Max Frisch (l.) mit Friedrich Dürrenmatt in der Kronenhalle.Bild: ETH-Bibliothek

Max Frisch (l.) mit Friedrich Dürrenmatt in der Kronenhalle.Bild: ETH-Bibliothek An der Feldeggstrasse 21 wohnte Max Frisch mit Ingeborg Bachmann. Bei Proben zur Uraufführung von «Biedermann und die Brandstifter», 1958.Bild: ETH-Bibliothek Max Frisch mit seiner ältesten Tochter Ursula im Garten der Zollikerstrasse 265. chte. Kennen gelernt haben sich die beiden während des Studiums an der ETH. Der Verdacht der Freunde, dass er Geld heirate, berührt ihn nicht. Bereits 1942 kommt es zur Hochzeit. Sie findet in der reformierten Kirche Witikon statt. Das kleine Gotteshaus liegt idyllisch auf einem Hügelchen über dem alten Dorfkern. Vom Friedhof aus bietet sich ein Panorama über die Stadt. Der See glitzert in der Nachmittagssonne, dahinter zeichnen sich die Berge im Dunst ab. Man versteht, was Frisch meint, wenn er sein Zürich als «blaue Stadt» bezeichnet. Die Frischs ziehen an die Zollikerstrasse 265. Das Gelübde, nie mehr zu schreiben, hat der Architekt längst gebrochen. Mittlerweile ist auch sein zweiter Roman «Antwort aus der Stille» erschienen, daneben hat der Atlantis-Verlag seine «Blätter aus dem Brotsack» veröffentlicht. Darin beschreibt Frisch seine Eindrücke aus dem Militärdienst, das kollektive Warten auf den deutschen Überfall. Geklapper in der Mansarde An der Zollikerstrasse versucht Frisch, sich die ersehnte Bürgerlichkeit aufzubauen, umso mehr, nachdem er den Architekturwettbewerb für den Bau der städtischen Badeanstalt Letzigraben gewinnt. Jetzt kann er sich endlich selbstständig machen, das Einkommen ist ordentlich. Sein Atelier richtet er an der Selnaustrasse 16 ein. Das Gebäude existiert nicht mehr. Heute erhebt sich an dieser Stelle das markante SIA-Hochhaus. Im Büro gibt es wenig zu tun, das Material ist wegen des Krieges knapp. An einen raschen Bau des Freibads ist nicht zu denken. Also beginnt Frisch wieder zu schreiben. Es entstehen «Die Schwierigen oder Jadore ce qui me brûle», «Santa Cruz» und «Bin oder die Reise nach Peking». Der Wunsch, Theaterstücke zu schreiben, «damit sich etwas verkörperlicht», wird immer stärker. Kurt Hirschfeld, damals Dramaturg des Schauspielhauses, soll Frisch auf der Rämistrasse angesprochen haben: «Schreiben Sie Theaterstücke! Ich führe sie auf!» Tatsächlich findet am 29. März 1945 Frischs erste Uraufführung statt. Unter der Regie von Kurt Horwitz kommt «Nun singen sie wieder. Versuch eines Requiems» auf die Bühne. Nicht nur die künstlerische Anerkennung wächst, auch die Gemeinschaft an der Zollikerstrasse. 1943 kommt Tochter Ursula zu Welt, ein Jahr später Sohn Hans Peter, schliesslich das dritte und letzte Kind, Charlotte. Besonders Tochter Ursula hat mit dem Vater zu kämpfen. Den Alltag in der Zollikerstrasse schildert sie so: «In der Mansarde das Klappern der Schreibmaschine – nicht dass ich unten im Garten beim Spielen besonders darauf geachtet hätte, aber das Geklapper bedeutete: Er ist da. Und gleichzeitig hiess es, dass er unerreichbar weit weg ist.» Frischs Frauen Nach Kriegsende geht das Bauprojekt Letzigraben voran. Frisch zeigt seinem Freund Bertolt Brecht die Baustelle. Er hatte den Meister durch Schauspielhaus-Dramaturg Hirschfeld kennen gelernt. Sie besichtigen den Sprungturm, den Pavillon. 1949 feiert das Bad Eröffnung. Es ist Frischs grösster und zugleich einziger architektonischer Wurf. Mittlerweile ist er im Literatur- und Theaterbetrieb längt angekommen und hat sich einen Ruf erschrieben, der über die Stadtgrenzen hinausgeht. Frisch bereist für die NZZ das zerstörte Nachkriegseuropa, später, 1951, wird ihm ein einjähriger Aufenthalt in Amerika zugesprochen. Er verfasst Stücke wie den «Graf Öderland». Nach seiner Rückkehr arbeitet er in der Mansarde an der Zollikerstrasse an seinem Roman «Stiller». Als das Buch 1954 erscheint, bedeutet das für Frisch den endgültigen Durchbruch, er ist jetzt, neben seinem liebsten Feind Dürrenmatt, der Star der Schweizer Literatur und wird mit Auszeichnungen, besonders in Deutschland, geehrt. 1955 gibt er sein Architekturbüro an der Selnaustrasse auf. Der Entscheid für das Schreiben ist ein kategorischer. Und selbst seine Familie kann ihn davon nicht abhalten. Er verlässt sie und zieht fürs erste nach Männedorf in ein Bauernhaus. Es kommt zur Trennung von Trudy, und wieder spielt das Materielle eine Rolle. «Ich habe wenig in die erste Ehe gebracht, eine Couch, eine Decke zu dieser Couch, eine Schreibmaschine, Bücher, einen Schreibtisch aus dem Brockenhaus, einen kleineren Teppich, zwei Zeichentische auf Böcken, eine Lampe etc. und zudem bin ich der schuldige Teil.» Ist Frisch jetzt in Zürich, speist er in der Kronenhalle, er arbeitet im Schauspielhaus an einer Inszenierung oder besucht die Bodega. Es ist die Zeit des «Homo Faber», und 1958 erfolgt am Schauspielhaus die Uraufführung von «Biedermann und die Brandstifter». Im selben Jahr tritt eine neue Frau in das Leben des Erfolgsautors – Ingeborg Bachmann, diese leicht neurotische österreichische Schriftstellerin, die sich gerne emanzipiert gibt und die Männer verachtet. Mit ihr verbindet Frisch eine obsessive Beziehung. Während sie ihm seine Produktivität neidet, leidet er unter seiner Eifersucht auf die vielen Verehrer Bachmanns. Die Feuilletons feiern die beiden allerdings als das «Traumpaar des deutschen Literaturbetriebs». Ende 1958 ziehen Frisch und Bachmann in eine Wohnung an der Feldeggstrasse 21 im Seefeld. Die Liegenschaft wird auch «das blaue Haus» genannt und fand später Eingang in Frischs Roman «Mein Name sei Gantenbein». Es ist nur ein kurzes Zürcher Intermezzo. 1959 zieht das illustre Paar nach Uetikon ins «Haus zum Langenbaum», 1960 Fortsetzung auf Seite 9

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