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Porträt über den Sprayer von ZürichNaegelis letztes Aufbäumen

Harald Naegeli hat Zürichs Stadtbild jahrzehntelang mitgeprägt und wurde im Lockdown ungeahnt produktiv. Eine letzte Figur will er als Rache noch sprayen.

«Im Grunde war das eine elementare Kunst»: Der 80-jährige Harald Naegeli über seine Graffiti.
«Im Grunde war das eine elementare Kunst»: Der 80-jährige Harald Naegeli über seine Graffiti.
Foto: Federico Gambarini (Keystone)

Trotz eines schweren Krebsleidens hat sich Harald Naegeli nach Ostern nochmals aufgerafft. Die Corona-Epidemie und sein eigener bevorstehender Tod beschäftigen ihn. In der vierten Woche des Lockdown steht der 80-Jährige mitten in der Nacht auf, hüllt sich ein in Hut und Regenmantel und steigt aufs Velo, zu Fuss hätte er die paar Hundert Meter mit den kaputten Knien nicht mehr geschafft. Vor dem Eingang des Kunsthauses steigt er ab und zückt die Spraydose. Nach einer halben Minute tanzt ein Skelett auf dieser Mauer, die Arme fröhlich in die Höhe gereckt.

Die weisse Mauer hinter dem Höllentor von Auguste Rodin ist eine von Naegelis Lieblingsflächen in der Stadt Zürich, die Videokamera oben links muss ihn schon erwartet haben. Sie hat diesen Künstler letztmals vor drei Jahren in Aktion aufgezeichnet, damals hat er einen Flamingo hinters Höllentor gesprayt. Die Immobilienhüter des Kunsthauses haben auf eine Strafanzeige verzichtet, obwohl der Urheber den sprayertypischen Regenmantel trug. Aber seine Gesichtszüge waren damals auf der Videoaufzeichnung nicht eindeutig erkennbar.

Diesmal schon. Auseinandersetzung mit der Corona-Epidemie und dem eigenen Tod geschenkt – es geht ums Prinzip: Nach Ostern lässt der Geschäftsführer der Zürcher Kunsthaus-Stiftung, der Basler Thomas Müller, nicht nur die Figur wegputzen, «zerstören» sagt Harald Naegeli, er zeigt den auf der Videoaufzeichnung gut erkennbaren Künstler umgehend bei der Polizei an. Sachbeschädigung.

Eine von Naegelis Lieblingsflächen in der Stadt Zürich: Die Wand hinter Rodins Höllentor beim Kunsthaus.
Eine von Naegelis Lieblingsflächen in der Stadt Zürich: Die Wand hinter Rodins Höllentor beim Kunsthaus.

Seither steht dieser Thomas Müller aus Naegelis Sicht beispielhaft für alle engstirnigen Kleingeister, die seine Figuren seit über vier Jahrzehnten zerstören, ihm Polizei und Justiz auf den Hals schickten, weshalb er sich zu Beginn der Achtzigerjahre entschied, die Schweiz «aus politischen Gründen» zu verlassen. 1984 wird er in Deutschland aufgrund eines internationalen Haftbefehls festgenommen und an die Schweiz ausgeliefert.

Aber dieser Thomas Müller, Bruder des ehemaligen «Tagesschau»-Moderators und heutigen Musikers Heinrich Müller, taugt nicht so richtig als Feindbild. Denn exakt zu jener Zeit, als Naegeli von den Kleinbürgern ins Exil vertrieben wird, demonstriert dieser Müller gegen das Atomkraftwerk in Gösgen und wird vom Tränengas der Polizei eingenebelt. Ein junger Rebell auch er, er zupft als Bassist einer Rockband die Saiten zu Jethro Tulls «Thick as a Brick» – ein Protest gegen die undurchdringlichen Mauern im Alltag.

«So rasch wird aus einem Protestler ein Spiesser», kommentiert der Sprayer.

Zwei Monate nach Ostern tanzen weitere 46 Skelette auf Zürichs Häusern und Mauern.

Müller geht es um Rechtsgleichheit. Er hat nach seiner Protestphase Juristerei studiert und hält sich heute an klare Grundsätze: Wenn das Kunsthaus Naegelis Graffiti an seiner Fassade toleriert, hätte auch jeder andere Sprayer und jede andere Street-Art-Künstlerin das Recht, sich an dieser Fassade künstlerisch auszutoben. Das Kunsthaus will die Kunst selber auswählen. Während der Bauzeit des Erweiterungsbaus etwa hat der Stiftungsrat einem Zahnarzt, nebenbei Hobbysprayer, ausdrücklich erlaubt, sich auf einer vorgegebenen Fläche an der Bauabschrankung künstlerisch zu betätigen.

