Zum Hauptinhalt springen

Interview: Sängerinnen im Iran«Musik existiert, egal, ob sie verboten ist»

Im Iran dürfen Frauen nicht öffentlich solo singen. An der Jazzwerkstatt erzählt die Musikethnologin Yalda Yazdani über das Leben iranischer Sängerinnen.

Die Musikethnologin und Tar-Spielerin Yalda Yazdani hat sich vorgenommen, dass die weiblichen iranischen Stimmen gehört werden.
Die Musikethnologin und Tar-Spielerin Yalda Yazdani hat sich vorgenommen, dass die weiblichen iranischen Stimmen gehört werden.
pd

Yalda Yazdani hat in Deutschland das möglich gemacht, was im Iran noch unmöglich ist: Gemeinsam mit der Zeitgenössischen Oper Berlin hat sie zwanzig junge Sängerinnen aus dem Iran nach Berlin eingeladen, um vor Publikum aufzutreten. Im Iran ist es für Frauen gesetzlich verboten, in der Öffentlichkeit solistisch zu singen.

Das «Female Voices of Iran»-Festival fand 2017 zum ersten Mal statt und fand 2018 seine Fortsetzung. Nun kommt die Musikethnologin Yalda Yazdani nach Bern, um anlässlich der Eröffnung der Jazzwerkstatt Bern Einblicke in das Leben iranischer Sängerinnen und ihrer Strategien, die Zensur zu umgehen, zu geben.

Yalda Yazdani hat bis 2012 in Isfahan gelebt, hat in Teheran, Istanbul und Köln studiert. Seit 2009 durchreist sie den Iran, erforscht und sammelt Musik, sucht und vernetzt Sängerinnen im Vielvölkerstaat Iran. Aus diesen Reisen ist auch Filmmaterial entstanden, das Frauen aus den verschieden Regionen des Landes porträtiert. Im Kino Rex wird Yalda Yazdani Ausschnitte daraus zeigen.

Yalda Yazdani, mit welchen Repressionen sehen sich iranische Musikerinnen konfrontiert?

In grösserem Städten gibt es für Instrumentalistinnen, wie auch ich es bin, keine Probleme. Wir können öffentlich auftreten und unsere Musik auch veröffentlichen. Allerdings ist weiblicher Sologesang verboten, weil nach islamischen Gesetzen die Stimme einer Frau den Mann provoziere.

Billie Eilish könnte also nicht in Teheran auftreten?

Nein, ich denke nicht. Zumindest als Solosängerin nicht. Aber es gibt Ausnahmen.

Welche?

Solosängerinnen dürfen vor ausschliesslich weiblichem Publikum, im Chor und als Begleitung männlicher Solisten auftreten. Tatsache ist aber auch, dass viele iranische Sängerinnen sich nicht daran halten. Weil sie sich nicht fügen wollen. Weil sich sonst nie etwas ändern wird.

Und was tun sie?

Sie veröffentlichen ihre Lieder über die neuen Medien, wie Telegram oder Instagram. Facebook und Youtube sind im Iran zensiert. So machen sie ihre Stimmen hörbar. Es gibt auch eine grosse Untergrundszene mit heimlichen Konzerten.

Das Verbot gilt seit der Islamischen Revolution 1979.

Genau. Nach dem Sturz des Schahs war erst mal sämtliche Musik tabumit Ausnahme von Revolutionsgesängen. In den Neunzigerjahren gestattete der islamische Staat aber Musikschulen. Frauen durften wieder Instrumente lernen und an die Universität gehen. Es tut sich also was.

Wie sieht die Musikszene im Iran generell aus?

Grundsätzlich ist alles viel offener, als die Leute hier im Westen denken. Etwa in Teheran gibt es immer mehr Angebote. Es gibt Pop- und Folk-Konzerte und sogar Jazz. Auch Musiker aus dem Ausland geben Konzerte. Es gibt Musikfestivals, die international ausgerichtet sind. Nur Rap und Rockmusik findet nicht wirklich statt.

Wieso das?

Weil diese Texte oft subversive Inhalte haben. Will ein Musiker ein Album veröffentlichen, darf die Musik nicht von Politik oder etwa Religion handeln.

Welche Bedeutung hat Musik im Iran generell?

Musik ist Teil des Familienlebens, und sie ist vor allem ein wichtiger Bestandteil des täglichen Lebens von Frauen. Etwa in Form von Wiegen- oder Arbeitsliedern, die eine lange Tradition haben. Was ich damit sagen will: Die Musik existiert so oder so, egal, ob sie verboten ist oder nicht. Und das ist das Wichtigste.

Was ist Ihr Anliegen? Wünschen Sie sich einen freieren Iran?

Mir geht es vor allem darum, dass Frauen die gleiche Freiheit haben wie Männer. Dass ihre Stimmen und die alten Lieder, die nur noch sie kennen, gehört werden und nicht vergessen gehen. Dem habe ich mein Leben verschrieben. Seltsam ist auch, dass in anderen islamischen Ländern wie dem Libanon oder Syrien es dieses Verbot nicht gibt.

Und weshalb im Iran?

Das weiss ich nicht. Diese Frage stelle ich mir seit Jahren. Diese Lieder sind ja auch nicht politisch, sondern handeln meist von der Liebe, dem Leben und der Natur. Ich verstehe einfach nicht, weshalb sie immer noch verboten sein sollten.

Vortrag und Film (in Englisch): Dienstag, 3. März, 20 Uhr, Kino Rex, Bern. Der in Zusammenarbeit mit der Zeitgenössischen Oper Berlin entstandene Film «The Female Voice of Iran» wird noch in diesem Jahr veröffentlicht.