Zum Hauptinhalt springen

Kehrtwende beim GigantenNestlé stellt fast das halbe Wassergeschäft zum Verkauf

Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern will sich vom Geschäft in den USA und China trennen. Was dahintersteckt.

Das Wassergeschäft von Nestlé ist häufig in die Kritik geraten. Hier eine Szene aus dem Film «Bottled Life».
Das Wassergeschäft von Nestlé ist häufig in die Kritik geraten. Hier eine Szene aus dem Film «Bottled Life».
Foto: VQH

Für kaum etwas stand Nestlé in den vergangenen Jahren so stark am Pranger wie für sein Wassergeschäft. Weltweit werfen Kritiker dem Konzern vor, auf Kosten der Bevölkerung aus lokalen Quellen Wasser abzupumpen und dann in Flaschen abgefüllt teuer zu verkaufen. Nun reagiert Nestlé und will sich vom Wassergeschäft in Nordamerika und lokalen Marken in China trennen. Damit steht fast die Hälfte des gesamten Bereichs zum Verkauf. Das ist eine Zäsur. Haben die Kritiker am Ende gesiegt?

«Nestlé spürt sicherlich den öffentlichen Druck in Bezug auf die Problematiken bei der Wasserprivatisierung und der Wasserknappheit im Umfeld von Quellen», sagt Greenpeace-Vertreter Philipp Rohrer. Weiterer Druck kommt laut Analysten von den Konsumenten selbst, denn die machen zunehmend einen Bogen um umweltschädliche PET-Flaschen, in die das Wasser abgefüllt wird – ganz zu schweigen vom aufwendigen Transport des Trinkwassers von den Quellen bis zu den Supermärkten mithilfe von LKW.

Geschäftseinbruch wegen Corona

Doch mindestens ebenso wichtig dürften wirtschaftliche Gründe für den Entscheid sein. Denn das Wassergeschäft wächst bei weitem nicht mehr so schnell wie früher – im Gegenteil: Zum ersten Mal seit über zehn Jahren ist es im eben zu Ende gegangenen ersten Halbjahr geschrumpft. Das war mit ein Grund dafür, warum Nestlé die Wachstumsprognose für das laufende Jahr zurückschrauben musste und im Gesamtkonzern nur noch ein organisches Umsatzwachstum zwischen 2 und 3 Prozent statt zuvor von über 3,5 Prozent erwartet. Andere Produkte wie etwa Tiernahrung entwickelten sich deutlich besser.

Grund für den Einbruch bei Wasser war die Corona-Krise: Nestlé verkauft viel davon in Restaurants oder an Kiosken. Doch während des Lockdown hatten viele Restaurants geschlossen, und an Bahnhöfen und Flughäfen gab es deutlich weniger Reisende, die sich mit Wasser eindeckten.

Doch dieser deutliche Einbruch allein war wohl nicht ausschlaggebend für den geplanten Verkauf. Nestlé selbst begründet das mit dem schwierigen Geschäftsumfeld in den USA: Dort konkurrieren die Schweizer mit den Billigmarken der US-Detailhändler. Wasser ist vielfach Massenware, und die Konsumenten achten beim Kauf auf Centbeträge.

An den Premiummarken San Pellegrino, Acqua Panna und Perrier hält der Konzern fest.

Darüber hinaus ist das Wassergeschäft in den USA nicht zu vergleichen mit Mineralwasser in Europa. Bei der Marke Pure Life etwa bereitet Nestlé das Wasser in einem zwölfstufigen Prozess auf. Selbst das Quellwasser, das der Konzern in den USA im Angebot hat, wird noch aufbereitet. In Europa wäre das undenkbar: Hier wird Mineralwasser so getrunken, wie es aus dem Berg kommt.

Zum Verkauf steht nun ein Bereich mit einem Umsatzvolumen von 3,4 Milliarden Franken, während Nestlé mit Wasserprodukten pro Jahr insgesamt 7,8 Milliarden Franken umsetzt.

An den Premiummarken San Pellegrino, Acqua Panna und Perrier hält der Konzern fest. Auch andere Hausmarken wie Henniez und Vittel gehören weiterhin zum Portfolio. Um sie für Konsumenten attraktiv zu machen, setzt Nestlé auf Wasser mit Geschmack oder Nahrungsergänzungsmitteln wie Magnesium oder Calcium.

In der Schweiz ist die Wassermarke Henniez von Nestlé bekannt.
In der Schweiz ist die Wassermarke Henniez von Nestlé bekannt.
Foto: VQH

Die Umweltbilanz des verbleibenden Wassergeschäfts will der Konzern verbessern: Etwa, indem Nestlé die entnommene Wassermenge an den Quellen wieder zurückführt und nur noch halb so viel neues Plastik für seine Verpackungen verwendet. Stattdessen setzt die Firma unter anderem auf recyceltes PET oder alternative Liefersysteme.

Das entspricht teilweise den Forderungen von Umweltschützern wie Greenpeace, die Nestlé wegen des hohen Plastikverbrauchs kritisieren. «Nestlé gehört regelmässig zu den drei schlimmsten Verschmutzern weltweit. In der Bilanz von Nestlé wird der Verkauf eines grossen Teil des Wassergeschäfts sicherlich zu einem Rückgang des Plastikverbrauchs führen», sagt Rohrer. Aus Sicht von Greenpeace stelle das aber keinen Erfolg dar, da die Flaschen dann einfach von den neuen Eigentümern verkauft würden und sich somit in der Gesamtbilanz nichts ändere.

Wer dieser neue Eigentümer sein wird, dürfte in etwa einem halben Jahr feststehen. Bis Anfang 2021 will Nestlé den Verkauf abschliessen. Das Interesse möglicher Käufer sei «sehr gross», sagte Konzernchef Mark Schneider.