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Neues Studio für das OrchesterMit diesem Trick kann das Zürcher Opernhaus wieder Aufführungen zeigen

Wie bringt man eine grosse Oper auf die Bühne, ohne die Sicherheitsregeln zu verletzen? Intendant Andreas Homoki erklärt seine Lösung und was die Besucher erwarten können.

Noch sind Bühne und Zuschauerraum leer im Opernhaus Zürich – aber nicht mehr lange.
Noch sind Bühne und Zuschauerraum leer im Opernhaus Zürich – aber nicht mehr lange.
Foto: Dominic Büttner

Das Opernhaus darf wieder starten. Aber kann es das überhaupt unter den aktuellen Bedingungen?

Wir sind keine Wundertüte, aus der einfach Sachen herauskommen. Wir haben im Normalfall ein eng getaktetes Probensystem; bis eine Aufführung bereit ist, braucht es einen grossen Vorlauf. Szenisch werden wir deshalb vor dem Sommer leider nichts machen können. Aber es gibt ein neuntägiges Festival mit Konzerten und Liederabenden. Und mit grossen Namen, darunter Thomas Hampson, Diana Damrau, Piotr Beczala, Julie Fuchs, Javier Camarena, Benjamin Bernheim.

Vor maximal 300 Leuten.

Ja, und zu vergünstigten Preisen. Es soll ein Zeichen sein, dass wir wieder stattfinden.

Und ab September gibt es dann wieder Oper? Wie wollen Sie Ihre Eröffnungspremiere mit «Boris Godunow» stemmen? Riesenchor, Riesenorchester – für die aktuelle Situation gibt es kaum ein Werk, das weniger geeignet wäre.

Es war uns rasch klar, dass man das eigentlich nicht spielen kann. Aber wir haben Michael Volle in der Hauptrolle, einen der meistgefragten Sänger, vor Jahren gebucht – das gibt man nicht einfach so weg. Also haben wir überlegt. Ein Plan war zum Beispiel, eine reduzierte Orchesterfassung in Auftrag zu geben. Aber dann kam der erste Entwurf zum Schutzkonzept, das in der Schweiz für die Bühnen erarbeitet wurde.

Und?

Das war der Tiefpunkt. Auf der Basis dieses Entwurfs hätten wir maximal 191 Menschen im Publikum haben können, verteilt auf alle Ränge. Dazu 12 Musiker im Orchestergraben und 12 Sänger auf der Bühne. Das kanns nicht sein, wir waren total frustriert. Auch weil plötzlich klar wurde, dass ein dauerhaftes Abstandsgebot unsere komplexe Kunstform abwürgen wird. Wir mussten wirklich einen Weg aus dieser Sackgasse finden. Die erste Idee war ein bezahltes Live-Streaming.

Nicht sehr prickelnd.

Nicht wirklich. Aber eine andere Idee wars dann: Wir bauen den Orchesterproberaum am Kreuzplatz um zu einem Aufnahmestudio. Dieser Raum ist riesig, da können wir alle Abstände einhalten. Und wir investieren in ein Übertragungssystem, wie es die Bregenzer Festspiele haben.

Das Orchester spielt also am Kreuzplatz live zur Aufführung im Opernhaus?

Genau. Auch der Chor kann dort singen, wenn er gross besetzt sein muss und den Abstand auf der Bühne nicht einhalten könnte. Das funktioniert technisch ohne Zeitverzögerung, und der Klang ist gut. Für uns war dieses Konzept der Durchbruch. Denn es bedeutet, dass wir keine Schrumpfkunst bieten müssen, sondern wirklich grosse Oper machen können. Wir sind nun mal kein Haus für kleine Formate, damit können wir an einem Standort wie Zürich keine Spielzeit bestreiten.

«Wir sind mit diesem Konzept krisenresistent: Wenn sich ein Musiker anstecken sollte, müssen wir nicht das ganze Orchester nach Hause schicken.»

Ein teures Konzept.

Die Anlage kostet einiges, aber ich sehe sie als langfristige Investition, wir werden das Studio auch nach der Corona-Zeit nutzen können. Und wir sind damit krisenresistent: Wenn sich ein Musiker anstecken sollte, müssen wir nicht das ganze Orchester nach Hause schicken – weil die Abstände ja immer gewahrt werden. Wenn wir die Musiker in den Orchestergraben quetschen müssten, wäre das anders.

Wie lange wird man auf diese Art spielen?

Das hängt von der Entwicklung der Pandemie ab. Das Charmante an dieser Lösung ist: Wir werden jederzeit bereit sein, um den Normalbetrieb wieder aufzunehmen, wenn es weitere Lockerungen gibt. Die Stücke werden geprobt sein, die Künstler hier. Und das Publikum bekommt, was es gebucht hat. Das ist uns wichtig: Wer «Boris Godunow» wollte, hört keine reduzierte Fassung. Die Protagonisten auf der Bühne werden vielleicht etwas mehr Abstand halten als üblich, aber das ist hoffentlich zu verkraften.

