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Nach Strich und Faden

Womit beschäftigen sich Textilrestauratorinnen? Zum Beispiel mit Stoffen aus Zentralasien, die über tausend Jahre alt sind. Die Sonderausstellung in der Abegg-Stiftung in Riggisberg begibt sich auf Spurensuche.

Arbeit für präzise Schafferinnen: Bei der Restaurierung von Textilien kommen – ganz klassisch – Nadel und Faden zum Einsatz.
Arbeit für präzise Schafferinnen: Bei der Restaurierung von Textilien kommen – ganz klassisch – Nadel und Faden zum Einsatz.
zvg

Es herrscht eine Atmosphäre wie in einem Kloster im Atelier der Abegg-Stiftung. Regula Schorta, Direktorin der Abegg-Stiftung, führt eine Runde von Journalisten ins stille Reich der Textilrestauratorinnen. Hier sticheln und bügeln präzise Schafferinnen, «die vor allem Ausdauer brauchen», wie Schorta erklärt. Männer ergreifen diesen Beruf selten.

Eine junge Frau mit lila gefärbten Haaren hantiert an einer Büste. Das Büstenbauen ist Teil der Fachhochschulausbildung, die man in der Abegg-Stiftung absolvieren kann. Seit 1967 erforscht das weltweit bekannte Kompetenzzentrum historische Textilien. Die Stifter Werner und Margaret Abegg waren sich der Fragilität ihrer Schätze bewusst und richteten in weiser Voraussicht das Atelier für die Konservierung und Restaurierung ein. Dieses darf nur ausnahmsweise von Fachleuten oder an Sonderanlässen besucht werden. «Wie kämen sonst nicht mehr zum Arbeiten», sagt Schorta, die selbst vor vielen Jahren diese Ausbildung absolviert hat.

Erkennen und behandeln

Die von der Direktorin kuratierte Sonderausstellung «Spurensuche. Erhalten und Erforschen von Textilien» vermittelt aber auch ohne Ateliereinblick viel über diese geheimnisvolle Tätigkeit. Am Beispiel von kürzlich restaurierten, über tausend Jahre alten Textilien aus Zentralasien wird unter anderem mit Filmen dokumentiert, was einer Präsentation vorausgeht.

In einem ersten Schritt wird die Textilie von den Restauratorinnen wie ein Patient von einem Arzt unter die Lupe genommen. Schorta spricht von Anamnese. Der Begriff bezeichnet in der Medizin die Erfragung von relevanten Informationen. Ein Blutfleck? Staubschichten? «Fremdkörper erzählen stets etwas über die Geschichte des Objektes.» Diese gilt es zu verstehen. Restauriert wird nicht nach einem fixen Schema. Vielmehr muss für jeden «Patienten» eine individuelle Lösung gefunden werden.

Die Textilie muss gesichert werden, ohne dass dabei weitere Schäden verursacht werden. Dabei kommen meist – ganz klassisch – Nadel und Faden zum Einsatz. Was die Reinigung betreffe, restauriere man heute vorsichtiger als noch vor fünfzig Jahren, führt Schorta aus. Wasser komme weniger zum Einsatz, dafür nutze man vermehrt Mikrostaubsauger. «Es geht vor allem darum, der Textilie ihre Aussagekraft zurückzugeben», so Schorta.

Fragen um Fragen: Wer hat die antiken Gewänder getragen? Was sagen uns die Flecken? Bild: zvg
Fragen um Fragen: Wer hat die antiken Gewänder getragen? Was sagen uns die Flecken? Bild: zvg

Lautenspieler und Löwen

Der funkelnde Star der Ausstellung ist ein Gewebe, bei dem Mika, aus Mineralien gewonnener Glimmer, mit eingewoben wurde. Bling-Bling, das erst in der Nahsicht zu erkennen ist. Der zu dem Objekt gezeigte Film ermöglicht ein regelrechtes Eintauchen in die Struktur des komplexen Stoffes. Das glamouröse Stück aus dem 5. Jahrhundert entstammt einem kulturellen Schmelztiegel aus Taoismus, Buddhismus und Volksreligion. Ein unter einem Baum sitzender Lautenspieler, Jenseitssymbolik, Tiere und Rosetten ergeben ein liebliches Ganzes.

Bedeutend allein schon wegen ihrer Grösse sind zwei in Vitrinen präsentierte, zentralasiatische Behänge. Einander gegenüberstehende Hirsche in einem Medaillon wurden hier monumental umgesetzt, was als webtechnische Meisterleistung gilt. Die Datierung reicht ins 8. bis 9. Jahrhundert zurück. Wie damals gewebt wurde? Darüber könne nur spekuliert werden, erklärt Schorta. Auch über die Funktion der Textilien wisse man oft nur wenig. Haben sie in einem Grab gelegen, einen Tempel oder einen Saal ausgestattet?

Nur eines kann man ahnen: Die Lust am schönen Schein reicht weit zurück.

Ausstellung: bis 12. November in der Abegg-Stiftung, Riggisberg. www.abegg-stiftung.ch

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