Schweizer rollen den Tourismusmarkt auf

Von Airbnb bis zu Tripadvisor: Die grossen Reiseplattformen stammen aus den USA. Ausser Getyourguide: Die Website, über die Ausflüge gebucht werden können, wurde in Zürich ausgeheckt.

Eine Rundfahrt durch Rom?inklusive des Eintritts ins Kolosseum: Dieses Paket kann über die Schweizer Online-Plattform GetYourGuide.com gebucht werden.

Eine Rundfahrt durch Rom?inklusive des Eintritts ins Kolosseum: Dieses Paket kann über die Schweizer Online-Plattform GetYourGuide.com gebucht werden.

(Bild: imago)

Mathias Born@thisss

Pascal Mathis, waren Sie schon einmal auf einem Tandem-Gleitschirmflug?Ja, das war ich. Mittlerweile bin ich selber Gleitschirmpilot. Allerdings darf ich selber noch keine Tandemflüge durchführen.

Wenn Sie die Ausbildung hätten: Würden Sie Flüge auf Getyour­guide ausschreiben, der von Ihnen mitbegründeten Website?Selbstverständlich. Allerdings fehlt mir im Moment – nebst dem Permis – auch die Zeit dafür.

Wir führen dieses Gespräch an den X-Days, einer Innovations­tagung in Interlaken. Der Gleitschirmflug ist das einzige Angebot, das ich auf Getyourguide für heute hätte buchen können . . .Das ist alles? Meine Kollegen sollten einen besseren Job machen. (lacht) Zugegeben: Die Auswahl an Angeboten ist nicht überall gleich breit. Das Team hinter Getyourguide konzentriert sich zuerst auf die weltweit wichtigsten Tourismusdestinationen: auf New York, Paris, London, Barcelona und Rom. Trotzdem erstaunt es mich, dass es an einem Hotspot wie Interlaken nicht mehr Angebote gibt. Probieren Sie es nochmals: Wählen Sie mehr als einen Tag aus. Und suchen Sie nicht erst am Vorabend, denn dann sind viele Angebote aus logistischen Gründen nicht mehr buchbar. Dann werden Sie garantiert mehr Angebote finden.

Zugegeben: Ich habe erst gestern Abend gesucht. Der erwähnte Flug wird von der Kleinfirma Alpinair durchgeführt. Weshalb soll ich über Getyourguide buchen – statt direkt beim Piloten?Sie können den Flug problemlos direkt beim Anbieter buchen, da sie über die Kontaktadresse verfügen und Schweizerdeutsch sprechen. Für Interessenten aus dem Ausland sind die Hürden höher. Sie schätzen es, wenn sie alle Informationen zum Angebot gut aufbereitet präsentiert erhalten, keine Sprachhürden überwinden müssen und sofort unkompliziert online buchen können.

Bekomme ich mehr Sicherheit, wenn ich bei Ihnen buche?Ja. Die Plattform arbeitet nur mit seriösen Anbietern zusammen. Und auch wenn mal etwas schiefgeht, hilft das Team schnell und unkompliziert. Stellen Sie sich vor, der Gleitschirmflug fällt aus, weil der Pilot krank ist. Dann schauen die Mitarbeiter, ob ein anderer verfügbar ist. Selbstverständlich wird das Geld zurückerstattet, wenn der Flug ausfällt.

Egal, ob ich bei Alpinair oder über Getyourguide buche: Ich bezahle 170 Franken. Bei der Direktbuchung kriegt Alpinair das ganze Geld, bei der Buchung über Ihre Plattform weniger als 140 Franken. Wie können Sie sicherstellen, dass Anbieter im Direktverkauf keine Rabatte gewähren?Getyourguide kann nicht kontrollieren, ob Anbieter am Telefon einen Spezialpreis nennen. In der Regel halten sich die Anbieter aber an die Abmachung. Schliesslich profitieren sie vom Portal.

