Region Bern–

Bremsen Aktionen die Gemeinden?

Region Bern–Fast alle Gemeinden verkaufen Tageskarten für den öffentlichen Verkehr. Vielerorts sinkt jedoch die Nachfrage: Sparangebote der SBB oder Aktionen von Detaillisten schmälern den Absatz der Gemeinden.

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Vielen Gemeinden fällt es zunehmend schwer, ihre Tageskarten loszuwerden. Zum Beispiel Lan­diswil und Arni. Anfang Jahr ­besassen sie noch jeweils fünf ­Tageskarten, verwaltet von der Raiffeisenbank Worblen-Emmental.

Diese teilte den Gemeinden jedoch mit, dass sie sich nur noch bis im März um den Verkauf der Tageskarten kümmern will. Eine Erklärung liefert Margrit Zürcher, Gemeindeschreiberin in Landiswil: «Die Nachfrage bei den Tageskarten ist generell zurückgegangen.» Ein Grund dafür könnten Aktionen der Detaillisten sein, vermutet Zürcher.

«Seit die SBB Spartageskarten ein­geführt haben, ist die Nachfrage teilweise spürbar zurückgegangen.»Ueli Müller, Bern

Nachfrage gesunken

Auch andere Gemeinden klagen. «Seit die SBB Ende letzten Jahres Spartageskarten eingeführt haben, ist die Nachfrage teilweise spürbar zurückgegangen», sagt Ueli Müller, Leiter Fachstelle ­öffentlicher Verkehr der Stadt Bern.

Neben Sparangeboten der SBB oder der Detaillisten können weitere Faktoren die Nachfrage schmälern: «Im Januar und Februar war das Wetter schlecht, weshalb die Menschen wohl ­weniger Ausflüge unternahmen. Dementsprechend ist in diesem Zeitraum die Nachfrage zurückgegangen», erklärt Regula Leuenberger von der Verwaltung in ­Köniz.

Konsequenzen gezogen

Angesichts der sinkenden Nachfrage zogen die Verantwortlichen in Arni und Landiswil die Reissleine. Die Gemeinden kooperieren nun mit Biglen – und haben das Angebot reduziert. Nur noch vier Tageskarten sind erhältlich, jeweils eine von Arni und Landiswil finanziert, die zwei anderen bezahlt Biglen.

Andere Gemeinden handelten ebenfalls: Wegen der geringen Nachfrage und des befürchteten Defizits schufen Walkringen und Frauenkappelen die Tageskarten ab. Weniger drastisch gingen andere Gemeinden vor: Sie führten Last-Minute-Angebote ein – vergünstigte Tageskarten für Kurzentschlossene.

Jüngstes Beispiel ist Köniz. Seit kurzer Zeit können Tageskarten am Gültigkeitstag für 25 statt 49 Franken bezogen werden. «Wir haben das Modell bei anderen Gemeinden gesehen und halten es für eine gute Idee», sagt Regula Leuenberger.

Eine davon ist Konolfingen. Das Angebot stosse bei der Bevölkerung auf Anklang, schreibt die Gemeinde. Nicht zuletzt deshalb sei die Auslastung der Tages­karten in den letzten Jahren gestiegen – und liegt nun bei rund 97 Prozent.

Auch die Stadt Bern will etwas gegen die tiefe Auslastung unternehmen. Die Quartierzen­tren, die in der Stadt Bern die Tageskarten vertreiben, verkaufen sie ab Herbst an gewissen Tagen für 45 Franken. Regulär kosten sie 51 Franken.

Kalkulation angepasst

Mit 51 Franken gehört die Stadt Bern zu den teuersten Anbietern. Ueli Müller begründet dies mit dem hohen Vertriebsaufwand der Quartierzentren. «Gemeinden, die nur eine kleine Anzahl an Tageskarten verkaufen, können anders kalkulieren.»

Ein Set an Tageskarten kostet die Gemeinden 14'000 Franken. Neben Ausgaben für den Vertrieb und das Personal fallen je nachdem Kosten für das Reservationssystem an. Nicht alle Gemeinden kalkulieren diese Kosten ein. Sie versuchen, die Nachfrage mit dem Preis zu lenken. So etwa Moosseedorf.

