Miss Perfect – #MeToo

Die Debatte um weibliche Bundesratskandidatinnen zeigt es: Frauen werden noch heute anders beurteilt und bewertet.

In irgendeiner Zeitung las ich in den vergangenen Tagen eine ­Abhandlung über die Frisuren der bisherigen sieben Bundesrätinnen. Alle trugen oder tragen die Haare kurz. Der Artikel schwadronierte über Samson, der mit seinen Haaren auch die Kraft verlor, dagegen würden bei mächtigen Frauen die Haare immer kürzer, dabei gälten lange Haare als ­Zeichen der Weiblichkeit – und, so wurde gefragt, ob sich wohl «Frauen in Machtpositionen dieses Attributs entledigen, um ernst genommen zu werden». Mit kurzen Haaren sei frau ein keckes Ding, mit langen eine Verführerin. Kinnlang sei bei Frauen kurz, bei Männern aber lang.

Ich fand den Artikel daneben. Seit 1848 haben 117 Bundesräte die Geschicke des Landes gelenkt, davon waren sieben Frauen. Sieben! Und statt über diese lächerliche Anzahl laut und wiederholt zu debattieren, werden die Frisuren thematisiert. Vielleicht wissen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, wie viele Glatzköpfe bisher im Bundesrat vertreten waren und ob sie alle ihre Leerstelle so weltmännisch trugen, wie Alain Berset es tut. Ich habe darüber noch nichts gelesen.

Wird Karin Keller-Sutter gewählt, wäre sie die achte Bundesrätin. Eine mit kurzen Haaren. Und, auch das las ich in irgendeiner Zeitung, sie sei Miss Perfect; genau das könnte ihr aber zum Verhängnis werden. Sie ist einfach zu gut! Wohl einige der weniger perfekten Männer (ich bitte um Verzeihung für diesen Angriff, aber die Männer sind nun mal in der Überzahl im Bundesrat und unter den Möchtegernbundesräten) fürchten sich vor ihren Auftritten, deren Schattenwürfe sie im ­Abseits stehen liessen.

Grapschende Hände, anzügliche Zungen, den Verstand und Anstand dominierende Penisse sind zum Thema geworden.

Wäre ein Mann wie Keller-Sutter, würde ihm niemand ein «Mister Perfect» auf den Leib schreiben. Nein, er wäre eloquent und sprachbegabt, überdurchschnittlich intelligent, fundiert und umsichtig gestaltend. Er wäre charmant mit der nötigen Kühle, von staatsmännischem Auftreten und dazu ein wahrer Botschafter für die Schweiz.

Viola Amherd, eine weltliche Papabile, wird in ihrem Heimatkanton wegen eines Mietrechtsstreits durch den Dreck gezogen, derweil Parteigenossen von ihr quasi in Secret Mission ausserhalb des Ehebettes Kinder zeugten und in Exekutivämter gewählt wurden. Kinder zu machen mit einer Geliebten, sei Privatsache, wird argumentiert. Ist das ein Mietrechtsstreit nicht auch?

#MeToo hat einiges bewegt, und das ist gut so. Grapschende Hände, anzügliche Zungen, den Verstand und Anstand dominierende Penisse sind zum Thema geworden. Thematisiert werden müsste dringend und immer wieder, wie anders doch Frauen noch heute beurteilt und bewertet werden.

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