Im Hotelbereich schöpfen Vermittlungsportale hierzulande zwischen 12 und 15 Prozent ab. Das stösst vielen Hoteliers sauer auf. Sie wehren sich gegen die Zwischenhändler. Gerät bald auch Getyourguide unter Druck?Im Gegenteil: Die Anbieter sind froh, dass es unsere Vertriebsplattform gibt. Wer verreist, benötigt zwingend ein Transportmittel und eine Unterkunft. Ferien ohne Stadtführung oder den Besuch einer Sehenswürdigkeit sind aber gut möglich. Dank der Vermittlungsplattform buchen nun weitaus mehr Leute eine Aktivität. Die Provision ist zudem mit 15 bis 25 Prozent marktüblich und fair. Sie wurde bislang nie kritisiert. Schliesslich erhalten die Anbieter einen guten Gegenwert: Für sie ist es schwierig und teuer, an Kunden zu kommen. Die Plattform vereinfacht das. Das Team verfügt zudem über ein grosses Know-how in der Onlinevermarktung und bereitet die Ausschreibungen sehr gut auf.

Stellen die Veranstalter denn die Annoncen nicht selber online?Zwar können die Anbieter selber Inhalte hochladen. Doch diese entsprechen meistens nicht den Qualitätsanforderungen. Auch die Fotos sind nicht immer gut genug. Deshalb werden viele Texte umgeschrieben. Auch die Übersetzung in weitere Sprachen und teilweise auch die Kosten für einen Profifotografen übernimmt Getyourguide. Die Präsentation des Produkts muss gut sein, sonst wird es nicht gebucht.

Eine Wiederverkaufsplattform zu schaffen, ist nicht allzu innovativ. Analog zu Airbnb und Uber wäre es revolutionärer, wenn Führungen und Kurse von Privatpersonen vermittelt würden.Das war ursprünglich unsere Idee: Die Yogalehrerin soll ihre Kurse selber verkaufen, der passionierte Wanderer seine Touren ausschreiben. Doch es ist unheimlich schwierig, mit Privatpersonen ein professionelles Angebot aufzuziehen. Hat der Wanderleiter keine Lust, wird krank oder hat Besseres zu tun, fällt der Ausflug aus – und die Vermittlungsplattform bekommt Probleme. Bei unserem ersten Versuch wurden zudem bloss wenige Aktivitäten gebucht. Dann haben sich plötzlich professionelle Anbieter nach den Inseratekonditionen erkundigt. Wir merkten: Sie haben grosse Mühe, ihre Angebote online zu verkaufen. Deshalb haben wir die Plattform nochmals neu gemacht – für Profis.

Kann ich als Privater auf dem Portal eine Führung anbieten?Nein, das geht nicht mehr. Sie müssen zuerst ein Unternehmen gründen. Getyourguide klärt bei jedem Interessenten ab, ob die Firma existiert und wie sie andernorts bewertet wird. So wird sichergestellt, dass die Qualität der Dienstleistung stimmt.

Sie haben Getyourguide 2009 mit einigen ETH-Kollegen gegründet. In den ersten vier Jahren ist die Mitarbeiterzahl rasant von 5 auf 120 gewachsen. Weshalb braucht man so viele Leute, um eine Website zu betreiben?Das kann man sich tatsächlich fast nicht vorstellen. Wenn wir es gewusst hätten, wären wir wohl nie an den Start gegangen. Es wäre schön, wenn die Leute einfach buchen würden und die virtuelle Maschine dann Geld ausspuckte. Doch die Nutzer buchen nicht nur. Sie rufen auch an – etwa, weil sie eine Zusatzfrage haben. Entsprechend viele Leute braucht es im Callcenter. Zudem ist es ein Riesenaufwand, bis all die Angebote schön und stimmig online sind: Man muss die Branchentelefonbücher durchtelefonieren, Texte aufbereiten und übersetzen, Fotos machen. Nötig sind also viele Leute auf der Redaktion. Hinzu kommt ein Marketingteam. Auch die Entwicklung der technischen Plattform mit dem Buchungssystem ist aufwendig. Das Technikteam entspricht jenem einer mittleren IT-Firma.

Viele Mitarbeiter kosten auch viel Geld. Ihr Kapital ging entsprechend schnell zur Neige . . .Wir wollten wachsen und weltweit tätig werden. Zwar hätten wir das Portal organisch wachsen lassen können. Das aber wäre gefährlich gewesen. Dann hätte irgendwer in den USA rasch viel Geld aufgenommen und uns sogleich überrollt – genau, wie Airbnb einige europäische Konkurrenten verdrängt hat. Wenn schon, wollten wir die Plattform sein, die andere übernimmt.

