Zum Hauptinhalt springen

Wohin mit Yves?

«Finsteres Glück» ist Stefan Haupts Versuch, das gleichnamige Buch von Lukas Hartmann zu verfilmen. Ein wenig Leichtigkeit hätte der Tragödie gutgetan.

Ach, Schweizer Spielfilm, wieso tust du dich so schwer? Regisseur Stefan Haupt hat den Roman «Finsteres Glück» von Lukas Hartmann verfilmt. Finster, weil: Ein Familienausflug ins Elsass während der Sonnenfinsternis 1999 wird zur Tragödie. Die Rückfahrt endet in einer Tunnelwand, Mutter, Vater und zwei Kinder sterben, nur einer nicht: Yves, ein kleiner Junge mit traurigen Augen kommt mit Verletzungen davon, verliert aber seine ganze Familie. Später im Film wird er sagen: «Es wäre besser, wenn ich auch tot wäre.»

Streit ums Sorgerecht

Dabei ist da ja auch Glück, weil: Um Yves kümmert sich fortan Eliane (Eleni Haupt), eine Psychologin, die den Jungen nach seiner Einlieferung ins Spital seelsorgerisch betreut. Wie sie dem offensichtlich unter Schock stehenden Jungen anfangs begegnet, wohl wissend um seine maximale Fragilität – an jedem falschen Wort, an jeder falschen Bewegung könnte er vollends zerbrechen –, das gehört zum Feinen, das dieser Film zu bieten hat.

So gewinnt Eliane bald das Vertrauen des Schutzlosen und verliert bald ihre Work-Life-Balance. Sie, die zu Hause zwei Töchter (22 und 17) allein erzieht, wird aufgesaugt von diesem Job, diesem Schicksal, von Yves, dem nichts mehr bleibt ausser einer Tante und einer Grossmutter, die sich viel zu laut um das Sorgerecht streiten.

Stefan Haupt gibt sich Mühe, jedes Aufflackern von Leichtigkeit im Keim zu ersticken.

Es sind zerrüttete Familienverhältnisse, die die Verstorbenen hinterlassen haben, das will uns der Film gar deutlich klarmachen, und hier manifestiert sich eines der bekannten Probleme des Schweizer Spielfilms: die Überzeichnung. Die Figur der Tante (Alice Flotron) schiesst in ihrer ruchlosen Art als Konterpart zu Eliane etwas sehr weit übers Ziel. Der spätere behördliche Entscheid, den Jungen in ihre Obhut zu geben, erscheint wie ein schlechter, einzig der Dramaturgie (und einer politischen Kontroverse?) geschuldeter Witz.

Witzig ist allerdings nichts in dieser Geschichte. Das ist hier ja auch nicht das relevante Kriterium, aber etwas mehr Leichtigkeit, so denkt man mit zunehmender Filmdauer, täte nicht nur dem Zuseher gut, sondern auch Yves. Doch Stefan Haupt gibt sich Mühe, jedes Aufflackern von Leichtigkeit im Keim zu ersticken. Als verböte es die Pietät angesichts des tragischen Schicksals, das dem Jungen widerfahren ist.

Vielleicht liegt es auch daran, dass für Eliane und ihre Töchter, die trotz Behördenentscheid immer enger mit Yves verbunden sind, die Konfrontation mit seinem Schicksal zunehmend zur Aufarbeitung der eigenen, unverarbeiteten Vergangenheit wird. «Yyyyyyyyves», sagt Eliane mit tonnenschwerer und irgendwann lästiger Stimme immer, selbst wenn dieser einen munteren Moment hat und drauflosplappert, wie das 8-Jährige eben tun.

Traumatische Reise

Im echten Leben ist Yves 10, er heisst Noé Rickli, und er hat am Kinder- und Jugendtheater Metzenthin in Zürich erste Schauspielerfahrungen gemacht. Gewiss eine sehr gute Besetzung für seine erste Filmrolle, was auch Buchautor Lukas Hartmann so sieht: Vieles sei in der Verfilmung anders, sagt er, aber «Yves, der verwaiste Junge, kommt meinem inneren Bild verblüffend nahe». Nach anfänglicher Irritation über die Unterschiede, so Hartmann weiter, habe er seine Erzählung wiedererkannt im Spiel der Akteure, in der Wahl der Bilder und im Rhythmus der Handlung. Es ist ein grosszügiges Kompliment vom Stofflieferanten.

Der filmischen Umsetzung von «Finsteres Glück» gehen gerade im Erzählrhythmus die Pointen ab, die blosse Aneinanderreihung der solide produzierten, aber stets ähnlich kurzen Sequenzen endet in der formalen Monotonie. Und Yves? Er unternimmt die traumatische Reise ins Elsass noch einmal und findet, das sei bei so viel Schwere verraten, ins Leben zurück.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch