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Obama oder Sehnsucht nach Erneuerung

Alle vier Jahre erfasst die Vereinigten Staaten ein Zustand, der politischen Geburtswehen nahekommt. Die mächtigste Nation des Planeten wählt einen neuen Präsidenten.

Auch Nummer 44 wird der Weltmacht im Innern wie aussen eine neue Richtung geben. Er wird das Land und dessen Selbstverständnis prägen, weit über Tagespolitik hinaus. Alle Präsidenten tun das. Amerikas politisches System weist ihnen nicht nur eine dominante Machtstellung zu. Der Präsident ist auch ein nationales Symbol, ein Gradmesser für die innere Verfassung der Gesellschaft. Die Geburtswehen waren diesmal besonders heftig, und die Spannung ist besonders gross. Heute nun ist es so weit, Amerika tritt an die Urnen. Endlich, mag mancher denken, nicht nur, weil der scheidende Amtsinhaber George W.Bush daheim und in der Welt nicht gut gelitten ist. Endlich auch, weil sich in einem quälend langen Wahlkampf auf faszinierende Weise beobachten liess, wie Neues entsteht, das neugierig macht.

Das gilt, ganz unabhängig vom Wahlergebnis, vor allem für die Kandidatur Barack Obamas. Mit dem jungen Senator aus Illinois ist nicht nur eine neue Generation auf Amerikas politische Bühne getreten. Obama ist, so abgedroschen das klingt, ein historischer Kandidat, weil seine Hautfarbe dunkler ist als die aller bisherigen Präsidenten. Der Sohn einer Weissen aus Kansas und eines schwarzen Gaststudenten aus Kenia hätte das Land selbst dann verändert, falls er die Wahl verlieren sollte. So wie Hillary Clinton das Land verändert hat, die erste Frau, die fast zur Kandidatin wurde. Seit Millionen Weisse Obama zujubeln, darf auch ein Kind in Harlem davon träumen, irgendwann Präsident zu werden.

Natürlich glaubt niemand, ein Obama könne alle Spannungen und Konflikte der komplizierten Rassenbeziehungen über Nacht verschwinden lassen. Anderthalb Jahrhunderte nach Abschaffung der Sklaverei, eine Generation nach den Bürgerrechtskämpfen aber hat das Land schon durch seine Kandidatur wieder einen grossen Schritt gemacht. Wer das nicht glaubt, muss nur die stolzen Tränen in den Augen jener Schwarzen sehen, die noch darum gekämpft haben, ihre Kinder in die gleichen Schulen wie der weisse Nachbar zu schicken.

Obamas Chancen stehen nicht schlecht, dass es für ihn nicht damit getan ist, von der Präsidentschaft nur träumen zu können. Buchstäblich alle Umfragen sehen ihn seit Wochen vorn. Ein Sieg des Republikaners John McCain bleibt möglich, wäre aber eine faustdicke Überraschung. Obamas gute Wahlaussichten aber haben nicht nur etwas mit seiner Person zu tun, so charismatisch der Kandidat sein mag. 2008 ist in den USA in vielem das Jahr der Demokraten. Etwas anderes als ihr Sieg bei der zeitgleichen Kongresswahl ist kaum mehr vorstellbar.

Die Partei profitiert davon, dass das Land am Ende der Ära Bush einen Schlussstrich ziehen will. Es ist das Erbe jener acht Jahre, das mehr noch als die Kandidaten selbst den Wunsch und die Hoffnung auf einen gründlichen Neuanfang befeuert. Das Land ist ausgelaugt, verunsichert, erschöpft. Es führt seit Jahren zwei Kriege, deren Ende nicht in Sicht ist. Es steht vor einem Schuldenberg, den Trümmern der Wallstreet und steckt in der Rezession. Auch McCain versprach im Wahlkampf nicht Kontinuität, sondern Wandel.

Wie dieser Neuanfang aussehen soll, darüber wird heute entschieden. Immer wieder hat sich Amerika in seiner Geschichte neu erfunden, hat es sich mutig in den Jungbrunnen gestürzt, wenn das Alte nicht mehr geeignet schien, die Probleme des Landes und der Menschen zu lösen. Solch ein historischer Moment könnte auch der 4.November 2008 werden. Das macht diese Wahl besonders, die Abkehr vom Alten, die Sehnsucht nach Erneuerung. Zugleich freilich bleibt der Gestaltungsspielraum des neuen Präsidenten begrenzt, weil die Lage eben ist, wie sie ist. Zwischen dem, was er will, und dem, was er kann, wird er seinen Weg finden müssen. Man darf mit Spannung auf die Wahlergebnisse aus Amerika warten. Und dann auf die Zeit danach.

Dietmar Ostermann ist Korrespondent in Washington.

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