Für Petkovic beginnt die Zeit der Bewährung

Er führt ein Herrenleben in einem Verband ohne Korrektiv, unantastbar ist der Trainer aber nicht. Die Analyse.

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Valon Behrami gab viele Interviews in seinem Leben. Aufwühlende auch. So wie damals, als er über den Schmerz und die Verzweiflung eines Flüchtlings sprach. Er war ein Flüchtlingskind, fünfjährig, als er mit seinen Eltern und seiner Schwester den Kosovo verlassen musste und in die Schweiz kam. «Am 4. Dezember 1990 überquerten wir frühmorgens im Tessin die Grenze», erinnerte er sich. In Bellinzona kamen sie in ein Hotel, es gab Essen, das ihm nicht schmeckte, er ging aufs Zimmer und hörte sich eine alte Kassette mit albanischer Musik an.

Aus dem kleinen Buben ist ein Nationalspieler der Schweiz geworden, ein Leader, eine Persönlichkeit im roten Tenü mit dem weissen Kreuz, «Krieger», nennt er sich selbst gerne. 33 Jahre alt ist er jetzt, seine Knie sind kaputt, es ist der Preis für seine kompromisslose Spielweise. Doch als diesen Sommer die WM für die Schweiz wegen der schmachvollen Niederlage gegen Schweden im Achtelfinal zu Ende war, stellte er klar: Nein, so will er nicht aufhören, nicht als Gescheiterter, «ich mache weiter».

Jetzt ist er kein Nationalspieler mehr, darf er es nicht mehr sein, weil der ­Trainer ihm das am Montagmittag so mitgeteilt hat. Zumindest hat er das ­Gespräch mit Nationalcoach Vladimir Petkovic so verstanden: «Es war ein Anruf, mit dem er mich vor die Tür der Nationalmannschaft setzen wollte.»

Ein grosser Kämpfer tritt ab: Valon Behrami spielte für die Schweiz an vier Weltmeisterschaften. (Video: Tamedia)

Behrami ist in seinem Stolz getroffen. Er hat das Gefühl, immer für die Einheit der Mannschaft gekämpft zu haben, für die Vereinigung verschiedener Mentalitäten: vor allem für die Integration der albanischstämmigen Gruppe. Er sieht politische Motive hinter dem Entscheid Petkovics.

Richtiger Ansatz, falscher Weg

Am Sonntag war der Trainer aus seinen Ferien zurückgekommen. Diese nutzte er für eine Analyse der Ereignisse in Russland und kam dabei offenbar zum Schluss, dass es einen Umbruch im Kader braucht. Viele seiner Spieler sind in die Jahre gekommen, nicht nur Behrami. Captain Stephan Lichtsteiner ist 34, Blerim Dzemaili 32, Gelson Fernandes 31. Die Mannschaft braucht eine Auffrischung, weil sie in ihrer Entwicklung stehen geblieben ist. Fernandes erklärte am Tag nach dem Anruf von Petkovic seinen Rücktritt. Dzemaili überlegt sich noch, wie es für ihn weitergehen soll.

«Ich hätte es vorgezogen, ihn von Angesicht zu Angesicht zu treffen.»Valon Behrami nach dem Anruf von Nationaltrainer Vladimir Petkovic

Petkovics Ansatz der Erneuerung ist nicht falsch. Falsch ist, wie er vorgegangen ist. Er greift zum Telefon, statt die paar Kilometer von Locarno nach Lugano zu fahren und Behrami im persönlichen Gespräch zu informieren. Behrami empfindet das nach 83 Länderspielen als Affront. «Das ist nicht die richtige Art, um den Leuten mitzuteilen, dass sie nicht mehr zum Projekt gehören», sagt er, «ich hätte es vorgezogen, diese Person von Angesicht zu Angesicht zu treffen.» Er ist nicht der Erste, dem es so ergeht. Petkovic verabschiedete schon seinen alten Captain Gökhan ­Inler nach 89 Länderspielen am Telefon aus dem Nationalteam. Es geht um Stilfragen. Und dabei versagt er.

Er versucht nun abzuwiegeln: Offizielle Entscheidungen seien keine getroffen worden, und mit Politik habe das nichts zu tun. Das rettet die Situation nicht. Der Vorgang passt zu einem Schweizerischen Fussballverband, dem in diesem Sommer die Hoheit über die Kommunikation vollends entglitten ist. Dabei geben viele eine schlechte Figur ab: Peter Gilliéron als Präsident, Alex Miescher als Generalsekretär, Claudio Sulser als Delegierter des Nationalteams und Marco von Ah als Leiter Kommunikation und Medien. Petkovic passt auch in diese Reihe.

Vieles wäre vermutlich unter der ­Decke geblieben, wenn Miescher direkt nach dem WM-Aus das berüchtigte ­Doppelbürger-Interview nicht gegeben hätte. Doch er gab es, und es wurde zum Sprengsatz. Behrami bestätigt jetzt gegenüber dem Tessiner Fernsehen, dass einige Spieler deshalb «schwer­wiegende Entscheide» treffen wollten. Er sagt es nicht, aber meint es: dass sie an Rücktritt dachten. «Auch in jenem Moment versuchte ich, die Wogen zu glätten», sagt er noch.