So lässt sich der wahre Sprayer nicht begrenzen. Zwei Monate nach Ostern tanzen weitere 46 Skelette auf Zürichs Häusern und Mauern. Es wird sein grosses Memento mori während des Lockdown in der Corona-Pandemie, als der Tod in den Nachrichten allgegenwärtig ist. Und es wird seine Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod, der nach zwei schweren Operationen nun nahe bevorsteht. Ein drittes Mal kann sich Harald Naegeli nicht mehr operieren lassen, und so schreitet die Krankheit ungehindert voran, ohne Schmerzmittel kann er diese Tage nicht durchstehen. Und doch tanzen die Skelette auf den Mauern übermütig und schwerelos. «Mein Unbewusstes scheint den Tod nicht zu fürchten», sagt er.

Er schuf 5000 Graffiti in vier Jahrzehnten

Fast ein halbes Jahrhundert prägen seine Figuren nun das Zürcher Stadtbild. Erst die Strichfiguren in den 70er-Jahren, dann die Blitze, die Frauenfiguren, das geflügelte Pferd Pegasus, dann die Geister, die Tiere, Fische, Flamingos und zuletzt sein Totentanz. Alle gespritzt in einer halben Minute, ohne Skizze, spontan einer Eingebung folgend und stets in die Umgebung eingepasst. «Im Grunde war das eine elementare Kunst», sagt der 80-jährige Harald Naegeli im Rückblick – wichtiger war ihm stets die damit verbundene politische Utopie: Protest, Freiheit. Er war ein Vorläufer der 80er-Protestbewegung, ihr vorausgegangen wie die Nonkonformisten der 68er-Bewegung.

Die Auslieferung an die Schweiz: Mit einem Kuss verabschiedet sich am 25. April 1984 am Grenzübergang Lörrach Joseph Beuys (rechts) von Harald Naegeli.
Die Auslieferung an die Schweiz: Mit einem Kuss verabschiedet sich am 25. April 1984 am Grenzübergang Lörrach Joseph Beuys (rechts) von Harald Naegeli.
Foto: Galli (Keystone)

Gegen 5000 Graffiti hat Nägeli während über vier Jahrzehnten in Zürich, Köln, Stuttgart, Düsseldorf, Berlin, Venedig und anderen europäischen Städten an die Hausmauern gespritzt. Zum Ärger jener Hausbesitzer, die diese Figuren nicht als Kunst sehen, sondern als ganz gewöhnliche Schmiererei, und überzeugt sind, das könne jeder. Seine letzte, persönlichste Serie in der Corona-Zeit hat ihm vergangene Woche nun den Zürcher Kunstpreis beschert. Jetzt ist Schluss.

«Meine Zeit läuft ab», sagt Naegeli, «ich kann sie nicht festhalten.»

Aber einstweilen ist Naegeli noch dem Leben zugewandt. Und in der Tat, seine Augen leuchten wie bei einem Jüngling, wenn er Gedichte rezitiert, seitenlang auswendig, am liebsten Friedrich Hölderlin und Rainer Maria Rilke. Das Ende von Hölderlins unvollendetem Griechenland-Fragment ergänzt er dabei gleich selber in der Rolle des Dichters: «Wo das Land ... der Griechen mit Schritten der Sonne erscheint». Gut? Oder besser «sich auftut»? Er ist fasziniert von der Natur und natürlich vom künstlerischen Gesang der Vögel. Speziell von jenem des Buchfinks, der Dadaist und Sprachkünstler ist wie er selber, und seinen Finkenschlag stets mit «La Spenzia» abschliesse. Ob man das schon gehört habe? Und dass die Tauben ihren Ruf stets mit einem leisen «Wumm» abschlössen?

Für Naegeli war der Ort hinter Rodins Höllentor entscheidend, denn sein Totentanz nimmt ausdrücklich Bezug auf Rodins gepeinigte Figuren in der Hölle.