«Wir haben festgestellt: Je höher der Preis ist, desto tiefer ist die Auslastung.»Nadine Schneider, Moosseedorf

«Wir haben fest­gestellt: Je höher der Preis ist, desto tiefer ist die Auslastung», erklärt Nadine Schneider, stellvertretende Leiterin der Verwaltung. Die Gemeinde verkauft die Tageskarten deshalb für vergleichsweise günstige 37 Franken. Zwar verursacht dies ein jährliches Defizit – mit 98 Prozent ist dafür die Auslastung hoch.

Die Erfahrung, dass höhere Preise der Nachfrage schaden, hat Kehrsatz gemacht. Die Gemeinde erhöhte den Preis im letzten Jahr auf 45 Franken. Seither sei die Nachfrage gesunken.

Defizit ausgewiesen

Die Tageskarten aus dem gemeinsamen Pool von Biglen, ­Arni und Landiswil kosten im Moment 40 Franken. Doch nicht mehr lange.

«Eigentlich hätten wir bereits nach der letzten Preiserhöhung mehr verlangen müssen.»Ferdinand Zürcher, Biglen

Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember steigt der Preis auf 45 Franken. «Eigentlich hätten wir bereits nach der letzten Preiserhöhung mehr verlangen müssen», erklärt Ferdinand Zürcher von der Gemeindeverwaltung in Biglen. Denn trotz einer Auslastung von über 90 Prozent habe es erstmals ein kleines Defizit gegeben – ohne dass dabei der Verwaltungsaufwand berücksichtigt ist. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.07.2018, 22:59 Uhr

Nutzungsbedingungen - Gemeinden werden kontrolliert

Gemeinden müssen bei der Vergabe von Tageskarten gewisse Regeln beachten. So sollten die Karten eigentlich nur an Einheimische verkauft werden.

Die nationale Tariforganisation CH direct koordiniert die Vergabe der Tageskarte Gemeinde. Dabei unterstehen die Gemeinden einigen Nutzungsbedingungen.

Die Tageskarte ist kontingentiert. Je nach Einwohnerzahl stehen den Gemeinden unterschiedlich viele Tageskarten zu. Mit bis zu 2000 Einwohnern besteht ein Anspruch auf zwei Karten. In der nächsten Kategorie mit bis 9999 Einwohnern fünf; mit bis 49 999 zehn. Städte mit unter 100 000 Einwohnern dürfen 25 bestellen, grössere Städte 50. Dabei gibt es aber Ausnahmen. So verfügt Kehrsatz mit rund 4300 Einwohnern über sechs Tageskarten. Solche Gemeinden würden von einer Art Besitzstandsgarantie profitieren, erklärt ­Sabine Krähenbühl von CH direct. Denn hatten die Gemein­den vor Einführung der Kon­tingentierung mehr Tages­karten, als ihnen heute zustehen, dürfen sie diese weiterhin behalten.

Nur Gemeinden dürfen die Tageskarten verkaufen. Ausnahmen – für Städte oder kleine Gemeinden – bedürfen einer ausdrücklichen schriftlichen Bewilligung der SBB. So wie sie beispielsweise die Stadt Bern hat, wo die Karten in Quartierzentren verkauft werden.

Gemeinden dürfen ihre Tageskarten nur an Einheimische verteilen. Um dies zu überprüfen, führen die SBB Stichproben durch, sagt Krähenbühl. «Bekannte Fälle schreiben wir an und weisen sie auf die AGB hin.» Auch rechtliche Schritte seien vorbehalten – was bis anhin jedoch nie nötig gewesen sei.

Viele Gemeinden weichen von der Vorgabe ab, Tageskarten nur an Einheimische zu verkaufen. «In letzter Zeit stellen wir einen zunehmenden Vertrieb über Internetseiten fest. Dort werden Tageskarten auch an auswärtige Einwohner verkauft. Dies ist nicht im ­Sinne der ÖV-Branche», schreibt CH direct.

Die Gemeinden haben ihre Gründe: «Die Tageskarten verkaufen wir nicht nur an Einwohner, da die Auslastung zu tief wäre und wir das Angebot dadurch nicht mehr anbieten könnten», schreibt zum Beispiel die Gemeinde Laupen. js

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