Medienkompetenz ist heute Glückssache

Ob Schülerinnen und Schüler heute Lern-Apps, Social Media oder Tablets im Unterricht nutzen, hängt stark davon ab, ob ihre Lehrperson mit neuen Medien und modernen Technologien umgehen kann.

Tablets sollen im Unterricht wie Bleistifte, Papier oder Bücher zum Lernen genutzt werden.

Tablets sollen im Unterricht wie Bleistifte, Papier oder Bücher zum Lernen genutzt werden.

(Bild: karelnoppe)

Lucie Machac@liluscha

Am einfachsten lernen Kinder im Spiel. Entwickler von digitalen Lehrmitteln haben sich dies zu Herzen genommen und den kindlichen Entdeckungsdrang genutzt, um Schülerinnen und Schüler zum Lesen, Rechnen oder Fremdsprachenlernen zu motivieren. Mit der App «Appolino» des Lehrmittelverlags St.Gallen zum Beispiel können Fünf- bis Zehnjährige auf Tablets Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Die Lern-Apps sind interaktiv und multimedial, die Lerneinheiten finden auf dem Bauernhof oder im Zoo statt, und die Apps passen sich dem individuellen Lerntempo des Kindes an. Laut stellvertretendem Verlagsleiter Heiko Kahl sei «Appolino» sowohl für die Förderung von Begabten als auch Lernschwachen geeignet und könne in Schulen ergänzend zum traditionellen Unterricht eingesetzt werden.

Übergangsphase

Fragt sich bloss: Wie viele Lehrkräfte nutzen solche neuen digitalen Möglichkeiten im Unterricht tatsächlich? Bei «Appolino» kann Kahl für die Schweiz keine Zahlen nennen, da die App von mehreren Onlinestores vertrieben wird und weltweit heruntergeladen werden kann. Fakt ist jedoch, dass die digitale Revolution nur sehr langsam Einzug in den Schulalltag hält. Einer der Gründe: Neuen Technologien begegnet man allgemein mit Skepsis oder gar mit Angst.

«Im Unterricht befinden wir uns in einer Übergangsphase vom analogen ins digitale Zeitalter», sagt Kurt Reber, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medienbildung der Pädagogischen Hochschule (PH) Bern. Deshalb sei die Haltung und der Wissensstand der Lehrpersonen in den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) sehr unterschiedlich. Wie intensiv ein Schüler oder eine Schülerin heute in der Nutzung von ICT trainiert wird, hänge stark von der digitalen Affinität und vom Engagement und der jeweiligen Lehrperson ab.

Überforderte Lehrkräfte

Dabei ist ICT seit 1995 im Lehrplan des Kantons Bern integriert, seit 2004 hat jede Schule im Kanton Bern ICT-Verantwortliche. Zu deren Pflichtenheft, das von der Erziehungsdirektion des Kantons Berns 2012 neu formuliert wurde, gehören vor allem pädagogische Aufgaben: ICT-Verantwortliche beraten Lehrpersonen bei der Nutzung der neuen Medien als Lehr- und Lernmittel und koordinieren die ICT-Kompetenzen der Schüler auf verschiedenen Schulstufen. Die ICT-Verantwortlichen selbst werden an der PH Bern weitergebildet. Zum breiten Angebot gehöre unter anderem die Nutzung von Youtube im Unterricht oder Anleitungen, wie Schüler Fragen zu Hausaufgaben über Facebook stellen und Lehrer beantworten können, erläutert Reber.

Demgegenüber: Der Gebrauch von Handys ist an vielen Berner Schulen verboten, und es gibt Empfehlungen, Social Media für die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern nicht zu nutzen. Letztere scheint vor allem eine präventive Massnahme, um digital überforderte Lehrkräfte zu schützen. Dass es zurzeit keine einheitliche Regelung in diesem Bereich gibt, ist für Reber in Zeiten des Umbruchs jedoch normal.

Umdenken muss stattfinden

Neue Medien würden heute im Unterricht vor allem als Informationsquelle genutzt, bei Lern-Apps oder multimedialen Lernbausteinen hinke man der digitalen Entwicklung hinterher, sagt Christian Dietz, Koordinator der Schulinformatikplattform der Stadt Bern Base4kids und ICT-Verantwortlicher an der Berner Schule Lorraine. Man übertrage oft analoge Lernmethoden wie etwa Karteikarten zum Wörtlilernen einfach auf den Computer – und schöpfe damit die vielen Möglichkeiten der digitalen Welt überhaupt nicht aus. Wie beim Französischlehrmittel «Mille Feuille» sei es momentan üblich, die digitale Version auf CD lediglich mit zusätzlichen Dokumenten, Audiosequenzen, Videoclips oder Tests anzureichern. «Es braucht erst ein Umdenken in den Köpfen», ist Dietz überzeugt. Das Gleiche gilt auch für den Einsatz von Tablets im Unterricht. Es gehe eben nicht darum, dass Schüler, die schneller mit einer Aufgabe fertig sind, noch ein bisschen «iPadlen» dürfen. «Es geht darum, Tablets genauso wie analoge Werkzeuge wie Bleistift, Papier oder Bücher zum Lernen zu nutzen.» Der erste Schritt dazu ist getan: In der Stadt Bern ist seit letztem Sommer ein Pilotprojekt im Gang, bei dem ausgewählte Klassen mit Tablets arbeiten.

Viele Unsicherheiten

Dass der Umgang mit ICT und neuen Medien noch keine Selbstverständlichkeit ist, hängt stark mit den vielen Unsicherheiten seitens der Lehrkräfte zusammen. So gebe es laut Dietz Lehrpersonen, die in ihren Fächern kaum das Internet nutzen, und andere, die im Fach Werken bereits mit 3-D-Druckern arbeiten. Eine einheitliche Aus- oder Weiterbildung für Lehrkräfte gibt es heute nicht.

Wie der ICT-Unterricht heute an Berner Schulen umgesetzt wird, überprüft zwar das Berner Schulinspektorat, doch angesichts der heterogenen Situation ist es schwierig, verbindliche Massnahmen zu formulieren. Diese Regellosigkeit will der Lehrplan 21 bereinigen (siehe Box): Im Bereich ICT und neue Medien ist zurzeit eine Arbeitsgruppe daran, Vorschläge für die nötige stufengerechte Struktur und eine einheitliche Ausbildung der Lehrkräfte auszuarbeiten.

Berner Zeitung

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