Neben dem extravertierten Dadaisten mit der Spraydose war Naegeli stets der introvertierte Kritzler, der seit zwei Jahrzehnten beinahe täglich auf grossformatigen Blättern mit der Tuschfeder Punkt und Strich setzt. Vierhundert Bilder sind daraus schon geworden, er nennt das Motiv «Urwolke» und hat auf der Rückseite exakt protokolliert, wann er daran weitergearbeitet hat. Keine der grossen Zeichnungen ist fertig, einige immerhin schon so weit, dass sie sich zeigen lassen. Und dazu die 400 Skizzenbücher, seine Form des Tagebuches. Er wird sein gesamtes Werk in eine Stiftung überführen auf zwei Stockwerken im denkmalgeschützten Jugendstilhaus am Hottingerplatz, das der Grossonkel einst gebaut hat.

Naegeli ist auch der introvertierte Kritzler, der mit der Tuschfeder skizziert.
Naegeli ist auch der introvertierte Kritzler, der mit der Tuschfeder skizziert.
Die «Urwolken».
Die «Urwolken».
Skizzen zum Totentanz.
Skizzen zum Totentanz.
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Für Naegeli war der Ort hinter Rodins Höllentor entscheidend, denn sein Totentanz nimmt ausdrücklich Bezug auf Rodins gepeinigte Figuren in der Hölle. Von Sachbeschädigung könne in diesem Zusammenhang keine Rede sein, sagt Naegeli, denn das würde bedeuten, dass eine Sache zerstört oder in ihrem Wert vermindert werde. Seit vergangener Woche gibt ihm der Kunstpreis der Stadt Zürich recht, denn Kunst wird die Fassade eines Kunsthauses nicht entwerten. Und die Stadt wird mit dem Widerspruch leben müssen, dass sie einen Künstler ehrt, den der Kanton nach wie vor als Sachbeschädiger sieht und anzeigt.

Einzig die Gerichte und ein paar unentwegte Kommentarschreiber auf dem Netz haben es noch immer klar: Jeder unbefugte Eingriff ins Eigentum ist Sachbeschädigung. Punkt. Das ist für Naegeli «kalkulierte Rechtsbeugung». Von einem Hauseigentümer, der mit Kunst nichts am Hut hat, könnte er diese Haltung noch verstehen. Aber vom Kunsthaus Zürich! Jenem Kunsthaus, mit dem er seit über vierzig Jahren, als er dem Museumsbetrieb Richtung Strasse entfloh, seine Auseinandersetzung führt! Das ihn ein einziges Mal zu einer Ausstellung seiner Zeichnungen einlud, der damalige Vizedirektor Guido Magnaguagno erinnert sich: «Da hat man gesehen, dass er er ein authentischer Künstler ist, ein Seismograf der Gesellschaft.» Und das heute mit internationalen Künstlern, die im Trend sind, eigentliche Materialschlachten fürs breite Publikum finanziert: den dänischen Künstler Olafur (O mit Akzent aigu) Eliasson mit Materialkosten von ein paar Hunderttausend Franken in Zürich. Naegelis Spraydosen kosten zwanzig Franken.

Sein Totentanz für das Grossmünster

«Ich bin mir jetzt bewusst geworden, dass ich nicht nur politischer Künstler bin, sondern auch politischer Bürger», sagt er, «und in dieser Rolle mische ich mich aktiv in das politische Leben ein: Ich empfehle dem Kunsthaus den Rücktritt dieses bünzlihaften Geschäftsführers Thomas Müller.» Die Fähigkeit zur Empörung hat Harald Naegeli von seiner Mutter geerbt, einer norwegischen Künstlerin, die ihn in der Jugend zum Zeichnen angeleitet hat und der er sein grosses Buch über die ersten Sprays in Zürich gewidmet hat («Mein Revoltieren, mein Sprayen.»)

Harald Naegeli im Februar 1991.
Harald Naegeli im Februar 1991.
Foto: Walter Bieri (Keystone)

Der Vater, ein Arzt mit parapsychologischen Fähigkeiten, war etwas weniger prägend. Er war überzeugt, dass die Seele nach dem Tod weiterwandern würde. Sein Tod war dann in der Tat eindrücklich, weil der Vater nicht mehr wahrnahm, dass sich die Familie um sein Bett geschart hatte, sondern sich bereits auf einen Punkt im Jenseits konzentrierte, auf den er durch einen Kanal zu gehen hatte.

