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Kriminalfall in NorwegenMultimillionär wegen Verschwindens seiner Frau festgenommen

Anne-Elisabeth Hagen verschwand vor 18 Monaten spurlos aus ihrem Haus in Norwegen. Ihrem Ehemann wird nun Tötung vorgeworfen.

Von diesem Landsitz der Familie in Fjellhamar in der Nähe von Oslo verschwand die Millionärsgattin.
Von diesem Landsitz der Familie in Fjellhamar in der Nähe von Oslo verschwand die Millionärsgattin.
Foto: Reuters

Es ist die dramatische Wende eines ohnehin spektakulären Falls: 18 Monate nach dem Verschwinden der norwegischen Millionärsfrau Anne-Elisabeth Hagen hat die Polizei ihren Ehemann wegen Tatverdachts festgenommen.

Tom Hagen werde vorgeworfen, seine Frau getötet oder anderweitig an der Tat beteiligt gewesen zu sein, gab die zuständige Polizei am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Lillestrøm bei Oslo bekannt. Hagen wies die Schuld über seinen Anwalt Svein Holden von sich. «Er hält nachdrücklich daran fest, dass er damit nichts zu tun hat», sagte Holden am Nachmittag vor Reportern.

Der Verdächtige selbst habe noch nicht zu den Vorwürfen Stellung bezogen, sagte Polizeichefin Ida Melbo Øystese. Von der Frau fehlt weiterhin jede Spur. Am 31. Oktober 2018 war die damals 68 Jahre alte Ehefrau Anne-Elisabeth Hagen aus dem Familienhaus in Lørenskog bei Oslo verschwunden, seitdem gab es kein Lebenszeichen von ihr.

Entführung nur vorgetäuscht

Die Polizei, die Anfang 2019 mit dem Fall an die Öffentlichkeit gegangen war, nahm zunächst eine Entführung an. Später änderten die Ermittler ihre Haupthypothese und glaubten daran, dass die Entführung nur vorgetäuscht worden und Hagen wahrscheinlich getötet worden sei.

«Es hat keine Entführung gegeben», sagte Ermittlungsleiter Tommy Brøske nun am Dienstag. «Die Polizei glaubt mit anderen Worten daran, dass der Fall durch eine klare, geplante Täuschung geprägt worden ist.»

Die ursprüngliche Entführungstheorie hatte sich unter anderem darauf gestützt, dass im Haus der Hagens ein Schreiben mit einer Lösegeldforderung in einer Kryptowährung gefunden worden war. Die angeblichen Entführer hatten jedoch nie ein Lebenszeichen der Frau präsentiert – was Kriminologen als untypisch in solchen Fällen bezeichneten.

Der Verdacht gegen Tom Hagen habe sich im Laufe der Zeit schrittweise erhärtet, sagte Brøske. Ein Gericht soll am Mittwoch entscheiden, ob er für vier Wochen in Untersuchungshaft genommen wird. Der Anwalt der Familie Hagen, Svein Holden, wollte den Fall zunächst nicht kommentieren, sondern erst mit dem Tatverdächtigen sprechen.

Der Investor Tom Hagen zählt seit Jahren zu den 200 reichsten Menschen Norwegens. Sein Vermögen, das er vor allem mit Stromverkauf und Immobilien gemacht hat, soll im vergangenen Jahr schätzungsweise rund 1,9 Milliarden norwegische Kronen betragen haben – das sind umgerechnet etwa 170 Millionen Euro. Trotz des Reichtums lebte Hagen ein verhältnismässig zurückgezogenes Leben in Norwegen.

Entsetzen nach der Festnahme

Das letzte Lebenszeichen seiner langjährigen Ehefrau gab es nach Polizeiangaben in Form eines Telefonats mit einem Familienmitglied am Morgen des 31. Oktobers 2018 – Tom Hagen soll sich zu diesem Zeitpunkt an seinem Arbeitsplatz in Lørenskog befunden haben. Auf dem Weg zur Arbeit wurde der 70-Jährige am Dienstagmorgen auch festgenommen. Kurz darauf waren Kriminaltechniker im Familienhaus und an seinem Arbeitsplatz bereits damit beschäftigt, mögliche neue Beweismittel zu sichern.

Zuerst hatte die norwegische Zeitung «Verdens Gang» über die Festnahme berichtet. Ihren Informationen zufolge war bereits im vergangenen Sommer im Verborgenen gegen Hagen ermittelt worden. Seine Frau soll demnach mehreren Personen erzählt haben, dass sie über Jahre hinweg in einer turbulenten Ehe gelebt habe. Nach «VG»-Angaben soll die Polizei auch Anzeichen dafür gefunden haben, dass sie die Ehe beenden wollte.

Zu einem möglichen Tatmotiv des Geschäftsmannes wollte die Polizei am Dienstag keine genaueren Angaben machen. Die Untersuchungen gingen weiter, auch weitere Festnahmen könnten nicht ausgeschlossen werden, sagte Polizeistaatsanwältin Åse Kjustad Eriksson. Laut Polizeichefin Øystese sind mehrere zentrale Fragen weiter offen: Dazu zähle neben Hagens Rolle bei der Tat und möglichen weiteren involvierten Personen vor allem die, wo sich Anne-Elisabeth Hagen befindet.

Freunde des Ehepaares reagierten entsetzt auf die Festnahme. «Als die Nachricht von Tom heute gekommen ist, habe ich einen Schock bekommen – vor allem, weil ich denke, dass Lisbeth jetzt nicht wieder nach Hause kommen wird. Jetzt ist sie für immer fort», sagte eine Freundin von Anne-Elisabeth Hagen, die anonym bleiben wollte, der Zeitung «Dagbladet». Ein Freund von Tom Hagen sagte dem Blatt: «Das ist völlig unwirklich.» Und Hagens Geschäftspartner Bjørn Brodwall erklärte: «Das ist eine Tragödie, was auch immer dabei herauskommt.»

(SDA /aru)