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Lügen und Hass auf FacebookMark Zuckerberg fliegt der eigene Laden um die Ohren

Zwei spektakuläre Enthüllungen erhöhen den Druck, die sozialen Medien stärker zu regulieren. Es wäre höchste Zeit.

Schreitet erst ein, wenn es die eigene Firma trifft: Facebook-CEO Mark Zuckerberg.
Schreitet erst ein, wenn es die eigene Firma trifft: Facebook-CEO Mark Zuckerberg.
Foto: Keystone

Facebook verbreitet Lügen und Hassreden, spaltet die Gesellschaft und gefährdet die Demokratie: Das weiss mittlerweile jeder ausser Mark Zuckerberg, der sich stets standhaft gegen jegliche Regulierung seines Nachrichtendienstes wehrte.

Wer nicht hören will, muss fühlen: Wie das «Wall Street Journal» diese Woche berichtete, will Zuckerberg jetzt sein firmeninternes Kommunikationssystem das als eine Art Mini-Facebook daherkommt regulieren, weil die Streitereien innerhalb der Belegschaft über die US-Präsidentschaftswahl und die Verantwortung Facebooks als globale Debattenbühne immer gehässiger geworden waren.

Brennt die Welt, ist es ihm egal. Kaum fliegt ihm aber der eigene Laden um die Ohren, handelt Zuckerberg. Selten ist die Verlogenheit der Branche, die sich «soziale Medien» nennt, besser zur Schau gestellt worden.

Vielleicht sieht Zuckerberg jetzt ein, dass er nicht gleichzeitig Milliarden scheffeln und sich aus der Verantwortung stehlen kann. Vielleicht wird sein Imperium von den staatlichen Aufsichtsbehörden auch endlich stärker zur Rechenschaft gezogen so wie jedes andere Medium, das falsche oder ehrverletzende Geschichten und Kommentare veröffentlicht.

«Ich weiss, dass ich Blut an meinen Händen habe»

Sophie Zhang

Die Notwendigkeit dafür wird jedenfalls immer grösser, denn um Facebook steht es noch schlimmer als gedacht, wie eine Whistleblowerin ebenfalls diese Woche enthüllte. Sophie Zhang, die drei Jahre für die Firma gearbeitet hatte, berichtete in einem ausführlichen Report auf «Buzzfeed», wie sie dafür verantwortlich war, dass die politischen Debatten in Indien, Spanien, Brasilien, Bolivien, Ecuador, Honduras, Aserbeidschan oder der Ukraine nicht aus dem Ruder liefen.

Eine einzige junge Frau sollte bei Facebook dafür sorgen, dass in diesen Ländern mit insgesamt weit über einer Milliarde Einwohnern die öffentliche Meinung und sogar ganze Wahlen nicht durch falsche Profile, gezielte Desinformationen oder die Diskreditierung bestimmter Kandidaten massiv beeinflusst werden konnte.

«Ich entdeckte zahlreiche, grossangelegte Versuche, unsere Plattform schwerwiegend zu missbrauchen, um die Bevölkerung in die Irre zu führen», schreibt Zhang. «Ohne jegliche Aufsicht» habe sie persönlich «unzählige» Entscheidungen gefällt, die «prominente Kandidaten verhindert oder gefördert» sowie ein «überwältigender Teil» der öffentlichen Meinung beeinflusst hätten je nachdem, ob sie eingeschritten sei oder nicht. Kollegen bei Facebook hätten sie «Teilzeit-Diktatorin» genannt. Zhang schreibt: «Ich weiss, dass ich Blut an meinen Händen habe

Allein 2018 zum Beispiel löschten sie und ihre Mitarbeiter anlässlich der Wahlkämpfe in Brasilien und den USA nicht weniger als 10,5 Millionen Profile und Kommentare. Sie seien damit derart überlastet gewesen, dass sie die gleichen Probleme in Ländern wie Bolivien oder Ecuador gar nicht erst in Angriff hätten nehmen können.

Auf Facebook werden sogar Völkermorde verabredet

Das Problem der Regulierung digitaler Debatten ist monumental, einfache Lösungen gibt es nicht. Damit lässt sich die bisherige Passivität der Behörden aber nicht entschuldigen in Ländern wie Myanmar zum Beispiel wurde auf Facebook schon ein Völkermord verabredet.

Auch Zuckerbergs ständiger Verweis auf das Recht zur freien Meinungsäusserung klingt nur noch nach Ausrede, um dem Problem aus dem Weg zu gehen. Sein Unwille, selbst gegen strafrechtlich relevante und professionell koordinierte Lügen-Berichte und Hass-Kommentare vorzugehen, ist schlicht zu gross.

Sophie Zhang stiess intern ebenfalls auf taube Ohren. Man könne nichts machen, denn «unsere Ressourcen sind limitiert», sagte die Firma, die jährlich rund 20 Milliarden Dollar Gewinn erzielt. Deshalb machte die Whistleblowerin ihren Bericht öffentlich. «Ich realisierte, dass meine Kritik erst respektiert wird, wenn ich mich wie ein arrogantes Arschloch aufführe», schreibt Zhang.

Halt genauso, wie es in den sozialen Medien üblich ist.

10 Kommentare
    Franz Büchel

    Facebook ist längst zu einer Gefahr für Demokratie geworden, wie man spätestens seit Cambridge Analytica, der Wahl Trumps und der Brexit Abstimmung weiss. Das Geschäftsmodell ist an Verlogenheit schwer zu übertreffen und wohl immer noch weitgehend unbekannt, wie man der Anzahl Nutzer auf FB oder den Fragen des Senatsausschusses in den USA entnehmen kann.

    Es ist Zeit, über seine Daten die Hohheit wiederzugewinnen- und dass auch Zeitungen unsere Datern nicht mehr an Facebook verkaufen.