Harald Naegelis Vorstellung vom Tod ist weniger eindeutig. Er hat sich viel damit befasst, seit klar war, dass er als Abschluss seines Werkes in seiner Heimatstadt einen Totentanz sprayen wollte. Er hatte dieses Thema bereits in den 90er-Jahren in Köln dargestellt, zuvor schon 1986 als Totentanz der Fische nach dem Brand im Sandoz-Werk Schweizerhalle. Vor seinem siebzigsten Altersjahr begann er die Darstellung seines persönlichen Totentanzes zu planen, am liebsten am traditionsreichsten Ort von Zürich: im Aufgang zu den Türmen des Grossmünsters. Für einmal sollte dies ein bewilligtes Werk werden, das stehen bliebe und nicht gleich wieder von einer Putzequipe zerstört würde.

«Ich bin der wahre Protestant», sagte er damals, sein Projekt sah Totentanz-Figuren im Aufgang zum Karlsturm vor, die die Besucher bis zur Terrasse ganz oben zur Auferstehung geführt hätten. Das war seine Konzession an die Kirche, und sie wäre durch eine dadaistische Intervention im benachbarten, fürs Publikum unzugänglichen Glockenturm ergänzt worden: Diese Figuren hätten nur alle hundert Jahre besichtigt werden dürfen.

Das konnte nicht gut gehen mit diesem Utopisten, für den die Freiheit über allem steht.

Der Prozess zur Bewilligung zog sich dann tatsächlich gefühlte hundert Jahre hin. Zwar zeigte sich die Denkmalpflege erstaunlich offen, der für die Altstadt zuständige Verantwortliche wollte eine Spezialfarbe in Dosen abfüllen lassen, die mit der Zeit verwitterte. Aber in der Kirchgemeinde unterstützte nur Pfarrer Christoph Sigrist das Vorhaben, der damalige Kirchgemeindepräsident und die Pfarrerin waren dagegen. Unter neuer Leitung und neuem Pfarrer lancierte er ein paar Jahre später den nächsten Versuch, diesmal mit besserer Aussicht, weil nun ein Departementsleiter der Zürcher Hochschule der Künste die Kirchgemeinde präsidierte. Auch die Baudirektion unter Markus Kägi war für das Vorhaben zu gewinnen, allerdings mit strengen Auflagen: Naegeli durfte im Turmaufgang nur in einem Raum sprayen und auch dort nur innerhalb einer genau definierten, vorbehandelten Fläche.

Das konnte nicht gut gehen mit diesem Utopisten, für den die Freiheit über allem steht, mit diesem Anarchisten, der dem Staat jede denkbare Zensur zutraut, und mit diesem Archaiker, der seine Figuren in der Nachfolge der zeitlosen Höhlenzeichnungen sieht. «Es kann doch nicht sein, dass der Beschenkte die Grenzen des Geschenks definiert», sagt er dazu. Ergo griffen und schritten Naegelis Figuren über den Rand der Begrenzung hinaus, «sie brauchten mehr Raum», begründet er. Baudirektor Kägi zog den Stecker.

Sieben Graffiti will die Stadt behalten – womöglich

Und so machte der «Sprayer von Zürich» 43 Jahre nach seinem Schritt aus dem Museum nun den Schritt aus der Kirche auf die Strasse. Von Mitte April bis Mitte Juni entstand sein öffentlicher Totentanz in geschätzten zwanzig Nächten, die Skelette mal hüpfend, mal ausgreifend, mal wild, mal ausruhend, mal mit kahlem Haupt, mal mit Narrenmütze. Diese letzte und persönlichste Auseinandersetzung mit der Begrenzung des eigenen Lebens hat ihm nun den städtischen Kunstpreis eingebracht. Zwei Monate später ist bereits die Hälfte dieser Skelette weggeputzt, sieben Graffiti auf städtischem Grundstück will die Stadt womöglich erhalten. Die städtische Arbeitsgruppe für Kunst im öffentlichen Raum wird nun beraten, welche der sieben Figuren auf städtischen Objekten erhalten bleiben sollen. Am meisten zu reden geben wird jene auf dem Sockel des Denkmals von Hans Waldmann vor dem Stadthaus: Naegelis poetisch hüpfender Sensemann schafft eine schöne Spannung zum Zürcher Feldherr und Staatsmann hoch zu Ross. «Das ist etwas vom Besten, was Naegeli je gesprayt hat», sagt Christoph Doswald, Präsident dieser Arbeitsgruppe, «dafür werde ich mich starkmachen.» Aber die Juristen der Stadt werden zu bedenken geben, dass damit möglicherweise das Urheberrecht des Bildhauers Hermann Haller am Sockel verletzt werde. Spielerische dadaistische Anarchie gegen pathetische geistige Landesverteidigung, Resultat offen.

