«Schreib doch ein Buch über dein Leben!»

Das Verlagsprojekt «Edition Unik» des einstigen Expo-Direktors Martin Heller erfüllt in 17 Wochen den Traum, ein Buch über das eigene Leben zu schreiben.

Hobbyautorinnen im Gespräch mit Martin Heller. Dessen Edition Unik unterweist Laien, wie man Erinnerungen festhält und sie zu einem Buch komponiert.

Hobbyautorinnen im Gespräch mit Martin Heller. Dessen Edition Unik unterweist Laien, wie man Erinnerungen festhält und sie zu einem Buch komponiert.

(Bild: Flurin Bertschinger/Ex-Press)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Wenn Elisabeth Leu (70) den Söhnen oder den Verwandten aus ihrer Jugend erzählt, bekommt sie öfter diese Aufforderung zu hören: «Das musst du mal festhalten, schreib doch ein Buch!» Genau das macht Elisabeth Leu jetzt.

Die frühere Pflegeheimleiterin und Alt-Gemeindepräsidentin des Seeländer Dorfs Fräschels ist dafür Ende März extra nach Zürich gefahren. In einem Seminarraum der Pädagogischen Hochschule sitzt sie nun unter zwei Dutzend Frauen und acht Männern. Sie alle wollen ein Buch über ihr Leben schreiben.

Schreibanleitung für ein Buch

Die dominante Haarfarbe im Raum ist grau. Die Anwesenden sind in einem Alter, in dem man endlich Zeit hat, ausgiebig zurückzublicken. Nun lassen sie sich vom Team der Edition Unik anleiten, wie man Erinnerungen hervorholt und festhält und wie man aus notierten Erinnerungen ein Buch komponiert. Das alles in bloss siebzehn Wochen.

Die Edition Unik ist ein Projekt des Zürcher Büros Heller Enterprises, das der Kulturunternehmer Martin Heller gegründet hat. National bekannt wurde er als künstlerischer Direktor der Expo.02. Nun sitzt er unter den Hobbyautorinnen und -autoren, die sich in der Halbzeit ihres Schreibprojekts zum Austausch treffen.

Unik-Projektleiter Frerk Froböse gibt ihnen einige Fragen vor: Für wen schreibe ich? Worüber schreibe ich? Welche Probleme habe ich beim Schreiben? Die Fragen wären kaum nötig gewesen. Die Anwesenden legen gleich los und erzählen sich gegenseitig von ihren Sturzbächen der Erinnerung – und vom Rausch der Niederschrift.

Elisabeth Leu berichtet ihren Sitznachbarinnen, wie sie für ihr Buchprojekt mit dem Ehemann eine Pause bei der Planung gemeinsamer Freizeitaktivitäten ausgehandelt hat. Und wie ihre Recherche im Verwandtenkreis für Gesprächsstoff sorgt. Sie strahlt. Fast alle anwesenden Senioren strahlen, wenn sie von ihren Schreibversuchen erzählen. Bei den Studenten, die sonst im Seminarraum sitzen, dürfte der Enthusiasmus kleiner sein.

Der Traum von einer Biografie

Es ist ein Traum vieler Senioren: Darüber, was sie alles erlebt haben, ein Buch zu schreiben. Dieses Buch in den Händen halten zu können. Und es den Enkeln, den Angehörigen zu schenken, wie ein Stück des eigenen Lebens. Es gehört ja auch zum Älterwerden, dass man zurückschaut, sich einen Überblick verschafft, Bilanz zieht, aufräumt im Leben. Und dass man den Nachkommen erzählt, wie es früher war: ohne Fernsehen und Abwaschmaschine, ohne Smartphone und Internet, ohne Zalando und Billigflugtickets.

«Das Erzählen über das Leben überspringt gern eine Generation, es fällt oft leichter, den Enkeln als den erwachsenen Kindern zu berichten», sagt Martin Heller. Das private Erfahrungswissen ist für ihn eine kostbare Ressource. Und der Ausgangspunkt für die Edition Unik. Heller will den Schreibenden vermitteln, dass das Private, Gewöhnliche und Alltägliche wichtig und mitteilenswert ist.

