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Erste Orchesteraufnahme nach dem LockdownNehmt das, ihr Bläser-Aerosole!

An Orchesterkonzerte ist noch nicht zu denken – eine Sinfonie-Aufnahme ist jedoch möglich, wie das Sinfonieorchester Biel Solothurn zeigt. Es hebt gerade einen Schatz der Schweizer Musikgeschichte.

Plexiglas mit Doppelfunktion: Für die Aufnahmen werden die einzelnen Orchesterstimmen voneinander getrennt – so sind auch gleich die Geigerinnen und Geiger vor der gefürchteten Aerosolwolke der Bläser geschützt.
Plexiglas mit Doppelfunktion: Für die Aufnahmen werden die einzelnen Orchesterstimmen voneinander getrennt – so sind auch gleich die Geigerinnen und Geiger vor der gefürchteten Aerosolwolke der Bläser geschützt.
Foto: Nicole Philipp

Man hat sich mittlerweile daran gewöhnt. Hände desinfizieren, Kontaktangaben hinterlassen, Schutzmaske aufsetzen, falls vorhanden. So auch beim Eintritt in die Diaconis-Kirche in Bern, in der sich die Musikerinnen und Musiker des Sinfonieorchesters Biel Solothurn gerade für die zweite Aufnahmesession des Tages einfinden.

Die Stimmung ist entspannt, die morgendlichen Aufnahmen liefen gut, das Orchester ist dem Zeitplan gar etwas voraus. Es wirkt alles erstaunlich normal, dafür, dass bis Ende Mai zweifelhaft war, ob dieses Projekt überhaupt möglich würde. Unter dem Label «Schweizer Fonogramm» nimmt das Sinfonieorchester Biel Solothurn sämtliche Sinfonien des Schweizer Komponisten Joseph Lauber (1884–1952) als Weltersteinspielung auf.

Plexiglas gehört eh dazu

Graziella Contratto, Projektleiterin und Inhaberin des Labels, meint lachend: «Als vor ein paar Wochen die ersten Sicherheitsregeln für Orchester veröffentlicht wurden, hätten wir für dieses Projekt ja quasi eine Industriehalle gebraucht.» Nun aber sitzt das Orchester wie ursprünglich geplant in der Diaconis-Kirche.

Projektleiterin Graziella Contratto.
Projektleiterin Graziella Contratto.
Foto: Nicole Philipp

Zwischen der vorderen Bläserreihe und den Streichern sind Plexiglaswände aufgestellt. Die üblicherweise für den Gehörschutz aufgestellten Wände dienen ebenfalls der Eindämmung allfälliger Aerosole aus den Blasinstrumenten. Daneben fällt lediglich auf, dass die Abstände zwischen den Pulten etwas grösser sind als sonst.

Ungedruckte Sinfonien

«Zum Glück konnten wir uns für die Planung der Aufnahmen auf die klaren Schutzmassnahmen des Verbands Schweizerischer Berufsorchester stützen», sagt Contratto. Das Projekt ist ein besonderes, nicht nur, weil es wohl eine der weitherum ersten CD-Einspielungen eines Orchesters in grosser Besetzung nach dem Lockdown ist.

Volle Konzentration bei Kaspar Zehnder. Der musikalische Leiter des Sinfonieorchesters Biel Solothurn hat die Sinfonien des Spätromantikers Joseph Lauber wiederentdeckt.
Volle Konzentration bei Kaspar Zehnder. Der musikalische Leiter des Sinfonieorchesters Biel Solothurn hat die Sinfonien des Spätromantikers Joseph Lauber wiederentdeckt.
Foto: Nicole Philipp

Joseph Laubers Werk ist eine Trouvaille. Gefunden hat sie Kaspar Zehnder, der musikalische Leiter des Sinfonieorchesters Biel Solothurn. Zehnder erzählt: «Als Flötist habe ich einige Solostücke von Joseph Lauber gespielt. Weil spätromantische Musik wie jene von Lauber für mein Instrument relativ rar ist, wollte ich wissen, was es von ihm sonst noch gibt.» Dabei stiess Zehnder auf Laubers Sinfonien – sechs Kompositionen, von denen es bisher noch nicht einmal gedruckte Ausgaben gibt.

Von der Avantgarde überspült

Wer war dieser Lauber? Liest man sich durch die Eckdaten seines Lebens, regt sich Erstaunen darüber, dass man ihn heute nicht kennt: Der im Luzernischen geborene Pianist studierte Orgel in München bei Josef Gabriel Rheinberger, Komposition in Paris bei Jules Massenet. Zu seinen eigenen Schützlingen am Konservatorium Genf zählte letztlich unter anderem auch Frank Martin, dessen Name heute ungleich bekannter als jener von Lauber ist.

Kaspar Zehnder erklärt Laubers Vergessenheit: «Nicht wenige Schweizer Komponisten, die es gewagt haben, bis Mitte des 20. Jahrhunderts konventionell zu komponieren, sind in der Schublade gelandet. Die Welle der Avantgarde hat sie überspült.»

Gut in Form

Dabei habe Lauber in seinen Sinfonien durchaus gutes Handwerk bewiesen, so Zehnder weiter: «Er instrumentiert hervorragend, er weiss um Harmonie und um Form.» Der kurze Höreindruck während der Aufnahmen bestätigt dies: Das Scherzo der ersten Sinfonie erinnert hie an Bizets «Carmen», klingt da nach einem lüpfigen Jutz. Zehnder: «Lauber ging zum Komponieren in den Sommermonaten jeweils auf sein Maiensäss in den Waadtländer Alpen. Seine Musik widerspiegelt diese Idylle, und das macht sie so einzigartig.»

Früher als geplant haben die Musikerinnen und Musiker an diesem Nachmittag Feierabend. Zehnder lobt, das Orchester sei in bester Form aus seiner Zwangspause zurückgekehrt. Gute Voraussetzungen also, um endlich auch Joseph Laubers Sinfonien aus ihrem unverdient langen Dornröschenschlaf wieder zu erwecken.

Die Aufnahme des Sinfonieorchesters Biel Solothurn unter der Leitung von Kaspar Zehnder erscheint voraussichtlich im Herbst 2020. Zwei weitere Tonträger sind für 2021 geplant.