Das haben Sie 2013 mit der Übernahme des Berliner Konkurrenten Gidsy getan. Zuvor brauchten Sie aber nochmals Geld: Bei zwei Risikokapitalgesellschaften in den USA haben Sie 13,8 Millionen Franken aufgetrieben. Wie kommt man zu so viel Geld?Am besten funktioniert, wenn bestehende Investoren Türen öffnen können. Wir hatten einen Geldgeber aus London an Bord, der in den USA gut vernetzt ist. Bei den Präsentationen versuchten wir Geldgeber zu finden, die am besten passen und am meisten helfen können. Schwierig war das Juristische: Die Investoren nahmen zusätzlich zum normalen Anwalt einen in der Schweiz, und wir einen in den USA. Das führte zu einem Pingpong zwischen vier Kanzleien. Gefreut hat es vor allem die Anwälte ...

Könnten die Grossen der Reisebranche nicht innert Kürze einen ähnlichen Dienst aufziehen?Einige der Reiseriesen wollten unser Unternehmen kaufen. Wir haben stets einen hohen Preis verlangt. Und sie haben daraufhin gesagt: «Dann machen wir es selber.» Getan hat es noch keiner. Denn dieses Geschäft ist komplizierter als Flugtickets und Hotelübernachtungen zu verkaufen. All die kleinen Anbieter auf eine Plattform zu bringen, die Inhalte zu kuratieren und zu bewerben, ist aufwendig. Es ist effizienter, diese Dienstleistung einzukaufen. Unser Hauptkonkurrent Viator etwa wurde schliesslich von Tripadvisor übernommen ...

Gegründet wurde Getyourguide in Zürich. Mittlerweile ist das Büro in Berlin grösser als der Hauptsitz. Was ist passiert?In Zürich ist das Technologiezentrum. Das Marketing und der Verkauf hingegen sind in Berlin angesiedelt. Der Hauptgrund dafür ist, dass es dort viel mehr geeignete Leute aus den Bereichen Design und Suchmaschinenoptimierung gibt. Berlin ist zu einem sogenannten Hub geworden. Und ja: Die Löhne sind tiefer.

Sie selber haben 2013 zu Google gewechselt. Weshalb?Ich war Teil des Geschäftsteams und hätte noch öfters nach Berlin reisen müssen. Dabei war ich pro Woche bereits drei, vier Tage dort. Gleichzeitig habe ich mit meiner Frau ein zweites «Start-up» gegründet, das zwei Kinder hervorgebracht hat. Wir mussten uns entscheiden: Entweder zügeln wir nach Berlin oder ich muss aussteigen.

Aus Europa haben es kaum Internetportale an die Spitze geschafft – abgesehen etwa von Soundcloud aus Berlin und Xing aus Hamburg. Warum tun sich die Europäer so schwer?Die Menschen in den USA denken grösser. Sowohl die Unternehmer als auch die Geldgeber gehen viel mehr Risiko ein. Mit einer guten Idee konnte man dort bis vor kurzem 10 Millionen Dollar aufnehmen. Der US-Markt ist zudem gross und homogen. Wir hingegen mussten sofort in mehreren Sprachen liefern und den Schritt ins Ausland wagen. Nichtsdestotrotz: Ich glaube, dass die Nachteile des europäischen Markts oftmals als Ausrede angeführt werden. Was uns fehlt, ist die richtige Einstellung. Wir müssen mehr wagen. Unternehmer verdienen zudem Unterstützung. Und vor allem: Hören wir auf, sie an den Pranger zu stellen, wenn sie Spannendes gewagt haben und dabei gescheitert sind.

Sie arbeiten bei Google, beraten Jungunternehmer und haben eine Familie. Finden Sie daneben noch Zeit für Ihr Hobby: das Gleitschirmfliegen?Derzeit kommt dieses Hobby zu kurz. Es liegen bloss einige wenige Flüge pro Jahr drin. Mittlerweile sind die Kinder aber bereits so gross, dass wir zusammen Ski fahren können. Und wer weiss: Vielleicht gehen wir irgendwann auch im Tandem fliegen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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