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Die Frauen und das Stöckli

Die ausgewogene Vertretung der Geschlechter ist eines der dominierenden Themen im Wahlkampf. Für die Berner Ständeratssitze kandidieren prominente Frauen. Eine, vielleicht auch zwei könnten Erfolg haben.

Historischer Moment: Die Bieler FDP-Vertreterin Christine Beerli wird 1991 als erste Berner Ständerätin vereidigt.
Historischer Moment: Die Bieler FDP-Vertreterin Christine Beerli wird 1991 als erste Berner Ständerätin vereidigt.

Die erste Frau, die als Bernerin in den Ständerat gewählt wurde, setzte sich gegen eine andere durch. Die liberale Seeländerin Christine Beerli liess im zweiten Wahlgang ihre Konkurrentin hinter sich: Leni Robert (Freie Liste), die als erste Frau im Berner Regierungsrat in Erinnerung bleibt.

Nach ihrer Wahl ins Stöckli vor 28 Jahren war sie zur ersten Sitzung nicht zugelassen: Weil der Grosse Rat erst über die Wahlbeschwerden entscheiden musste. Es lag freilich nicht an der 38-jährigen Freisinnigen. Vielmehr hatten 74 Gemeinden das ausseramtliche Wahlmaterial nicht vorschriftsgemäss separat verschickt.

Die Frauen und die kleine Kammer – das ist auch heute keine Liebesgeschichte. Der Anteil der Frauen unter den Kantonsvertretern ist seit 2003 rückläufig. Derzeit gibt es so wenige Ständerätinnen wie seit der Wahl von Christine Beerli nicht mehr: nurmehr sechs Politikerinnen sitzen im 46-köpfigen Gremium. Das entspricht einer Quote von 13 Prozent.

Der Kanton Basel-Stadt ist der einzige, der in Person von Anita Fetz (SP) ausschliesslich von einer Frau vertreten wird. Acht Kantone hatten überhaupt noch nie eine Parlamentarierin im Stöckli. Zürich, Genf und Aargau sind auf der anderen Seite der Rangliste. Erstere beide Kantone werden seit den 70er-Jahren auch von Frauen vertreten, letzterer stellte gar eine weibliche Zweierdelegation.

Die Machtstruktur

Isabelle Stadelmann-Steffen, Professorin für Vergleichende Politik am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern, führt diese Ungleichheit nicht zuletzt auf das Angebot zurück, weniger auf die Nachfrage. Es sei nicht so, dass Frauen viel weniger gewählt werden, sondern vor allem seltener zur Wahl anträten. Die Machtstruktur hat ebenfalls Einfluss: Im Ständerat sind mehrheitlich bürgerliche Parteien, bei denen Frauen ohnehin schwächer vertreten sind.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Ständerat künftig die Schweizer Bevölkerung besser abbildet, wenn im Oktober dieses Gremium neu bestellt wird, ist nicht gross: Fünf der sechs amtierenden Ständerätinnen stellen sich nicht mehr zur Wahl. Die Thurgauerin Brigitte Häberli-Koller (CVP) tritt als Einzige wieder an.

Das Mehrheitspotenzial

Im Kanton Bern verteidigt mit Hans Stöckli ein Mann den SP-Sitz. Nachdem der zweite Berner Ständerat Werner Luginbühl (BDP) verzichtet, hat die SVP Werner Salzmann lanciert, um diesen Sitz zurückzuholen. Die BDP selber schickt Regierungsrätin Beatrice Simon ins Rennen. Sie steht als aussichtsreichste Anwärterin inmitten mehrerer prominenter Kandidatinnen: Nationalrätin und Grüne-Präsidentin Regula Rytz, die liberale Nationalrätin Christa Markwalder, GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy sowie EVP-Nationalrätin und -Präsidentin Marianne Streiff-Feller.

Für sie als Frauen ist es grundsätzlich schwieriger, den Sprung ins Stöckli zu schaffen. Das liege daran, dass Ständeratswahlen Majorzwahlen seien, erklärt Isabelle Stadelmann-Steffen. «Die Hürde, eine Mehrheit an Stimmen zu erreichen, ist für Frauen tendenziell schwieriger zu überspringen als für Männer, gerade in einem bürgerlichen Umfeld.»

Zudem müssten sich die Kandidierenden während einer Majorzwahl – wenn die Persönlichkeit im Vordergrund steht – auch persönlich stärker exponieren. «Damit bekunden Frauen tendenziell mehr Mühe.» Deshalb seien Kandidatinnen eher in Proporzwahlen erfolgreich, wenn die Parteienstärke entscheidend ist. Nicht zuletzt zieht der männlich geprägte Politbetrieb traditionell auch mehr Männer an.

Eine Frage der Dynamik

Zumindest war das bisher so. Für diese nationalen Wahlen wurde die Frauenwahl ausgerufen. «Dieses Thema war noch nie so präsent wie vor diesen Wahlen», stellt Stadelmann fest. Sie glaubt: «Es kann die bestehenden Muster aufweichen.»

Wozu führt das? «Das wissen wir erst, wenn die Wahlen durch sind.» Stadelmann verweist auf die überparteiliche Kampagne «Helvetia ruft», mitlanciert von Kathrin Bertschy, die viele Kandidatinnen auf den Plan brachte. Gegen 600 Frauen haben online ihr Interesse an einer Kandidatur bekundigt.

Wenn mehr Frauen kandidieren, werden auch mehr Frauen gewählt: Für Stadelmann eine einfache Gleichung. Der Klimawandel als Thema sei der Frauenwahl ausserdem nicht abträglich, weil das links-grüne Lager weiblicher und Frauen gemäss Umfragen grundsätzlich ökologischer eingestellt seien. «Wahlen sind immer das Resultat von aktuellen Strömungen.»

Dass die grüne und weibliche Mobilisierung alle geltenden Gesetzmässigkeiten für eine Ständeratswahl aushebelt, hält Stadelmann nicht für sehr wahrscheinlich. Hans Stöcklis «Bisherigenbonus» als amtierender Ständerat wiege wohl schwer. Schwerer als sein gesetztes Alter von 67 Lenzen.

Als Bisheriger schmälere Stöckli etwa die Chancen von Regula Rytz, die als prominente Grüne von beiden Themen getragen werde. Die grosse Frage sei, wie gut Rytz in ländlichen Gebieten abschneiden werde. Kommt es zu einem zweiten Wahlgang, womit Stadelmann rechnet, wird sich gemäss Abmachung der oder die Unterlegene aus dem links-grünen Zweierticket zurückziehen.

Die Nähe zur Mitte

Nebst dem «Bisherigenbonus» ist entscheidend, ob Kandidierende kantonale Mehrheiten auf sich vereinen können. Beatrice Simon hat das als wählerstarke Regierungsrätin mehrfach geschafft. Gleichzeitig ist sie in der Mitte positioniert, ein Pluspunkt in einer Majorzwahl. Je weiter weg von der Mitte, desto geringer sind die Chancen, ins Stöckli einzuziehen.

Christine Beerli (FDP) als erste und Simonetta Sommaruga (SP) als zweite Berner Ständerätin galten als Brückenbauerinnen und waren weit über das eigene Lager wählbar. Auch sagt man beiden nach, dass sie nicht strikt auf Parteilinie waren. Diese Eigenheit, Politikern manchmal als Nachteil angelastet, kann in diesem Fall also hilfreich sein.

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