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Soundcheck aus dem BierhübeliMarc Amacher machts auf Mundart

Der Brienzer-Blueser wagt sich an Mani Matter, singt über Kater und Schildkröten und gewinnt mit einem Lied über das Alter.

Die Reibeisenstimme aus Brienz: Marc Amacher solo im Bierhübeli.
Die Reibeisenstimme aus Brienz: Marc Amacher solo im Bierhübeli.
Foto: Martin Burkhalter

Wenn man im Bierhübeli wie am Flughafen einchecken muss, dann weiss man, dass es immer noch sonderbare Zeiten sind. Via QR-Code hinterlässt man am Eingang des Gartenrestaurants Gustav seine Kontaktdaten.

Ja, im Bierhübeli hat man auf Sonderprogramm umgestellt. Plexiglas und Pfeile auf dem Boden machen alles ein bisschen unlocker. Der Konzertbesuch wird jetzt zudem öfters mit einem Abendessen kombiniert. So bestellten neun von zehn Besuchern den Hübeliburger mit Pommes frites für 22 Franken. Er ist jeden Franken wert, auch wenn es dauert, bis er aus der Küche kommt.

Der Konzertsaal ist zur lauschigen Beiz mit mediterranem Touch umgestaltet. So sitzen nun die drei Dutzend Leute kurz nach 20 Uhr, Hamburger verdauend und schrecklich nüchtern, an den ihnen zugewiesenen Tischen. Marc Amacher schreitet mit dem typischen «Hallo» auf die Bühne. Ein ebenso trockenes Hallo kommt aus dem Publikum zurück.

Das Publikum sitzt zu ordentlich

Er ist wie immer. Zuerst plaudert er mal einfach ein bisschen drauflos. Für den Brienzer Blueser typisch, spricht er nicht das ganze Publikum an, sondern tut so, als würde er nur mit einem einzigen Kumpel aus Kindertagen reden. «Weisch, wasi meine, gäu?» Dass es Marc Amacher wohl ist auf der Bühne, dass weiss jeder in diesem Land seit seiner «The Voice of Germany»-Teilnahme.

Der Abend im Bierhübeli nennt sich «Bluesmacher». Marc Amacher probiert sich an Mundart-Blues. Schon bei früheren Auftritten hat er mit «Amsel, Fink, Spatz und Star» gezeigt, dass er gute Mundart-Texte schreiben kann. Es ist ein poetisches und amüsantes Troubadour-Stück. Wenn er noch mehr solche Lieder in petto hat, umso besser. Berner Mundart-Blues gibt es sowieso viel zu selten.

Das Konzert ist Experiment und Premiere zugleich. Ein bisschen angespannt ist er. Und auch das Publikum sitzt ein bisschen zu ordentlich an den Tischen. Partystimmung sieht anders aus.

Marc Amacher erklärt, dass Mani Matter ja eigentlich der Oberblueser gewesen sei, und gibt dann seine eigene Version von «Eskimo» zum Besten. Auch wenn seine Interpretation durchaus lustige Stellen hat: an einem Matter-Song ist nicht zu rütteln. Besser texten kann man nun mal nicht. So muss man auch Amachers Interpretationen von «Ferdinand» und «Dr Sidi» – zumindest textlich – Verhunzungen nennen.

Ohne doppelten Boden

Zum Glück hat er noch eigene Stücke parat. Etwa ein lustiges Dramolett über seinen schwarzen Kater Flash Gordon, der verschwand und Wochen später mit Nachwuchs wieder auftauchte. Der Kater war eine Katze. Oder die offenbar wahre Geschichte über eine zugelaufene Schildkröte, die ihm jeweils beim Bluesspielen in der Werkstatt zuhörte. Beide Lieder schmückt er in bester Bluesman-Tradition mit Anekdoten und ausschweifenden Gitarrensoli aus, stampft mit dem Fuss den Rhythmus. Und dass Amacher gesanglich eine Wucht ist, weiss inzwischen auch jedes Kind.

Klar, das sind eher leichte, unterhaltende Lieder. Einen doppelten Boden sucht man vergeblich. Doch dann, gegen Ende, geht Amacher unangekündigt in ein anschwellendes, rollendes Gitarrenspiel über und singt mit tiefer, flehender Stimme ein Folklied mit dem Refrain «Hans vo näbe dran, stiiret ad Wang». Es ist ein zartes und kluges Lied über Alter und Einsamkeit. Ja, wenn er will, kann er schon, der Amacher.

Kurz vor zehn ist das Konzert um. Der Burger ist verdaut, draussen ist es immer noch hell und Amacher fasst den Abend – bevor er sich verabschiedet – perfekt zusammen: «Für mi isches o eiget gsy.»