Bilder: Medienschau zum Behrami-Rausschmiss


Eine Woche dauerte es, bis sich ­Gilliéron im Namen des Verbandes für Mieschers Aussagen entschuldigte. Gilliéron hat wohl geglaubt, damit aus dem Schneider zu sein. Er ist es nicht, weil er ein Präsident ist, der gerade in diesen Chaoswochen nicht führt, wie er das tun müsste. Sein Verband hat die Debatte selbst angefangen, und er ist von ihr überrollt worden.

Davon hat er sich bis heute nicht mehr erholt. Auf sträfliche Art hat der Verband die Chance vergeben, aufzuzeigen, was der Fussball in der Schweiz für die Integration leistet. Er wird sie so schnell nicht mehr bekommen, schon gar nicht mit Miescher in verantwortlicher Rolle. Vielleicht sieht Miescher das selber ein und geht.

Xhaka musste schweigen

Vor dem Doppelbürger war an der WM der Doppeladler, die Geste von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri, mit der sie ihre Tore zum Sieg gegen Serbien bejubelten. Im Vorfeld hatte der Verband alles dafür getan, um die Brisanz der ­Begegnung herunterzuspielen und damit die Bedeutung der Kriegswunden zwischen Serben und Albanern, von denen gerade einer wie Xhakas Vater nach über drei Jahren in einem serbischen Gefängnis gezeichnet ist. Xhaka durfte vor dem Match nicht reden, auf Anordnung von Petkovic.

Der Trainer drückte sich vor dem emotionalen Thema, wo er nur konnte, und brach deshalb auch ein Fernseh­interview ab. Er behauptete auch, die Gesten nicht gesehen zu haben.

Ein eigenes Verständnis von Hierarchie

Den Spielern missfiel, dass sich Petkovic öffentlich nie vor sie stellte. Sein ganzes Verhalten, seine fehlende Sensibilität ist verblüffend für einen Mann, der selbst auf dem Balkan aufgewachsen ist, in Sarajevo, der Hauptstadt des heutigen Bosnien-Herzegowina; für einen heute 54-Jährigen, der im Tessin lange als Sozialarbeiter für Caritas arbeitete.

Vladimir Petkovic ist Löwe im Sternzeichen, «das heisst», sagte er einmal, «ich bin ein starker Charakter mit starkem Durchsetzungsvermögen». Das heisst aber nicht, dass er gerne die direkte Konfrontation sucht. Er ist noch immer der Zweifelnde, der Misstrauische, der alles hinterfragt und in seinen Meinungen schwankt. Auch in Russland gab es ein Hin und Her. Petkovic sagte vor dem Start gegen Brasilien: «Wir sind mit dem Achtelfinal nicht zufrieden.» Tage später: «Ich habe nie deutliche ­Ziele gesetzt.» Und schliesslich vor dem Achtelfinal: «Das muss man 1000-mal betonen: Wir sind mit dem Achtelfinal nicht zufrieden.»

Das mag nur ein Detail sein bei dieser gesamthaft verworrenen Kommunikation des Verbandes. Doch es ist kein Detail mehr, wenn Petkovic darauf verzichtet, Claudio Sulser, seinen direkten Vorgesetzten, über seine Ideen mit Behrami und Co. zu informieren. Er braucht Sulser dafür nicht um Erlaubnis zu fragen; dass er nicht mit ihm redet, zeigt jedoch, welches Verständnis er von Hierarchien hat. Es wäre an Sulser, daran etwas zu ändern. Oder an Gilliéron.

Hochbezahlt aber nicht unantastbar

Petkovic muss fortan mit Spielern umgehen, die ihn zumindest zum Teil zunehmend kritisch sehen, mit Mitarbeitern, die sich an seiner Art und seinem Hang zur Bequemlichkeit stören. Er führt ein Herrenleben in einem Verband, bei dem das Korrektiv fehlt. Der Präsident lässt Petkovic gewähren, auch wenn dieser wieder einmal keine Lust auf Öffentlichkeitsarbeit hat. Besser würde sich der Coach selbst bewusst werden, was er ist: ein Angestellter, mit 1 Million Franken im Jahr wohl ein hoch bezahlter, aber kein unantastbarer.

Die Analyse seiner Arbeit führt zum Resultat, dass die Mannschaft unter ihm an Grenzen stösst, und zwar immer dann, wenn sie den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung machen sollte. Wenn die Mannschaft das Spiegelbild ihres Trainers ist, dann zählt vor allem der letzte Eindruck vom Achtelfinal in St. Petersburg. Das Team spielt gegen Schweden ohne Feuer und Plan, denn Schweden ist kein Gegner mehr wie Serbien, gegen das die Spieler von ihren Emotionen getrieben sind und den Trainer zur Motivation gar nicht brauchen.

In knapp vier Wochen, am 3. September, kommt die Nationalmannschaft erstmals wieder zusammen, um das Spiel gegen Island in der Nations League vorzubereiten. Der Wettbewerb ist sportlich nicht von überragender Bedeutung, für Vladimir Petkovic allerdings schon: Für den Trainer beginnt nun die Zeit der Bewährung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2018, 06:46 Uhr

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