Zählt denn die Erinnerung in der kurzfristig denkenden Gegenwart überhaupt noch? Unbedingt, findet Heller. Enkel seien fasziniert von der fremden Welt, in der ihre Grosseltern aufwachsen sind. Aber natürlich müsse man fürs Erinnern ein bestimmtes Mass an Erfahrung und genug Kilometer auf dem Lebenstachometer haben.

Selbstverlag für Laien

Martin Heller, Kunstwissenschaftler und Ethnologe, hat sich als Direktor des Museums für Gestaltung in Zürich schon vor seiner Expo-Zeit den «Sensationen des Gewöhnlichen» gewidmet. In der Ausstellung «Herzblut» präsentierte er 1987 zusammen mit dem Verleger Walter Keller lauter Hobbyarbeiten. Mit ihren Brandmalereien dabei war auch die frühere Berner Dienstmagd Rosmarie Buri. Bevor sie 1992, mit 62 Jahren, ihren Lebenserinnerungsbestseller «Dumm und Dick» publizierte.

Martin Heller und Frerk Froböse wollen allerdings keine Bestseller auf den Buchmarkt werfen. «Wir konkurrenzieren mit der Edition Unik keine bestehenden Verlage», sagt Heller. Die übliche Auflage eines Unik-Buchs besteht aus drei Exemplaren. Zwei für die Autorin oder den Autoren und eines für die Edition. Ein Unik-Buch ist ein Privatdruck. Auf eigene Kosten können Autoren weitere Exemplare drucken lassen.

Schreiben leicht gemacht

Bevor sie loslegten, besprachen sich die Unik-Macher mit Coaches, welche sich mit dem Prozess und den Blockaden des Schreibhandwerks auskennen. Dann kontaktierten sie IT-Firmen und liessen sich von ihnen eigens eine Schreibsoftware entwickeln. Wer für 480 Franken das siebzehn Wochen dauernde Unik-Basisprogramm bucht, erhält Zugang zu einem Schreibtool, das die Entstehung des Buchs in drei übersichtliche Phasen unterteilt.

In Phase eins hält man möglichst täglich in 45-Minuten-Einheiten Erinnerungen in Notizen fest. Die Idee dahinter: Noch ganz frei von Strukturierungs- und Layoutzwängen soll man in sein Leben eintauchen und dabei ­herausfinden, was einem wichtig und erzählenswert erscheint. In Phase zwei überträgt man die Erinnerungsfetzen in Kapiteldokumente, bearbeitet sie und gibt ihnen eine Reihenfolge.

In Phase drei überträgt man sein Manuskript mit der automatisierten Software in ein einfaches Buchlayout, in das auch Bilder eingelesen werden können. Am Ende schickt man per Klick die fertige PDF-Datei an die Druckerei. Ein paar Treffen und ein Newsletter begleiten den Prozess. «Man fühlt sich beim Schreiben nicht als einsamer Kämpfer, sondern einer Gruppe zugehörig und hat doch individuelle Freiheiten», sagt Frerk Froböse.

Autorinnen von 46 bis 84

Die Edition Unik startete im Frühjahr 2015 mit einem Pilotdurchgang. 65 Autorinnen und Autoren begannen, 48 von ihnen schafften es, bis zum Sommer ihr Lebensbuch zu vollenden. Meist verfassten die Autoren und Autorinnen Biografisches – unterschiedlich lange Bücher über prägende Zeitabschnitte, die Jugend oder die Familiengeschichte.

Einige Werke liegen in handlichem Format mit blauem, orangem oder rosa Leineneinband vor Heller und Froböse auf dem Tisch: Die Glarner Alpsommer­erinnerung «Kuhreigen», die Selbsterfahrungsbücher «Meine Reise mit Krebs», «Ira – Heiliger Zorn» und «Rennen mit dem Wind», aber auch die Aphorismensammlung «Geistesblitze» oder die 500-seitige Kunst­betrachtung «Bilder, Bücher, Bauten».

