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TermindruckMehr Stress, bitte!

Wäre ein Leben ohne Zeitdruck nicht viel entspannter? Nein. Mit einer Deadline arbeiten wir besser – und sind weniger erschöpft.

Ohne Termindruck würden sich viele gar nicht erst aufraffen.
Ohne Termindruck würden sich viele gar nicht erst aufraffen.
Keystone

Zu den zahlreichen naiven Wünschen der Menschen zählt auch jener, endlich mal ohne Termindruck zu arbeiten. Wäre das nicht wunderbar – Zeit zu haben, statt nur hinterherzuhecheln und dann mit dem Ergebnis zu hadern? Auf diese Weise würde man Aufgaben und eigenen Ansprüchen wenigstens gelegentlich gerecht. Und sicherlich öffnete sich dann der Raum, um endlich eine der vielen glitzernden Ideen zu einem Diamanten zu polieren, die einen sonst im Ungefähren umtreiben.

Gegenfrage: Wie viele Steuererklärungen werden ohne Frist abgegeben, wie viele Texte ohne Abgabedatum geschrieben, wie viele Projekte ohne Deadline fertiggestellt? Ohne Termindruck wäre die Welt ein deutlich schlechterer Ort.

Die Kraft der Deadline

Die National Science Foundation der USA hat einmal Abgabefristen für Anträge zur Forschungsförderung grosszügig gelockert. Die Zahl der Anträge fiel um 59 Prozent – und das, obwohl sich Wissenschaftler in der Regel durch eine hohe Motivation für ihre Arbeit auszeichnen. Aber auch sie räumen wohl lieber ihren Keller auf oder trödeln im Internet herum, wenn sie zu viel Zeit für ermüdende bürokratische Lästigkeiten haben. Mangelt es an einer Deadline, zieht sich das Hadern in die Länge. Ohne Druck fehlt die unsichtbare Hand, die einen über den seltsamen Schmerz des Anfangens schiebt.

Die Kraft einer Deadline speist sich aus den Sanktionen, die drohen, wenn sie nicht eingehalten wird. Doch diese Fristen wirken noch auf eine weitere Weise, wie eine Studie von Psychologen um Maayan Katzir von der Universität Tel Aviv nahelegt: Sie signalisieren schlicht und ergreifend, wann der ganze Aufwand überstanden und die Sache vorbei ist. Erwachsene scheinen da zu ticken wie kleine Kinder auf langen Autofahrten: Sie wollen wissen, wann sie ankommen.

Ohne Endpunkt verirrt man sich leichter im Vagen.

In den Versuchen der israelischen Psychologen mussten die Teilnehmer lästige und geistig fordernde Aufgaben bewältigen. Teilten die Wissenschaftler den Probanden mit, wie viele der Aufgaben erledigt waren und wie viele noch anstanden, wirkte sich das positiv auf die Leistungen aus. Die Teilnehmer lieferten bessere Arbeit ab, erledigten sie schneller, machten weniger Pausen und waren zum Teil auch weniger erschöpft. Fehlte Feedback über den Fortschritt ihrer Bemühungen, strampelten sich die Teilnehmer hingegen mehr ab und brachten weniger zustande. Ohne Ziel, ohne Endpunkt verirrt man sich leichter im Vagen. Musiker üben ebenfalls fokussierter und motivierter, wenn sie für einen Auftritt proben, statt nur für sich ins Blaue zu spielen.

Druck lässt Konzentration steigen

Besonders stark wirkt der schwunggebende Effekt eines Ziels oder einer Deadline, wenn das Ende in Sicht ist. Dann setzen Menschen zum Schlussspurt an: Im Sport sowieso, bei der Arbeit auch, und sogar Konsumenten kaufen mehr, wenn zum Beispiel eine Bonuskarte fast voll und die Belohnung in Reichweite ist. Kurz vor dem Ziel, auch das haben Studien gezeigt, schweifen die Gedanken in geringerem Masse ab – man ist bei der Sache.

Im Grunde hat es der britische Soziologe Cyril Northcote Parkinson einst auf den Punkt gebracht, als er sagte: «Arbeit dehnt sich in genau dem Masse aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.»