Naegelis poetisch hüpfender Sensemann auf der Skulptur des Zürcher Feldherrn Hans Waldmann.
Naegelis poetisch hüpfender Sensemann auf der Skulptur des Zürcher Feldherrn Hans Waldmann.
Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Die meisten Figuren auf privaten Hausfassaden sind weg, und es sind im Unterschied zum Ende der 70er-Jahre diesmal weniger die engstirnigen Bünzlis, die ihr Eigentum über alles stellten, sondern die Immobilienverwaltungen, die die Fassaden ohne Leidenschaft und Zorn reinigen lassen. Das sehen sie als Teil ihres Auftrages, unbesehen von Inhalt und Urheber des Kunstwerkes. Auch die Baudirektion des Kantons Zürich unter der neuen Führung des grünen Regierungsrates Martin Neukom will gemäss der Doktrin der Zero Tolerance die Figur an der alten Turnhalle an der Rämistrasse wegputzen lassen, obwohl dieses Gebäude bald einem Neubau des Unispitals wird weichen müssen. Wie das Kunsthaus hat auch der Kanton Naegeli angezeigt. Doch im Gegensatz zum Kunsthaus wird er die Anzeige nicht zurückziehen.

Ein Telefonat aus dem Präsidialdepartement der Stadt an den Präsidenten der Immobilienstiftung führte zum Rückzug der Kunsthaus-Strafanzeige. 43 Jahre nach der Strassenaktion des «Sprayers von Zürich» sitzt das kulturfreundliche Zürich nicht mehr nur wie damals im Unterstützungskomitee für Harald Naegeli, sondern in Stadtrat und Verwaltung. Sowohl Kunsthaus-Direktor Christoph Becker wie der Direktor Kultur Peter Haerle wie auch die Stadtpräsidentin Corine Mauch und die Leiterin Bildende Kunst haben Naegeli inzwischen mit einem persönlichen Besuch beehrt. Er ist auch todkrank noch ein charmanter und zeitweilig fröhlicher Gastgeber und skizziert seine Gäste, um noch was zu tun haben. Jünger macht er sie dabei nicht – «das kostet 100’000 Franken», beschied er mal einer interessierten Anfragerin. Die unerwartete Anerkennung der Stadt hat er mit Genugtuung aufgenommen, er will den Kunstpreis einer Naturschutzorganisation spenden. Kunsthaus-Direktor Becker, dem man nachsagt, er könne mit dem Dadaisten nichts anfangen, outete sich beim Besuch übrigens als Fan Naegelis seit dessen frühen Graffiti in Stuttgart. Von der Strafanzeige des Kunsthauses will er keine Kenntnis gehabt haben.

Der Flamingo an der Rämistrasse ist von der beauftragten Hauswartung im Zuge der Gebäudereinigung auch gleich weggeputzt worden. Irrtümlich.

So verbleibt als Sündenbock der Kunsthaus-Geschäftsführer Thomas Müller. Der hält seine Person in dieser Auseinandersetzung für gänzlich unwichtig und verweist aufs Prinzip: Sprayen an der geschützten Fassade gleich Sachbeschädigung. Richard Hunziker, Präsident des Stiftungsrates, teilt dieses Prinzip. Er begründet den Rückzug der Strafanzeige nicht mit dem künstlerischen Wert der Graffiti, sondern mit dem hohen Alter des Künstlers und der Nutzlosigkeit von Strafanzeigen gegen Sprayer: «Die Kapuzenpulli-Fraktion will in die Illegalität.»

Der Flamingo an der Rämistrasse ist von der beauftragten Hauswartung im Zuge der Gebäudereinigung auch gleich weggeputzt worden. Irrtümlich – denn weder Müller noch Hunziker wollen dazu den Auftrag gegeben haben. Diese Figur hätte an der nicht geschützten Mauer neben den Schaukästen der Galerien stehen bleiben dürfen. Müller liebte diese Figur sogar und hat sie in seinem persönlichen Fotoalbum verewigt.

Ausgerechnet der Flamingo, das Symbol von Freiheit, in den Zoos mit gestutztem Flügel an der Flucht gehindert! Das will sich der preisgekrönte Künstler nicht gefallen lassen. Es kann sein, dass er er dafür nachts noch einmal die Treppe im Jugendstilhaus runter tippelt, aufs Velo steigt, die Spraydose in der Tasche seines legendären Regenmantels, und für Ersatz sorgt. Ein allerletztes Mal wohl.