Für den Unik-Hauptdurchgang nach dem Probegalopp haben nun im Februar 64 Personen die Arbeit an ihrem Lebensbuch aufgenommen. Gut zwei Drittel von ihnen sind laut Frerk Froböse Frauen. Natürlich müsse man eine Affinität fürs Schreiben mitbringen, sagt er, aber die Autorinnen und Autoren seien beileibe nicht nur Akademiker, sondern auch Handwerker oder kaufmännisch Ausgebildete, sie kommen aus der Stadt wie auch vom Land.

Das Durchschnittsalter liegt bei 68 Jahren, die jüngste Autorin war bis jetzt 46, der älteste Autor 84 Jahre alt. «Wir betrachten die Edition Unik aber nicht in erster Linie als Seniorenprojekt, sondern als Schreibprojekt», sagt Martin Heller. Er selbst ist 64 Jahre alt und auch bald reif für die Lebensbeichte in seiner Edition. Da die Teilnehmenden noch im analogen Zeitalter aufgewachsen sind, wollten sie ein Buch aus Papier in der Hand halten, sagt Heller. Noch gibt es die Unik-Werke deshalb nicht als E-Books.

«Froh über jeden Regentag»

In Kleingruppen tauschen sich die Hobbyautoren im Seminarraum nun darüber aus, wie sie acht Wochen lang ihre Vergangenheit durchleuchtet haben. Vor lauter Erinnerungen habe sie abends kaum einschlafen können, erzählt die einstige Bankangestellte und Familienfrau Annemarie Pohli (67) aus Zürich. «Ich bin froh über jeden Regentag, an dem ich weiterschreiben kann, weil nicht schönes Wetter zu einem Ausflug animiert», sagt sie mit einem Lachen.

Sie komme angesichts des machtvollen Erinnerungssturms mit 45 Minuten Schreibzeit am Tag nicht durch, berichtet Antoinette Fierz (70), früher im Management tätig und Gemeinderätin im Zürcher Vorort Dietlikon. Ihre Lebensgeschichte strukturiert sie wie die Teile eines Baums: Die Wurzeln für die Herkunft, der Stamm für den Werdegang, die Krone für das Erreichte.

David Gut (65), Heizungsmonteur aus Lenzburg, hat einen Notizblock auf dem Nachttisch, um auftauchende Erinnerungsfetzen auch zur Unzeit festhalten zu können. Seine Frau wundere sich schon etwas über seine Akribie, gesteht er. Er setzt mit seiner Familiengeschichte 1886 ein, mit der Geburt seines Vaters, der im Ersten und im Zweiten Weltkrieg als Soldat an der Grenze gedient hat.

Einige der zahlreichen Geschwister seines Vaters habe er gar nicht richtig gekannt und wisse fast nichts von ihnen, sagt Gut. 150 000 Zeichen hat er in acht Wochen schon hingeworfen – Stoff für über 100 Seiten, rechnet er vor.

Branka Wüst (65) ist mit 20 Jahren aus Slowenien nach Zürich gekommen. Sie hat für ihre Familiengeschichte fantastische Quellen: Briefe und auf Tonband aufgenommene Erzählungen ihrer Tante. Aus deren Perspektive wird sie nun die unruhige Geschichte des früheren Jugoslawiens vom Ersten Weltkrieg bis heute erzählen. Andreas von Bergen (70) schreibt sein wechselhaftes Berufsleben «zwischen Valencia und Kopenhagen» nieder. Aufgewachsen in Meiringen, kam der Schreiner und Innenarchitekt nach Zürich, wo er als Redaktor der Schweizer «Schreinerzeitung» wirkte und für den Schweizer Schreinermeisterverband als Experte durch Europa reiste.