Es fällt also nichts aus?

Doch. Wegen der Abstandsregeln brauchen die Bühnenumbauten nach heutigem Stand mehr Zeit als sonst. Die gewohnten zwei Aufführungen an den Sonntagen werden vorerst kaum möglich sein. Da werden einzelne Termine ausfallen. Und dann hätten im September Verdis «I vespri siciliani» wiederaufgenommen werden sollen – aber die Premiere konnte ja wegen Corona gar nicht stattfinden, diese Produktion gibt es nicht. Die Sänger werden dennoch da sein und eine Verdi-Gala singen.

Wie ist es beim Ballett? Dort ist Abstandhalten schwierig.

Ich habe unserem Ballettchef Christian Spuck gesagt, er soll sich doch etwas überlegen ohne Berührungen, das könnte ja interessant sein. Er hat gemeint: Ja, drei Minuten lang, dann geht es einem nur noch auf die Nerven.

Da hat er wohl recht.

Zweifellos. Und darum ist das Ballett im Moment die grösste Baustelle. Im Branchenschutzkonzept der Bühnen gibt es die Möglichkeit, mit Freiwilligen in festen Teams zu arbeiten; da sind in kleinen Gruppen die Abstandsregeln aufgehoben, die Leute müssen aber ausserhalb besonders vorsichtig sein. Aber das braucht noch viele Gespräche und weitere Lockerungsschritte; wir hoffen, bis im Juni eine Lösung zu finden. Wenn es länger dauert, wird das für Oktober geplante «Dornröschen» nicht stattfinden können, weil die Probenzeit dann nicht mehr reicht.

Welches sind denn die weiteren Baustellen?

Das Publikum! Selbst wenn im Herbst wieder tausend Leute zugelassen sein sollten, gilt ja immer noch das Kleingedruckte, also das Schutzkonzept. Wir haben ein enges Haus; der Saal ist nicht so sehr das Problem, aber die Foyers, die Gänge, die Garderoben. Es kann sein, dass die Leute ihre Mäntel in den Saal nehmen müssen, es wird ja freie Plätze geben, um sie zu deponieren. Eine Pausengastronomie wird wohl nicht möglich sein. Da ist im Moment noch vieles im Fluss.

«Wir werden die vollen Kosten haben, aber deutlich reduzierte Einnahmen.»

Aber Sie rechnen nicht damit, dass Sie ab Herbst wieder tausend Zuschauer haben können?

Leider nein. Wir haben zwar den Vorteil, dass unsere Zuschauer stillsitzen, alle in dieselbe Richtung schauen und in der Regel nicht sprechen. Wir können auch ihre Kontaktdaten aufnehmen zwecks Tracing. Aber nach dem heute gültigen Schutzkonzept können wir maximal 70 Prozent der Plätze belegen.

Werden die Leute kommen? Das Opernhaus hat knapp vierzig Prozent Besucher über 65 Jahren.

Ja, aber wir hatten auch in dieser Spielzeit bis zum Shutdown wieder eine Auslastung von über 90 Prozent! Ich bin daher vorsichtig optimistisch, dass das reduzierte Platzangebot auf genügend Nachfrage trifft.

Was bedeutet die Reduktion finanziell?

Kurz gesagt: Wir werden in der nächsten Spielzeit die vollen Kosten haben, weil wir ja das volle Programm bieten, aber deutlich reduzierte Einnahmen. Eine Auslastung von 70 Prozent bedeutet, dass pro Vorstellung im Schnitt 30’000 Franken an der Billetkasse fehlen. Da sind wir im Moment zusammen mit der Politik auf der Suche nach Lösungen. In der laufenden Saison dagegen sollte die Rechnung aufgehen; wir haben zwar 10 Millionen Verlust bei den Karteneinnahmen, aber auch weniger Ausgaben und hoffentlich Kurzarbeits-Beiträge.

Wird etwas bleiben aus dieser Corona-Zeit? Die Podcasts zum Beispiel?

Möglich, dass wir diese Form auch künftig bedienen werden – wenn auch sicher nicht mehr in der aktuellen Frequenz. Aber vielleicht als Ergänzung zu den Einführungsmatineen? Da sind wir noch am Überlegen.

Und wann beginnen die Proben wieder?

Am 8. Juni! Als die Schliessung kam, steckten wir ja mitten in den Vorbereitungen für die «Csárdásfürstin». Die werden wir nun wieder aufnehmen – und wollen die Operette am Wochenende nach «Boris Godunow» auf die Bühne bringen. Zwei Premieren in einer Woche trotz Corona: Das sind doch gute Aussichten.