1936 verliebt sich Reds Vater in ein Haus; allein die Geschichte rund um die Villa, auf deren Veranda alles geschieht, ist wie ein geschmeidiges «well-made play». Tyler hat es hier wieder getan: das Leise, stilistisch und thematisch Unauffällige, auch in den Abgründen affirmativ Gutmenschliche; das Feingestrickte. Wie wir anhand ihres «Fadens» durchs Labyrinth des Liebens wandern: Das drückt unsere Leselustknöpfe! (ked)

Anne Tyler: Der leuchtend blaue Faden. Aus dem Englischen von Ursula Mössner. Kein & Aber, Zürich 2015. 447 S., 30 Fr.

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