Es sind keine grandiosen Laufbahnen, die die Autoren und Autorinnen der Edition Unik anvertrauen. Sie müssen auch keine breite Leserschaft finden. Aber es sind echte, persönlich verbürgte Geschichten. Für die Autoren sind sie grösser, wahrer und wichtiger als jede Starbiografie.

Im Erinnerungssturm hat David Gut nicht immer genug Zeit für alle nötigen Kommas und die korrekte Orthografie. Auf eigene Kosten kann man bei der Edition Unik zusätzlich eine automatisierte Textkontrolle oder Beratungsstunden von erfahrenen Mentoren buchen. Nicht alle Autoren halten das für nötig. «Es gehört zu den Freiheiten der Edition Unik, dass man professionelle Ambitionen und die Kommaregeln vernachlässigen kann», sagt Martin Heller.

Worüber man nie sprach

Im Plenum debattieren sie nun, wie wahrheitsgetreu ihre Berichte sein sollen. Die Männer wundern sich ein bisschen über das Streben der Frauen nach Aufrichtigkeit. Man bleibe allemal subjektiv, sagt einer. Ein anderer räumt gleich ein, dass in seinem Buch etwa 50 Prozent wahr und 50 Prozent erfunden seien. Auch eine Frau erklärt nun, dass sie in einem zweiten Durchgang aus ihrer Familiengeschichte eine Romanversion machen wolle.

Erst am Ende der Veranstaltung stossen sie auf ein schwieriges Thema. Eine Frau gesteht, dass sie sich manchmal frage: «Darf ich das überhaupt schreiben?» Sie sei auch nicht mehr so sicher, ob sie ihr Buch wirklich für die Enkel oder doch eher für sich selbst schreibe. Eine andere Frau sagt, dass man in ihrer Familie über gewisse Verwandte nie gesprochen habe. In ihrem Buch schreibe sie nun Briefe an diese Unbekannten. Ein Mann berichtet, sein Stiefvater habe ihm eingebläut, er dürfe nie erzählen, dass er in der Nazizeit in einem deutschen Waisenhaus aufgewachsen sei. «Genau das erzähle ich jetzt», sagt der Mann.

«Es ist befreiend, über all das zu schreiben, worüber man zu Hause nie reden durfte», schliesst sich eine Frau an. «Meine Nachkommen sollen mehr über mich wissen, als ich über meine Eltern und Grosseltern wissen durfte. Deshalb schreibe ich mein Buch.» In der Edition Unik sein Lebensbuch zu schreiben, kann möglicherweise eine teure Psychotherapie ersparen.

Weil die Lebensbücher bisweilen sehr privat sind, können die Autorinnen und Autoren entscheiden, ob das bei der Edition Unik hinterlegte Buchexemplar «in den Giftschrank» gehört. Ob es die Edition also vorzeigen und daraus zitieren darf oder nicht. Einige aber wagen den umgekehrten Weg an die Öffentlichkeit. Anfang April haben am ersten Generationencafé im Zürcher Lokal Karl der Grosse Unik-Autorinnen mit ihren Töchtern und Enkelinnen aus ihren Büchern vorgelesen. Über 80 Personen haben zugehört.

Drängende Deadline

Es ist später Nachmittag geworden, im Seminarraum herrscht nun Aufbruchstimmung. Die Autoren und Autorinnen verabschieden sich voneinander und wünschen sich gutes Gelingen. Elisabeth Leu eilt zum Zug, um am Abend zu Hause in Fräschels weiterzuarbeiten. Denn die Zeit drängt.

Am 2. Mai ist die unverschiebbare Deadline, am 10. Mai die Vernissage, an der man dann sein Buch empfängt. Und wenn man diesen Termin verpasst? Dann kriegt man eine zweite Chance. Denn die Nachfrage nach dem eigenen Lebensbuch ist so gross, dass Heller Enterprise nun zwei Durchgänge im Jahr anbietet.

Infos und Anmeldung:www.edition-unik.ch

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt