«Und de ganz Tag aperöle»

Teuflisch gut: Die Bernerinnen Meret Matter und Stefanie Grob haben Grimms «Der Teufel mit den drei goldenen Haaren» zum Zürcher Weihnachts­märchen verarbeitet.

Angeschickert: Der Hofstaat erträgt den teuflischen König (rechts, Ludwig Boettger) nur dank Apéros.

Angeschickert: Der Hofstaat erträgt den teuflischen König (rechts, Ludwig Boettger) nur dank Apéros. Bild: Tanja Dorendorf/zvg

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«Ich bin jung, ich bin schön, lueged guet, ich bis gwöhnt», singt Felix, das Glückskind. Er ist mit einer zweiten Haut auf die Welt gekommen, dank der ihm alles gelingt. Zuletzt schlägt er den Teufel und erobert das Herz der Prinzessin Jeanne-Charlotte, kurz Scha-Scha. Märchenstoff aus Grimms Webstube.

Zunächst ist er aber ein Findelkind unter der liebevollen Obhut einer Müllersfamilie. Julian Anatol Schneider, Theaterstudent an der Berner Hochschule der Künste, spielt ihn mit charmanter Leichtigkeit: den gut aussehenden, Freestyle-rappenden, tanzenden und dichtenden Teenager, dem im verarmten Volk die Herzen zufallen – «hinter den sieben Dörfern bei den sieben Surfern», wie es so schön heisst im Weihnachtsmärchen «Der Teufel mit den drei goldenen Haaren» am Zürcher Schauspielhaus.

Es ist eine grossartige Bearbeitung eines wunderlichen Grimm-Märchens. Die Berner Autorin Stefanie Grob, Regisseurin Meret Matter und die Zürcher Kinderrockstars Stärneföifi machen spannendes Theater mit richtig guter Musik. Im Publikum zeigen sich die Kinder nach den zwei Stunden inklusive Pause gleichermassen begeistert («Zu-ga-be, Zu-ga-be!») wie ihre Begleitungsberechtigten.

Die Welt ist ungerecht, aber in Ordnung: Die Bösen sind schrecklich doof, aber auch richtig böse. Und am Schluss gewinnen die Guten, weil sie ihre Gegner auszutricksen vermögen und das Glück auf ihrer Seite wissen. Dazu gibt es viele Witze für jedes Alter und obendrauf Seitenhiebe auf die Musikindustrie und den Kapitalismus für die Erwachsenen. Immer wieder toll sind die Liedtexte von Boni Koller. Er lässt den mozartperückierten Hofstaat das feuchtfröhliche Leben be­singen: «Es Lied uf de König gröle und de ganz Tag aperöle.»

Teuflisch

Auf der Seite der Bösen tritt zunächst einmal ebendieser König (Ludwig Boettger) auf, der gerne teuflischer wäre als der Teufel und dies sein hungerndes Volk spüren lässt. Nur mit einer Tochter aus erster Ehe gesegnet, sucht er nach einem Stammhalter. Doch die widerspenstige Prinzessin Scha-Scha (Elisa Plüss) will weder heiraten noch sich sonst etwas befehlen lassen – sie kämpft für Frauenrechte und ­Naturschutz und das Wohl der Menschheit.

Ihren ersten Namen Jeanne hat sie von der Freiheitskämpferin d’Arc, den zweiten, Charlotte, von der gleichnamigen Lieblingskartoffelsorte ihrer verstorbenen Mutter. Dem König kommt zu Ohren, dass sich draussen im Reich ein Supertyp befinde, dem seine Tochter verfallen könne.

Um das zu verhindern, sucht er die Müllersfamilie auf und verspricht Felix eine glänzende Musikkarriere mit Förderung und ­allem – aber schickt ihn auf den Weg ins Verderben. Unter Mit­hilfe der Waldrebellen wird er am Hof nicht ermordet, sondern mit der Prinzessin verheiratet. Um aber den Zorn des Stiefvaters zu sänftigen, muss er dem Teufel dessen drei einzige Haare ausreissen – dafür begibt er sich mit Scha-Scha auf einen Roadtrip in die Hölle.

Dort wartet nicht nur ein weiteres gruselig-schönes Bühnenbild (Sara Giancane), sondern auch die Grossmutter des Teufels (Sibylle Aeberli) und der Teufel (Christian Baumbach) selbst. Keine Frage: Die mutigen Verliebten meistern alle Prüfungen und retten im Vorbeigehen die Welt. Der König wird zum Fährimaa der Vorhölle – und dann wird im Schloss geaperölet, dass sich die Balken biegen.

Gruselig

Auch die zweite Weihnachtsgeschichte von Stärneföifi/Matter (nach «Die Odyssee für Kinder» 2013) mutet den Kindern (ab sechs Jahren) etwas zu.

Sie müssen einige gruselige Szenen wegstecken und mitfiebern, werden dafür aber mit Augenzwinkern, guten Songs und Witzen belohnt. Was für ein Vergnügen.

Nächste Vorstellung: Sa, 19. 11., 14 Uhr, Pfauen, Zürich. www.schauspielhaus.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.11.2016, 11:02 Uhr

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