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Papablog: Debatte um HotpantsverbotNackte Tatsachen

Zu kurz, zu sexy: Wie kann es sein, dass Werbung mit sehr nackten Frauen gang und gäbe ist, während junge Frauen permanent gemassregelt werden?

Rocklänge oder Ausschnitttiefe: Was und wie viel Kleidung Mädchen und Frauen im Alltag tragen, bleibt Dauerthema.
Rocklänge oder Ausschnitttiefe: Was und wie viel Kleidung Mädchen und Frauen im Alltag tragen, bleibt Dauerthema.
Foto: Getty Images

Und jährlich grüsst das Hotpantsverbot. Selbst im Coronajahr 2020 bei einsetzenden herbstlichen Witterungen reden wir wieder über ein «T-Shirt der Schande» und darüber, was besonders für Mädchen angemessene Kleidung bedeutet. Jedes Jahr, immer wieder, immer wieder.

Wie beim Kinofilm «Und täglich grüsst das Murmeltier», in dem Radiomoderator Bill Murray jeden Tag mit den Worten beginnt «Ok, Ihr Faulpelze, raus aus den Federn, nicht die warmen Schühchen vergessen. Es ist kalt da draussen». Woraufhin der Co-Moderator entgegnet: «Es ist immer saukalt da draussen, wo sind wir hier, Miami Beach?!» Wir sind also immer noch nicht in Miami Beach und finden immer noch, dass die Mädels ihre warmen Schühchen nicht vergessen sollen. Machen wir uns nichts vor: Forderungen nach einem Hotpantsverbot sind älter als meine fünfzehnjährige Tochter und haben – wenn überhaupt – nur sehr am Rande mit Bekleidungsvorschriften für Jungen zu tun.


Von Miniröcken und Springerstiefeln

Wenn dem so wäre, hätten wir kein grösseres Problem. Schulen haben über die Hausordnung das Recht, bestimmte Regeln für die Bekleidung von Schülerinnen und Schülern aufzustellen, und auch eine Schuluniform wäre in diesem Zusammenhang durchaus eine Lösung. Aber darum ging es nie. Und auch wenn die Verantwortlichen heute geschulter darin sind, nicht mehr auszusprechen warum sie bauchfreie Oberteile, Hotpants und Miniröcke bei Mädchen und jungen Frauen «problematisch» finden, hat sich der Konsenz darüber seit Jahren nicht verändert. Er wird mittlerweile nur deutlich nonverbaler kommuniziert. 2001 liess eine Schulleiterin beispielsweise «übertrieben freizügige Kleidung» noch mit dem Hinweis darauf verbieten, dass zu viel nackte Haut Jungen und Lehrer ablenke.

2005 wurde der Direktor im bayrischen Lohr gegenüber der Presse noch deutlicher: Lehrer und Schüler würden sich ertappt fühlen, wenn «sie Mädchen auf den Busen schauen». Dafür habe man wie auch im jetzt bekannt gewordenen Schweizer Fall ein T-Shirt angeschafft, dass die Betreffene dann tragen müsse. «Wer das trägt, steht schon ein bisschen am Pranger» liess der Direktor dazu verlauten. Ausserdem berichtete er von einem Vorfall, bei dem er eine vierzehnjährige Schülerin mit für seinen Geschmack zu tief ausgeschnittenen Oberteil habe wissen lassen, dass sie «nuttig» aussähe. Wobei wir beim eigentlichen Problem sind. Also nicht dem, dass eine Schule auch ein Ort zum Arbeiten ist und die Anwesenden sich dort konzentrieren sollen. Auch nicht dem, dass Schulen schon immer Kleiderverordnungen erlassen haben, damit niemand mit seiner Baseballcap seinen Blick auf die Prüfungsarbeit neben ihm verbirgt oder seine Gesinnung durch Bomberjacke und Springerstiefel zu offen zur Schau stellt. Und schon gar nicht darum, dass wir alle als nächstes womöglich nackt in der Schule sitzen.


Nuttig? Nein, ihre Entscheidung!

Es geht um etwas, was meine Kollegin Margarete Stokowski 2015 zur damaligen Ausgabe von «Willkommen bei der alljährlichen Hotpantsverbotsdebatte» präzise benannt hat. Nämlich eine Gesellschaft, in der Werbung mit sehr nackten und sexualisierten Frauen für jedes noch so absurde Produkt gang und gäbe sind, und Frauen und Mädchen gleichzeitig permanent dafür gemassregelt werden, was und wie viel Kleidung sie im Alltag tragen.


Schule ist nämlich auch genau das: Alltag. Kein Bürojob, kein Meeting, keine Überseekonferenz. Und wenn Mädchen und junge Frauen sich im Alltag sommerlich oder freizügig kleiden wollen, dann ist das nicht «nuttig», sondern ihre Entscheidung. Und weil das offenbar eine sagenhaft ungewöhnliche Erkenntnis ist, musste ihr zunächst einmal auf die Sprünge geholfen werden.
Durch eine Strumpfhose des Modelabels 24dientes von 2010 zum Beispiel, auf der abgebildet ist, bis zu welcher Rocklänge frau als schicklich und ab welcher sie als Schlampe gilt.

Oder durch die Künstlerin Rosea Lake, die sich 2013 diese Worte auf das nackte Bein schrieb:


Und damit andere dazu inspirierte, es ihr gleich zu tun:


Oder auch durch die 2011 in Kanada initierten
SlutWalks, die eine Reaktion darauf darstellten, dass ein Polizeibeamter den Frauen der Stadt Toronto den gut gemeinten Rat gab, sie mögen sich doch alle möglichst nicht wie Schlampen kleiden, dann würden sie auch nicht vergewaltigt werden. Mittlerweile ist es besser geworden. Auch wenn wir immer noch die alljährliche Debatte um Hotpantsverbote haben, ist der Widerstand inzwischen deutlicher geworden und der Ruf nach einer geschlechtergerechteren Gesellschaft lauter. Eine solche Gesellschaft spricht Jungen und Lehrern übrigens nicht ab, leichtbekleidete Mädchen und junge Frauen aufreizend zu finden. Die Gedanken sind ja immer noch frei. Sie stellt nur unmissverständlich klar, dass Hotpants, bauchfreie Tops und Miniröcke keine Einladung zum Kommentieren, Anfassen oder Diskriminieren sind. Eine Einladung ist eine Einladung. Ich sehe diese Gesellschaft schon auf uns warten. Nur noch ein paar Hotpantsverbotsdebatten und dann ist sie da. Hoffentlich.

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51 Kommentare
    Müller Stefan

    Die Autorin hat ein grundsätzliches Verständnisproblem. Schule ist nicht Alltag, denn die Schüler stehen während der Schulzeit (Unterricht, Pausen, etc) unter der Obhut der Schule bzw. der Lehrerin als Vertreter davon. Das beinhaltet die Pflicht, für einen funktionierenden Schulbetrieb zu sorgen. Mit sexualisierender Kleidung ist das schlicht nicht möglich.

    Aus dem selben Grund ist auch der Vergleich mit der Privatwirtschaft unhaltbar. Zumal diese und der Staat sowieso nach völlig unterschiedlichen Regeln funktionieren.

    Da beklagen sich die Feministen andauernd darüber, dass Frauen sexualisiert werden. Dennoch versuchen sie andauernd, genau diese Sexualisierung auch bei den unpassendsten Gelegenheiten durchzusetzen. Noch widersprüchlicher geht nicht mehr, kein Wunder verliert der toxische Feminismus in der breiten Öffentlichkeit laufend an Unterstützung. Und das völlig zu Recht.