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Biel ist der neue Wallfahrtsort für Walser-Fans

Seit kurzem ist die Robert-Walser-Sculpture am Bieler Bahnhofplatz öffentlich zugänglich. Auf der inklusiven Installation findet jeden Tag eine Vernissage statt.

Der Berner Künstler Thomas Hirschhorn erklärt am Bieler Bahnhofplatz seine Robert-Walser-Sculpture.
Der Berner Künstler Thomas Hirschhorn erklärt am Bieler Bahnhofplatz seine Robert-Walser-Sculpture.
Enrique Muñoz García
Künstler Chri Frautschi und Barbara Meyer Cesta machen Pause.
Künstler Chri Frautschi und Barbara Meyer Cesta machen Pause.
Enrique Muñoz García
Wanderschuhe und andere Devotionalien erinnern an Walser.
Wanderschuhe und andere Devotionalien erinnern an Walser.
Enrique Muñoz García
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«Er begehrte meine langen, roten Fingernägel. Ich begann, ihm meinen Tiger zu zeigen, und fing an zu kratzen und zu beissen.» So und noch viel derber beschreibt die Bieler Ex-Domina Lady Xena ihre Begegnung mit einem masochistischen Freier. Auszüge aus ihren Aufzeichnungen kann man zurzeit in der Installation Robert-Walser-Sculpture des Berner Künstlers Thomas Hirschhorn am Bieler Bahnhofplatz lesen.

Was hat ein Monument für den Bieler Schriftsteller mit devoten Fantasien zu tun? Der psychiatrieerfahrene Robert Walser (1878–1956), der Romane wie «Geschwister Tanner» und «Der Gehülfe» schrieb, bekannte sich zum masochistischen Begehren.

In der kleinen Ausstellung von Lady Xena gibt es zwischen Latexhandschuhen und bizarren Foltergeräten von Walser Folgendes zu lesen: «Unfreiheit kann eine grosse Menge Freiheit in sich bergen: Unabhängigkeit kann Sklaverei sein.» In der ganzen aus rudimentären Holzpaletten zusammengeschusterten Installation, die aus drei durch Brücken verbundenen Plattformen besteht, stösst man immer wieder auf Zitate und Textauszügedes Autors.

Kritik an Installation

Seit vergangenem Samstag ist die Robert-Walser-Sculpture öffentlich zugänglich. Nicht alle freuen sich über das Kunstwerk, das die ganze Stadt mit einbezieht und Kunstschaffende sowie Randständige beschäftigt.

Doch haben sich die nicht verstummenden Kritikerinnen und Kritiker überhaupt mit Robert Walser oder mit Thomas Hirschhorns Kunst beschäftigt? Wohl kaum. So schreibt die Bieler Grossrätin Sandra Schneider in ihrer Kolumne im «Bieler Tagblatt». «Wer den Bahnhof Richtung Stadtzentrum verlassen will, wird nach wenigen Metern von einer Holzwand gestoppt. Umwege oder alternative Strecken sind nicht auszumachen.»

«Ich werde jeden Tag hier vorbeikommen.»

Barbara Meyer CestaBieler Künstlerin

Dabei gehört das zum Konzept, und Unterstützung ist jederzeit in Sicht. Ein Buzzer kann gedrückt werden, wenn jemand Hilfe braucht. Sofort rennt einer der Helferinnen und Helfer herunter, um etwa einen Rollstuhlfahrer zum eigens für die Installation gebauten Fahrstuhl zu begleiten.

Klar gebe es manchmal Fehlalarm, wenn Kinder aus Spass den roten Knopf drückten, verrät der Fotograf Enrique ­Muñoz García. Er hat das Projekt von Anfang an fotografisch begleitet.

Viele Rituale

Auch zu essen gibt es in der Robert-Walser-Sculpture. Zwei junge Männer verspeisen gerade Pizza und Poulet. Für nur einen Franken bekommt man hier schon ein Stück Pizza. Die beiden sprechen nur gebrochen Deutsch. Dass Robert Walser Bücher geschrieben habe, das wisse er, verrät der 29-jährige Ande Michaele.

«Unfreiheit kann eine grosse Menge Freiheit in sichbergen:Unabhängigkeit kann Sklaverei sein.»

Robert Walser

Der Künstler Chri Frautschi veranstaltet währenddessen gerade eine Vernissage. Es ist ein Ritual, das hier jeden Tag stattfindet. Kunst zeigt der Bieler für einmal keine. Dafür schenkt er Getränke aus. Auch andere Aktivitäten sind ritualisiert: Jeden Tag wird das gleiche Theater aufgeführt, jeden Tag kommen Walser-Expertinnen und -Experten wie etwa die Historikerin Margrit Wick-Werderzu Wort.

Kein Programm

Wer hier in walserischem Müssiggang verweilt, erlebt Gewöhnungsbedürftiges bis Spannendes. Der Berner Thomas Hirschhorn, der in Paris lebt, ist präsent. Jeden Tag. Im Moment spricht er mit extra aus Frankreich angereisten Kunststudenten. Im Innenhof steht auf einem Flipchart ein Schema mit den heutigen Aktivitäten darauf. Zeitangaben gibt es dabei keine. Hirschhorn spricht von «Nonprogramma­tion».

Gerade hat ihm jemand einen Teddybären vorbeigebracht. Dieser wird im Altar zu Ehren von Carl Seelig (1894–1962), dem einstigen Vormund Walsers, seinen Platz finden. In Anspielung an Walsers Flanierlust stehen hier ganz viele Wanderschuhe und andere Devotionalien.

Hirschhorn zelebriert die Ästhetik einer Sammlung aus Erinnerungsstücken eines leicht verrückten Fans. Für Walser hat er einen regelrechten Wallfahrtsort geschaffen, bei dem man sich in Texten, Bildern und Begegnungen verlieren kann.

Permanentes Werkeln

Bridel Lelve, der beim Aufbau der Installation geholfen hat, greift jeweils zum Megafon, um die Besucher fünfzehn Minuten vor Beginn zu informieren, was als Nächstes passiert. Im Moment befestigt er in der für Hirschhorn typischen prekären Optik Klebestreifen am Boden. Fertig sei diese Installation erst mit dem Abbau, verrät Bauleiter Roman Luterbacher.

Ebenfalls vor Ort ist Kathleen Bühler, die Kuratorin des Projekts. Was denn Robert Walser mit Esperanto zu tun habe, wird sie von einer älteren Dame gefragt. Geduldig erläutert sie das weite Angebot, das die Installation biete und wie wichtig Sprache für Walser gewesen sei.

Als «ein Geschenk an mich selbst» versteht sie ihre tägliche Anwesenheit im Walser-Monument. Die Leiterin der Abteilung Gegenwartskunst am Kunstmuseum Bern hat unbezahlten Urlaub genommen, um sich ganz dem neusten Werk Hirschhorns zu widmen. Den Zugang zu Robert Walser habe sie nicht einfach gefunden. Durch Hirschhorns Werk hätten sich ihr aber schliesslich viele Türen geöffnet.

Die Bieler Künstlerin Barbara Meyer Cesta kommt die «Walser-Zeitung» holen, die jeden Tag erscheint. Die Texte wirkten wie eine Einstiegsdroge zu Walsers Werk, sagt sie. Den Aufbau der Installation habe sie verpasst, weil sie in Island gewesen sei. Nun freue sie sich auf den Bieler Sommer. «Ich werde jeden Tag hier vorbeikommen.»

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