Zum Hauptinhalt springen

Der BSO-Chefdirigent geht 2021Mario Venzago ziehts nach Asien

Was kommt nach dem Rücktritt? Für Konzert Theater Bern eine schwierige Suche – und für Mario Venzago vielleicht das Abenteuer China.

Chefdirigent Mario Venzago bei der Wiedereröffnung des Casinos Bern am 5. September 2019.
Chefdirigent Mario Venzago bei der Wiedereröffnung des Casinos Bern am 5. September 2019.
Foto:  Christian Pfander

Als Mario Venzago 2010 mit viel Selbstvertrauen nach Bern kam, wollte er das Berner Symphonieorchester (BSO) zu einem der besten Orchester des Landes machen. Das Versprechen hat er eingelöst – mit wacher Musik. Unter Venzago spielte sich das BSO mit leichtfüssigen und flotten Interpretationen in die Herzen des Berner Publikums. Der quirlige Maestro war einer, der unterhalten konnte – und bei mehreren Gelegenheiten seine Qualitäten als Conférencier aufblitzen liess. Nun ist es definitiv, dass er im Sommer 2021 zurücktritt.

«Ich fühle mich total in der Kraft»

Die Bekanntgabe sei für ihn «kein emotionaler Punkt», sagt Mario Venzago am Telefon. «Dieser Entscheidung ist ein langer Prozess vorausgegangen.» Für den 71-Jährigen soll der Abschied aber nicht das Karriereende bedeuten. «Ich fühle mich trotz des Alters total in der Kraft», sagt er. Die Stadt, die ihm sehr ans Herz gewachsen sei, sei aber «ein Ort, an dem man viel kämpfen muss, und die Waffen sind mit den Jahren stumpfer geworden». Damit spricht er seinen Einsatz für die Erhaltung des Orchesters in seiner jetzigen Grösse und Selbstständigkeit an. «Jetzt sind neue Strategien und neue Leute notwendig», ist er überzeugt. Zudem habe er in Bern viel Macht gehabt, «und diese Macht muss man zeitlich begrenzen».

Obwohl in Bern viel an den Formaten herumstudiert werde, ist er überzeugt, dass das Sinfoniekonzert weiterhin ein grosses Bedürfnis sei. Klar scheint, dass mit dem Abschied von Mario Venzago in Bern weitere Veränderungen folgen werden – in der Organisation und im Konzertkalender. Seit der Fusion von BSO und Stadttheater zu Konzert Theater Bern kämpft das Vierspartenhaus mit der Sonderrolle und der Teilautonomie der Konzertsparte.

Wachstumsmarkt China

Mario Venzago will es nochmals wissen: Zwar beabsichtigt er, seine hohe Auftrittskadenz etwas zu reduzieren, doch er will die Schweiz nochmals verlassen – vor seinem Engagement in Bern war er Chefdirigent des Indianapolis Symphony Orchestra in den USA. Nun zieht es ihn in den Wachstumsmarkt China. «Die riesigen, vollen Säle, die riesige Akzeptanz der klassischen Musik reizt mich ungemein», sagt er. Zuerst habe er die Schweiz als seinen Alterswohnsitz gesehen. «Aber der Entscheid des Abschieds in Bern macht mich mutig.»

An seinem letzten Konzert in Bern als künstlerischer Leiter des BSO wird er im kommenden Frühling etwas Neues wagen: Er dirigiert ein Violinkonzert, das er für Bern komponiert hat. Der letzte Satz heisse: «Adieu, du schöne Stadt am Fluss». Laut Konzert Theater Bern werde Venzago die Würde des «Ehrendirigenten» angetragen, in der Hoffnung, dass er als Gastdirigent dem Haus erhalten bleibt.

Schwierige Suche nach der Nachfolge

Wie aus gut unterrichteten Quellen zu erfahren ist, hätte Konzert Theater Bern gerne jetzt schon die Nachfolge präsentiert. Bereits im vergangenen Herbst wurden mehrere Kandidaten zum Probespiel mit dem Orchester eingeladen, gewählt wurde aber bis heute niemand. Weil die Neubesetzung der Stelle eine langwierige Sache ist, wird die Spielzeit 2021/2022 ausschliesslich von Gastdirigentinnen und Gastdirigenten bestritten. Eine Konzertkommission aus Orchestermusikern wird unter dem designierten KTB-Intendanten Florian Scholz das Programm gestalten.